„Der gute Beamte prüft zunächst die Zuständigkeit.“ 

Diesen Satz hörte ich in meinen ersten Wochen in einer deutschen Sicherheitsbehörde des öfteren von meinem damaligen (mit viel Humor gesegneten) Chef immer dann, wenn ich eine neue Idee hatte, wie man Vorgänge abkürzen oder schneller an ein gewünschtes Ergebnis kommen konnte. 

Was ich anfangs für einen feinsinnigen Witz hielt, sollte sich bald als für mich zunehmend schmerzvolle Realität entpuppen. Denn sehr viele der mich umgebenden Beamten (und Angestellten) im Verwaltungsapparat hielten sich geradezu sklavisch an dieses Mantra – und erwarteten dies auch von mir. Ich lernte nach und nach, mich im Dschungel der Nicht-Zuständigkeiten zu bewegen, denn anders gab es kaum ein Vorankommen im Sinne konkreter Ergebnisse.

Diese Haltung des Nicht-Zuständig-Seins ist indes nicht auf Behörden beschränkt.

Beim Thema Sicherheit begegnet sie mir am am häufigsten in meinen Sicherheitstrainings – als Frage von Teilnehmern, die immer dann kommt, wenn es um das Thema „Verantwortung“ geht.

Die Antwort: Sie selber – und dafür gibt es drei gute Gründe.

Verantwortung ist eine zentrale Frage der Reisesicherheit

Denn tatsächlich ist diese Frage von zentraler Bedeutung für die eigene Reisesicherheit: Wer ist verantwortlich für die eigene Sicherheit im Ausland?

In diesem Artikel erkläre ich

  • warum Sie bewusst die Verantwortung für Ihre persönliche Sicherheit übernehmen sollten
  • was sich verändert, wenn Sie diese Verantwortung bewusst übernehmen
  • welche Bedeutung potentiellen Helfern wie Botschaften und Sicherheitsbehörden dabei haben 
  • wer Ihnen vor Ort im Falle einer Bedrohung oder in einem Notfall helfen kann.

Sicherheit beginnt mit einer Entscheidung

Sicherheit ist auch und vor allem eine Frage der angemessenen inneren Einstellung, des richtigen Mindsets. Daher beginnt Ihre persönliche Sicherheit mit einer Entscheidung. 

Diese Entscheidung lautet: Sie erklären sich zuständig für Ihre Sicherheit. 

Das klingt banal, aber diese Entscheidung hat aber in der Praxis weitreichende Konsequenzen. Denn diese verändert Ihr gesamtes Mindset: Sie übernehmen ab sofort die Verantwortung. Sie sind zuständig. Sie verlassen sich nicht länger auf andere, die Ihre eigene Sicherheit gewährleisten sollen.

In meinen Sicherheitstrainings reagieren manche Teilnehmer geradezu empört, wenn Sie hören, dass sie nun selber die Verantwortung übernehmen sollen. Wozu habe man schließlich die Polizei? Die Botschaften und Konsulate? Irgendwer werde doch wohl zuständig sein!

Nun ja. 

Tatsächlich lässt sich Sicherheit nur sehr begrenzt delegieren. 

Hier sind die drei Gründe, warum Sie bewusst die Verantwortung für Ihre eigene Sicherheit übernehmen sollten:

  1. Die Zahl und die Ressourcen Ihrer potentiellen Helfer im Ausland sind begrenzt
  2. Es verbessert Ihre eigene Wahrnehmung für Gefahren und Risiken – und hilft auf diese Weise Bedrohungen durch Kriminelle zu verringern 
  3. Es zwingt dazu, den Tatsachen ins Auge zu sehen und die Realitäten im Zielland anzuerkennen.

Grund #01: Die Zahl und die Ressourcen Ihrer Helfer sind begrenzt

Eine wichtige Anlaufstelle für Geschäftsreisende, Expats, für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen oder Touristen bei Problemen im Ausland sind die Botschaften und Konsulate des eigenen Landes. Botschaften und Konsulate haben unter anderem die Aufgabe, in Not geratene Staatsangehörigen vor Ort zu unterstützen.

Die Betonung liegt hier auf „unter anderem“. In der Praxis haben diese Institutionen eine Vielzahl von Aufgaben zu erfüllen. Daher sind die Ressourcen dieser Institutionen naturgemäß begrenzt. 

Begrenzt insofern, weil nicht in allen Ländern der Welt Botschaften des eigenen Landes existieren. Das gilt auch für Deutschland. In Syrien zum Beispiel unterhält Deutschland gegenwärtig keine Botschaft, statt dessen werden die Interessen der Bundesrepublik aktuell von der Botschaft der Tschechischen Republik in Damaskus wahrgenommen.

Wer als Geschäftsreisender oder Expat im Auftrag unterwegs ist, der kann mitunter auf die Unterstützung durch die Konzernsicherheit des eigenen Unternehmens zählen. Denn Unternehmen sind im Rahmen der Fürsorgepflicht dazu verpflichtet, für die Sicherheit der eigenen Mitarbeiter auf Reisen zu sorgen. Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) kann die Aufgaben der Konzernsicherheit auch ein externer Dienstleister übernehmen, sofern keine eigenen Strukturen vorhanden sind.

Die Polizei ist nicht immer Ihr Freund und Helfer

Aber die Botschaft oder auch die Konzernsicherheit Ihres Unternehmens, das Risk Management Office oder Sicherheitsbüro kann Ihnen im Ausland nur sehr begrenzt helfen, wenn Sie dort im Gefängnis landen, weil Sie es für eine gute Idee hielten, unbedingt dieses grüne Kraut in der Hotelbar rauchen zu müssen. Die lokalen Gesetze gelten auch für Sie; Ihre Nationalität schützt Sie nicht vor Strafe bei Drogenbesitz und anderen Aktivitäten, die vor Ort illegal sind.

Kalkulieren Sie ebenso ein, dass Botschaften und Konsulate eine Reaktionszeit benötigen. Rechnen Sie mit mehreren Stunden bis mehreren Tagen, bevor Sie tatsächlich einen offiziellen Vertreter zu Gesicht bekommen. Denn der im Notfall für Sie zuständige Verbindungsbeamte des Bundeskriminalamtes (BKA) mag seinen Sitz in Kairo/Ägypten haben, zuständig ist er aber ebenso für den Sudan.

Bleiben schließlich die Polizei und andere Sicherheitskräfte vor Ort. Hier ist Skepsis angesagt, besonders in fragilen Staaten. Denn zum einen können die lokalen Sicherheitskräfte oft nur begrenzt für Ihre Sicherheit sorgen (vor Terroranschlägen oder kriminellen Übergriffen zum Beispiel), zum anderen wollen diese das meist gar nicht.

Besonders in fragilen Staaten ist die Rolle zum Beispiel der Polizei häufig vielschichtig, um es höflich auszudrücken. In vielen Ländern sind Polizisten mehr an der eigenen Bereicherung interessiert als daran, sich von einem Wildfremden unnötige Arbeit bescheren zu lassen. Das wiederum liegt meist daran, dass das monatliche Salär von Polizisten häufig sehr bescheiden ausfällt, so es denn überhaupt regelmäßig gezahlt wird. 

Statt Hilfe sind hier also lediglich weitere Probleme zu erwarten. Es gibt gute Gründe, warum die Menschen in fragilen Staaten die Polizei oft meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Grund #02: Es verbessert Ihre Wahrnehmung für Gefahren und Risiken

Sobald Sie bewusst die Verantwortung für Ihre eigene Sicherheit und damit für Ihre eigenen Handlungen übernehmen, ändert sich die eigene Haltung. Sie fangen an, bewusst auf Ihre Umgebung zu achten, um mögliche Gefahren frühzeitig erkennen und darauf reagieren zu können. 

Dieser bewusste Schritt fällt vielen Westeuropäern mit wenig Reiseerfahrung häufig schwer. Denn er bedeutet einen Paradigmenwechsel, eine fundamentale Veränderung. Diese ist unbequem, weil sie die Menschen aus der eigenen Komfortzone zwingt. Statt die eigene Aufmerksamkeit auf „schöne Dinge“ (Sehenswürdigkeiten, Landschaften, die Hotelbar) zu richten, sollen sie auf einmal ihre Umgebung scannen, ob sich Kriminelle heranpirschen könnten. Das fühlt sich für die meisten Menschen erst einmal nicht gut an. 

Der Grund, warum dieser Wechsel gerade vielen Menschen aus Westeuropa so schwer fällt: Sehr viele Menschen in Westeuropa haben eine unzureichende Wahrnehmung von Gefahren und Risiken. Das wiederum hat mit der eigenen Sozialisiation zu tun, in der es offensichtlich kaum Berührungspunkte mit Gefahr und Risiken gab und der Staat durch seine Sicherheitsorgane alles immer irgendwie geregelt hat.

Vollkasko trübt die Wahrnehmung

Deutschland ist ein gutes Beispiel für ein Land mit einer Vollkasko-Mentalität: Für jeden Fall und Notfall gibt es irgendeine Behörde, Gewerkschaft, Bank oder Versicherung, die sich für zuständig erklärt. Und viele Menschen nehmen das gerne in Anspruch. Es ist bequem und gibt ein Gefühl der Sicherheit. Der Nachteil ist eine schleichende Entmündigung. Ein solches Klima fördert Naivität und Nachlässigkeit im Umgang mit Gefahr und Risiken und erschwert das Leben und Reisen in Ländern mit weniger Ordnung und Regelungen deutlich. 

Die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen, steigt in der Regel mit zunehmender Reiseerfahrung, vor allem in jenen Ländern ohne funktionierende Herrschaft des Rechts. Es ist ein Prozess der Anpassung an die Realitäten anderswo.

Grund #03: Reality check – Sie müssen die Realitäten im Zielland akzeptieren

Die Realitäten im Zielland unterscheiden sich mitunter fundamental von den Verhältnissen zuhause. Anders gesagt: Was in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gilt, das hat deswegen nicht auch Gültigkeit in Mauretanien oder in Pakistan. Das klingt gewiss banal. Der Punkt ist: Es fällt vielen Menschen schwer, diese Andersartigkeit nicht nur zu erkennen, sondern auch zu akzeptieren und das eigene Verhalten darauf einzustellen.

In meinen Sicherheitstrainings und meinen Briefings zur Sicherheitslage erlebe ich es immer wieder, dass Teilnehmer Schwierigkeiten damit haben, die Realitäten in einem spezifischen Land zu akzeptieren. Sie sehen, was sie sehen wollen. Sie wollen nicht sehen, was ist.

So werden Risiken ignoriert, Realitäten umgedeutet, wenn es nicht in das eigene Weltbild passt. Was jemand sieht, hat überwiegend mit seiner individuellen Vita, seiner Motivation für die Reise und mit seinen Wünschen, Plänen und Werten zu tun. Es sagt mehr über den Reisenden aus über als das jeweilige Land.

Wer unangenehme Realitäten ignoriert, macht sich verwundbar

Das trifft in meiner Erfahrung häufig auf Touristen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zu. Die einen wollen oft nur die schönen Seiten eines Landes sehen. Die anderen haben oft eine Agenda, der sie verpflichtet sind und die sie mitunter davon abhält, Gefahren als solche zu benennen.

Ein Beispiel aus dem Sudan:

Der aus Europa stammende Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der im Westen Sudans lebte und arbeitete, weigerte sich partout, der Empfehlung seines Sicherheitsmanagers zu folgen, nachts die Tür seines Wohnhauses abzuschließen. Er war der lokalen Bevölkerung gegenüber gutwillig eingestellt und wollte diese positive Grundhaltung nicht durch öffentlich demonstriertes Misstrauen schmälern.

Der Mitarbeiter ging sehr offen damit um, seine Gewohnheit sprach sich herum. Nach einigen Monaten drangen schließlich zwei Mitglieder einer kriminellen Gang nachts in das Haus des Mitarbeiters ein, verprügelten ihn heftig und raubten alle Wertsachen. Die körperlichen Verletzungen heilten bald, aber die psychologischen Nachwirkungen dieses Vorfalls brachten den Mitarbeitern dazu, seinen Aufenthalt vor Ort wenige Wochen später abzubrechen und nach Europa zurückzukehren.

In der Folge entstehen sogenannte blind spots, blinde Stellen in der eigenen Wahrnehmung. Diese ausgeblendeten Aspekte der Realitäten steigern jedoch die eigene Verwundbarkeit und erhöhen damit die eigenen Risiken, beispielsweise Opfer eines Raubüberfalls zu werden. 

Auch dies ist eine Grundregel der Reisesicherheit: Erfassen und verstehen Sie die eigene Situation! Erkennen und akzeptieren Sie die Realitäten in Ihrem Zielland.

Fazit

Sie sind verantwortlich für Ihre Sicherheit. Denn Sicherheit lässt sich nur bedingt delegieren. Es gibt zwar Netzwerke, Hilfsstrukturen und Notfall-Prozeduren, auf die Sie im Bedarfsfall zurückgreifen können. Dies funktioniert jedoch nur, wenn Sie selbst aktiv dazu beitragen. Viel wichtiger ist es, es gar nicht erst zu einem Notfall kommen zu lassen. 

Prävention geht immer vor Reaktion.

Es gibt drei gute Gründe, warum Sie die Verantwortung für Ihre Sicherheit übernehmen sollten:

  1. Potentielle Helfer und deren Ressourcen sind begrenzt.
  2. Sie verbessern Ihre eigene Wahrnehmung
  3. Sie lernen, die Realitäten vor Ort zu akzeptieren.

Wenn Sie sich aktiv entscheiden, die Verantwortung für Ihre Sicherheit zu übernehmen, passiert in der Regel Folgendes:

  1. Ihre Wahrnehmung verbessert sich.
  2. Sie sind zu einem aufrichtigen reality check gezwungen.
  3. Sie müssen Ihre Komfortzone verlassen. 

Das richtige Mindset kann Ihre persönliche Sicherheit auf Reisen signifikant erhöhen. Wer hingegen unangenehme Realitäten ignoriert, macht sich verwundbar.

Gute Reise!

 

Wer sorgt für IHRE Sicherheit im Ausland? Welche Erfahrungen haben Sie mit Botschaften und Sicherheitsbehörden gemacht? Ich freue mich über Ihre Kommentare!

 

© Fotos: Pixabay, Florian Peil, Pexels

Interkulturelle Kompetenz wird in der Sicherheitsbranche gerne als sogenanntes „weiches Thema“ belächelt. Weiches Thema im Sinne von: nicht wichtig, ohne Priorität. In der Folge wird das Thema bei der Vorbereitung von Reisenden gerne vernachlässigt. Ein Fehler.

Denn diese Haltung ist falsch. Interkulturelle Kompetenz ist im Gegenteil die entscheidende Fertigkeit, die es ermöglicht, die persönliche Sicherheit bei Auslandsreisen signifikant zu erhöhen. Das gilt beruflich wie privat, für Geschäftsreisende und Expats ebenso wie für Touristen. Dabei gilt der Grundsatz: Je mehr Risiken in einem Zielland existieren, desto wichtiger ist interkulturelle Kompetenz für die persönliche Sicherheit.

Interkulturelle Kompetenz ist die entscheidende Voraussetzung für einen sicheren Aufenthalt im Zielland.

Es existieren zahlreiche Definitionen, was interkulturelle Kompetenz ist. Für mich bedeutet es: in der Lage zu sein, sich mit Angehörigen anderer Kulturen zu verständigen und erfolgreich zu kommunizieren. Dies setzt voraus, die Regeln und Werte anderer Kulturen nicht nur zu kennen, sondern auch zu verstehen, wie andere Menschen „ticken“.

Warum interkulturelle Kompetenz die eigene Sicherheit im Ausland erhöht

Bei Auslandsreisen können – abhängig vom Reiseziel – eine Vielzahl von Risiken auftreten. Dazu zählen zum Beispiel Naturgefahren wie Erdbeben und Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber. 

Die Risiken, mit denen Reisende am häufigsten konfrontiert sind, werden jedoch von andere Menschen verursacht. Dazu zählen vor allem Kriminalität in den unterschiedlichsten Ausprägungen, Terrorismus, Unruhen und sexuelle Belästigung. 

Die größte Bedrohung für die eigene Sicherheit auf Reisen sind andere Menschen.

Es sind also in erster Linie andere Menschen, die für die Einschränkung bzw. Gefährdung der eigenen Sicherheit verantwortlich sind. Interkulturelle Kompetenz hilft dabei, frühzeitig zu erkennen, ob Menschen mir feindlich gesinnt sind und mir Böses wollen. Nur dann kann ich frühzeitig reagieren und Maßnahmen treffen, um der Bedrohung zu entgehen oder sie abzuwehren. 

Interkulturelle Kompetenz trägt somit entschieden dazu bei, die Risiken im Ausland zu reduzieren.

Um sich interkulturell kompetent verhalten zu können, muss man verstehen, wer die Menschen im Zielland sind – und wie diese ticken. Nur wer die lokalen Spielregeln vor Ort kennt, kann danach spielen. Diese „Spielregeln“ konstituieren sich aus den jeweiligen Sitten und Gebräuche, aus Werten, Normen und Tabus.

Andere Länder, andere Spielregeln

Andere Länder, andere Spielregeln

Ein Kulturschock macht verwundbar

Der kritischste Punkt einer Reise ist die Ankunft in einem bis dahin unbekannten Land sowie die Periode der ersten Eingewöhnung. 

Wer in Frankfurt am Main ins Flugzeug steigt und nach rund acht Stunden im indischen Mumbai landet, der ist müde und erschöpft von der Reise – und betritt mit Verlassen des Flughafens zudem eine völlig neue Welt. Neue Gerüche und Klänge strömen auf sie oder ihn ein, dazu die feuchtheiße Luft und dann die Menschen: viele, sehr viele Menschen. Sehr nah. Sie sehen anders aus, sie reden schnell, und alle scheinen sie etwas anzubieten oder etwas zu wollen. 

Wer ein solches Gewusel vorher noch nicht erlebt hat, der ist gänzlich überfordert von der Vielzahl der Eindrücke. Nicht selten setzt in einer solchen Situation ein Kulturschock ein; die Dosis an Fremdem und Neuem ist zu hoch, die eigene Aufmerksamkeit überfordert – und schaltet in einen Alarmmodus. In der Folge scheint mit einem Mal jeder Mensch eine potentielle Bedrohung zu sein.

In dieser Phase der ersten Anpassung an die neue Umgebung sind wir verwundbar, da wir Menschen und ihre Motivation schwerer einschätzen können als in unserer gewohnten Umgebung.

Wie man interkulturelle Kompetenz erwirbt

Interkulturelle Kompetenz ist Übungssache und lässt sich nur im Zielland erwerben. Die persönliche Anwesenheit und der regelmäßige Umgang mit Menschen der jeweiligen Kultur ist notwendig. Ohne Offenheit, Neugierde und Lernbereitschaft geht es nicht. Eine theoretische Vorbereitung durch Trainings oder Bücher hilft, ist aber nur ein kleiner Teil der Miete. Nichts ersetzt die persönliche Anwesenheit vor Ort.

Die Aufgabe im Zielland besteht nun darin, die eigene Intuition neu zu kalibrieren. Denn die funktioniert zwar (hoffentlich) zuhause, aber nicht in der Fremde. Was zuhause in Flensburg gilt, hat bereits im Bayerischen Wald nur noch beschränkte Gültigkeit. Und in Mumbai bieten die bisherigen Erfahrungen gar keinen Halt mehr.

Es gilt also,  die eigene Intuition auf die neue Umwelt und die neuen Verhältnisse einzustellen, und das möglichst schnell. Aber diese Kalibrierung braucht Zeit. Interkulturelle Kompetenz erwerbe ich nicht an einem Tag. Bis dahin müssen wir uns mit anderen Mitteln über Wasser halten. 

Hilfreich ist hierbei das in der Praxis bewährte Konzept von Standards und Anomalien, das ich bereits in meinem Blog über Low Profile kurz beschrieben habe.

Das Konzept besagt, das es in jedem Land, jeder Stadt, für jede Person so etwas wie einen Standard, einen Konsens darüber gibt, was als normal gilt. Dieser Standard ist jenes menschliche Verhalten, das in einer bestimmten Umgebung zu einer bestimmten Zeit als alltäglich und gebräuchlich gilt. 

In jeder Umgebung, in der man sich bewegt, sollte man den geltenden Standard ausmachen und ihn für sich definieren. Denn auf dieser Grundlage lassen sich Abweichungen von der Norm erkennen.

Das bewusste und systematische Einsetzen dieses Konzepts schult die eigene Wahrnehmung. Es hilft, die eigenen Erfahrungen besser zu erfassen und zu verstehen.

Fakt ist: Mit jedem Tag vor Ort verbessert sich die eigene interkulturelle Kompetenz – ein wenig persönliche Offenheit und Neugierde vorausgesetzt. Nach einiger Zeit hat sich unsere Intuition neu kalibriert, wir handeln dann aus dem Bauch heraus „richtig“ und können erfolgreich mit Menschen kommunizieren und ihre Intentionen schneller und frühzeitiger verstehen. Rasch erkennt man, ob das Verhalten von Mitmenschen als „normal“ einzustufen ist oder eine potenzielle Bedrohung darstellt.

Durch den Aufbau interkultureller Kompetenz erhöhen wir also gleichzeitig unsere Resilienz, unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber Bedrohungen und Krisen.

Wüstenwanderer

Wenn Sie alleine sind, spielt interkulturelle Kompetenz keine Rolle.

Für wen interkulturelle Kompetenz wichtig ist (und für wen nicht)

Interkulturelle Kompetenz ist umso wichtiger, je mehr Kontakt mit der lokalen Bevölkerung stattfindet und je fragiler die Verhältnisse im Land sind.

Gerade Menschen, die in fragilen Staaten und in volatile Verhältnissen leben, haben ein sehr feines Gespür für Schwingungen. Sie müssen jederzeit und möglichst frühzeitig wissen, ob von anderen Menschen Gefahr droht, wie diese einzuschätzen sind. Dies kann überlebenswichtig sein.

Faustregel: Je ländlicher die Umgebung im Zielland ist, desto größer sind die interkulturellen Unterschiede. In Großstädten und dort vor allem in geschäftlichen Kontexten verschwimmen diese Grenzen hingegen häufig. Hier ist die Bevölkerung heterogener, Menschen aus zahlreichen Ländern, Ethnien, Stämmen, Gruppen und sozialen Schichten leben hier zusammen.

Besonders wichtig ist interkulturelle Kompetenz für Expats, die für mehrere Monate oder gar Jahre in ihrem Zielland leben, sowie für NGOs und Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Ebenso für Journalisten, Wissenschaftler wie Archäologen oder Ethnologen und Reisende, die abseits der üblichen Touristenpfade und vor allem im ländlichen Raum unterwegs sind.

Sicherheit beginnt mit dem Verstehen des anderen.

Weniger wichtig ist interkulturelle Kompetenz für Geschäftsreisende mit einem beschränkten Bewegungsradius und einer kurzen Aufenthaltsdauer: Wer nur drei Tage in der Hauptstadt weilt und außer Flughafen, Hotel und Konferenzraum nichts sieht, der muss in erster Linie mit seinen Geschäftspartnern zurechtkommen. Interkulturelle Kenntnisse werden erst dann sicherheitsrelevant, wenn es zu Zwischenfällen kommt und die Geschäftsreise nicht so verläuft wie geplant: Wenn zum Beispiel das Taxi eine Panne hat und der Reisende plötzlich in einem unbekannten Stadtviertel gestrandet ist.

Auch für Ingenieure und Projektmitarbeiter, die auf sogenannten Greenfield-Anlagen mitten im Nirgendwo, fernab von Städten und Infrastruktur arbeiten, ist interkulturelle Kompetenz oft von nachrangiger Bedeutung. Selbst wenn in ihren Projekten Einheimische mitarbeiten, so obliegt die Aufsicht und Organisation meist international ausgebildeten Kräften. Wer die Baustelle nie verlässt, für den ist es nicht so wichtig zu wissen, wie die Einheimischen ticken. Oder: Wo niemand ist, muss man auch niemanden verstehen – so lange es nicht zu Sicherheitsvorfällen kommt, die den Kontakt mit der lokalen Bevölkerung unausweichlich machen. In diesem Punkt ähneln sich Baustellen und Pauschaltouristen – beide verlassen nur selten das ihnen zugewiesene Areal.

Fazit

Interkulturelle Kompetenz ist die zentrale Fähigkeit, die dazu beiträgt, die eigene Sicherheit auf Reisen signifikant zu erhöhen. Nur wer versteht, wie seine Mitmenschen ticken und was sie antreibt, kann ihr Verhalten einschätzen und erkennen, ob sich eine Bedrohung abzeichnet oder nicht – um dann entsprechend frühzeitig handeln zu können.

Gute Reise!

 

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wann hat Ihnen Sie Ihre interkulturelle Kompetenz vor brenzligen Situationen bewahrt? Teilen Sie Ihre Erfahrungen in den Kommentaren!

 

© Fotos: Florian Peil