In Teil 4 der Serie „Verhalten bei Terroranschlägen“ geht es um das richtige Verhalten bei Entführungen und Geiselnahmen.

Weitere Verhaltenstipps finden Sie in den anderen Teilen der Serie: Teil 1 (Sprengstoffanschlag), Teil 2 (Active Shooter), Teil 3 (Brandanschlag).

Entführungen und Geiselnahmen durch Terroristen sind keine Terroranschläge im herkömmlichen Sinn. Dennoch gehören sie zum Repertoire von Terroristen in aller Welt. Als taktisches Mittel können Geiselnahmen Teil komplexer Terroranschläge sein. Denn sie helfen Terroristen, eine hohe mediale Aufmerksamkeit für ihr jeweiliges politisches Anliegen zu sichern.

Beispiele für Geiselnahmen als Teil von Terroranschlägen sind die Anschläge auf das Bataclan in Paris im November 2015 oder auf die Holey Bakery in Dhaka, Bangladesch, im Juli 2016.

Grundsätzlich gilt: Entführung ist nicht gleich Entführung. Es existieren zahl­reiche Varianten, da die Motive der Täter jedes Mal andere sind. So ist beispielsweise die Grenze zwischen Krimina­lität und Terrorismus in vielen Fällen fließend.

Dennoch gibt es einige Verhaltensregeln, deren Einhaltung die Wahrscheinlichkeit des Überlebens im Entführungsfall erhöht.

 

Risiko einer Entführung minimieren

Vorweg: Vermeiden Sie unnötige Risiken und wählen Sie Ihre Reiseziele bewusst.

Reisen Sie nicht in Regionen mit einem hohen Entführungsrisiko, wenn Sie nicht unbedingt müssen. Wenn Sie dennoch in solche Gebiete fahren, dann informieren Sie sich vorab genau über Ihr Reiseziel und planen Sie Ihren Reiseweg entsprechend, um das Ri­siko einer Entführung zu minimieren.

Sollten Sie dennoch Opfer einer Entführung werden, hal­ten Sie sich vor Augen, dass die Kidnapper ein Interesse daran haben, Sie – zumindest für eine Weile – am Leben zu erhalten. Ihre einzige Aufgabe besteht im Überleben.

In den meisten Fällen ist Flucht keine Option. Tatsächlich versuchen nur wenige Entführte zu fliehen, weil ihnen bewusst ist, dass sie ein Fluchtversuch das Leben kosten kann.

Das geringste Risiko liegt darin, sich passiv und ko­operativ zu verhalten und nicht aufzufallen. Widersetzen Sie sich nicht Ihren Entführern und provozieren Sie keine Gewalt.

Versuchen die Entführer, mit Ihnen zu kommunizieren, vermeiden Sie direkten Augenkontakt. Antworten Sie ehr­lich auf Fragen, denn in einer Stresssituation werden Sie nicht mehr alle vermeintlich trainierten Antworten re­konstruieren können und sich stattdessen in Widersprü­che verstricken. Das kann die Aggressivität der Entführer erhöhen und Ihre Überlebenschancen mindern.

Von Anfang geht es darum, den Schock des Kontrollver­lustes durch die Entführung zu mildern und den eigenen Handlungsspielraum nach und nach auszudehnen. Ihre Reaktion auf das Geschehen wird zunächst aus Furcht, Schock und einem Gefühl der Desorientierung bestehen. Mentale Übungen, ruhiges Atmen und Meditation kön­nen hier helfen. Über die Zeit wird sich die Situation sta­bilisieren.

 

Verhaltensregeln für den Fall einer Entführung

Folgende Verhaltensregeln erhöhen die Wahrscheinlich­keit Ihres Überlebens:

1 / Gewinnen Sie so viel Kontrolle wie möglich zurück. Dies umfasst Ihren Geist ebenso wie Ihren Körper. Koope­rieren Sie und befolgen Sie die Anweisungen der Entfüh­rer, aber ziehen Sie innerlich klare Grenzen in Bezug auf Ihre persönlichen Werte und Einstellungen, sodass Ihre eigene Integrität gewahrt bleibt. Machen Sie sich klar, dass nicht Sie persönlich gemeint sind, sondern dass Sie als Mittel für einen bestimmten Zweck dienen.

2 / Beschäftigen Sie Ihr Gehirn, um Panik zu vermeiden. Bestimmen Sie, was Sie denken, indem Sie sich selbst im­mer wieder neue Aufgaben stellen: Prägen Sie sich bereits zu Beginn der Entführung die Fahrtroute ein, schätzen Sie Zeitdauer und Zeitintervalle, versuchen Sie, Geräusche wahrzunehmen und einzuordnen: Befinden Sie sich in einer Stadt oder fahren Sie hinaus aufs Land? Dies hilft nicht allein, Ihre Panik zu kontrollieren, sondern kann den Sicherheitsbehörden später auch bei der Auf­klärung helfen.

Dasselbe gilt bei der Ankunft am Ort Ihrer Gefangenschaft: Vermögen Sie festzustellen, wo genau Sie sind? Hat man Sie im Keller eingesperrt oder sind Sie auf einem Dach­boden? Wie viele Türen und Fenster gibt es? Welche Geräusche hören Sie? Wenn man Sie in ein fensterloses Verlies gesperrt hat, können Sie Wege finden, das Verstrei­chen der Zeit auch ohne Uhr und ohne Tageslicht zu messen: Wie viele Mahlzeiten gibt es? Wann wechselt die Temperatur?

Es geht um Orientierung.

 

Optimismus hilft beim Überleben

Für Ihr Überleben ist es von entscheidender Bedeutung, dass Sie optimistisch bleiben. Lassen Sie sich nicht hän­gen, machen Sie sich immer wieder bewusst, dass dort draußen andere Menschen an Ihrer Befreiung arbeiten. Ihre Entführer wollen in der Regel ebenfalls, dass Sie am Leben bleiben, denn tot nützen Sie ihnen nichts mehr. Sie sind ein Tauschgegenstand, ein Mittel zum Zweck.

Aus­nahmen hiervon sind Entführungen, bei denen Geiseln durch eine medienwirksame Inszenierung ihres Todes für die terroristische Propaganda instrumentalisiert werden. Der Islamische Staat (IS) machte 2014 und 2015 vor allem durch seine überaus brutalen Videos von Enthauptungen meh­rerer Geiseln von sich reden. Ein Pilot der jordanischen Luftwaffe wurde bei lebendigem Leibe verbrannt.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für Ihr Überleben im Entführungsfall ist Selbstrespekt. Zeigen Sie gegen­ über Ihren Entführern nach Möglichkeit weder Traurigkeit noch Schwäche, auch wenn es gerade zu Beginn einer solchen Gefangenschaft hart ist, sich an den Kontrollver­lust und die ungewohnten Umstände zu gewöhnen. Dies wird mit der Zeit einfacher.

 

Fitness und Hygiene erhöhen Ihre Resilienz

3 / Trainieren Sie Ihren Körper. Tägliche Übungen verbes­sern Ihren körperlichen Zustand. Zudem helfen sie gegen die allgegenwärtige Langeweile der Gefangenschaft und wirken sich positiv auf Ihren mentalen Zustand aus. Damit Sie in Form bleiben, müssen Sie regelmäßig essen. Lehnen Sie das Essen nicht ab, das Ihnen die Entführer geben. Sie brauchen Energie, um zu überleben. Eine even­tuelle Angst, die Entführer hätten das Essen vergiftet, ist unbegründet. Es gäbe für sie leichtere Möglichkeiten, Sie zu töten.

4 / Achten Sie auf Ihre persönliche Hygiene. Entwickeln Sie Routinen, um den eigenen Körper zu reinigen, soweit die Umstände dies erlauben. Eine über längere Zeit un­terlassene Körperhygiene kann in extremen Klimaverhält­nissen wie Wüsten oder Urwäldern fatale Folgen haben. Zudem ist Körperpflege Ausdruck Ihres Selbstrespekts und dient der Abgrenzung: Sie wollen nicht aussehen wie Ihre Geiselnehmer. Als Mann schneiden Sie wenn möglich Ihre Haare und rasieren sich. Tragen Sie, sofern es Ihnen er­laubt ist, weiterhin Ihre eigene Kleidung als Ausdruck Ihrer eigenen Persönlichkeit.

5 / Bauen Sie eine persönliche Beziehung zu Ihren Entführern auf – in Maßen. Ihr Ziel sollte eine kontrollierte Kooperation sein. Bewahren Sie zu Anfang Distanz und gewinnen Sie zunächst einen Eindruck von Ihren Geisel­nehmern. Versuchen Sie, die unterschiedlichen Persönlich­keiten und Charaktere einzuschätzen: Wer ist Anführer, wer Mitläufer? Wer freundlich, wer ein Sadist? Sobald Sie diesbezüglich etwas Klarheit haben, etablieren Sie vor­sichtig und gezielt den Kontakt zu ausgewählten Geisel­nehmern.

Gelingt Ihnen das, können Sie eventuell Ihren Handlungsspielraum erhöhen, erhalten mehr Essen, dür­fen häufiger auf die Toilette oder können Ihren persön­lichen Komfort auf andere Weise steigern. Außerdem fällt es (psychisch gesunden) Menschen deutlich schwerer, diejenigen zu töten, zu denen sie eine persönliche Bezie­hung aufgebaut haben.

 

Entführer und Entführte: gefährliche Nähe

Bei alledem ist dennoch höchste Vorsicht geboten: Geisel und Geiselnehmer werden durch die extreme Situation und die damit verbundenen emotionalen Belastungen ungewollt zusammengeschweißt. Die Grenzen zwischen beiden Parteien können gerade bei länger andauernden Entführungssituationen verschwimmen. So kann es pas­sieren, dass Geiseln ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen und Sympathie und Verständ­nis für deren Sache entwickeln.

Dieses als »Stockholm­ Syndrom« bekannte psychologische Phänomen kann dazu führen, dass die Geiseln mit ihren Geiselnehmern koope­rieren oder diese gar gegenüber Polizei und Sicherheits­kräften zu schützen versuchen.

Im Anschluss an eine überstandene Entführung empfiehlt sich in jedem Fall eine psychologische Behandlung, um die extreme Situation bestmöglich zu verarbeiten und Folge­wirkungen möglichst zu mildern.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Terrorismus – wie wir uns schützen können“ (Murmann, 2016.)

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ist Sicherheitsberater mit dem Schwerpunkt Nahost und Nordafrika. Der studierte Islamwissenschaftler war von 2006 bis 2011 Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde im Bereich der Terrorismusbekämpfung. Seit 2012 ist der Autor des Buches „Terrorismus – wie wir uns schützen können“  als Sicherheitsberater für Unternehmen und Hilfsorganisationen tätig.

In Teil 3 der Serie geht es heute um das richtige Verhalten in einer Gefahrensituation, die durch einen Brandanschlag verursacht wird.

In Teil 1 ging es um das richtige Verhalten bei einem Sprengstoffanschlag. Teil 2 der Serie beschreibt Maßnahmen, wie man die extreme Gefahrensituation eines bewaffneten Angriffs durch Active Shooter.

 

Das richtige Verhalten bei einem Brandschlag

Das Handlungsprinzip bei Brandanschlägen lautet grundsätzlich: Melden – Retten – Bekämpfen. Es entspricht damit den Sofortmaßnahmen, die auch bei aus anderen Gründen entstandenen Bränden zunächst einzuleiten sind.

Sobald Sie also einen Brand feststellen, melden Sie diesen zu­erst der Feuerwehr unter der Telefonnummer 112, die glei­chermaßen für Festnetz­ und Mobilverbindungen gilt.

Machen Sie der Feuerwehr gegenüber möglichst genaue Angaben über die Brandstelle und den Umfang des Feuers. Warten Sie eventuelle Rückfragen ab, bevor Sie auflegen.

 

Erst melden, dann retten

Erst im zweiten Schritt geht es um die Rettung von Men­schenleben. Warnen Sie die in dem Gebäude befindlichen Personen. Nicht jeder wird den Brandausbruch bemerkt haben. Betätigen Sie dazu einen der Feuermelder, sofern vorhanden, und binden Sie anschließend weitere Perso­nen ein, die Sie bei der Evakuierung unterstützen.

Den­ken Sie dabei an Ihren eigenen Schutz. Schließen Sie die Brandschutztüren und betätigen Sie die Rauchab­zugsklappen, falls das Gebäude darüber verfügt. Dies kann die Ausbreitung des Brandes verhindern.

Verlassen Sie den Gefahrenbereich. Tun Sie dies zügig, aber ohne in panische Eile zu verfallen. Behalten Sie stets die Kont­rolle über Ihr Handeln! Entscheidend ist das disziplinierte und geordnete Verhalten aller Personen, die sich im Ge­bäude befinden. Angst und Panik können zu unkontrol­lierten Fluchtreaktionen führen, beispielsweise indem sich die betroffenen Personen der Gefahrenzone nähern, statt sich von ihr zu entfernen.

Beruhigen Sie ängstliche Perso­nen und bringen Sie diese möglichst rasch in Sicherheit. Unterstützen Sie Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, zum Beispiel Rollstuhlfahrer, Senioren oder Kinder.

Folgen Sie den für den Brandfall angebrachten Hinweisschildern, die den Fluchtweg und den nächstgelegenen Ausgang so­ wie den Sammelplatz kennzeichnen. Aufzüge dürfen im Brandfall nicht benutzt werden, da das Feuer die Anlage außer Betrieb setzen kann. So könnten Aufzüge zu töd­lichen Fallen werden. Suchen Sie dann die Sammelplätze auf, die bei offiziellen Gebäuden für solche Situationen vorgesehen und ausgewiesen sind.

 

Gebückt gehen erhöht die Überlebenschancen

Gehen Sie nach Möglichkeit gebückt, während Sie das Ge­bäude verlassen: Rauch und Hitze steigen nach oben, er­ schweren die Atmung und können dazu führen, dass Sie ohnmächtig werden. Je stärker der Rauch, desto tiefer sollte Ihre Körperhaltung sein. Notfalls kriechen Sie nach draußen. Nutzen Sie Taschentücher oder ein Stück Stoff, das Sie sich vor den Mund halten, um weniger Rauch ein­zuatmen.

Der letzte Schritt in dieser Kette besteht in der Bekämpfung des Brandes. Handlungsanweisungen im Falle eines Brandes sind in öffentlichen Gebäuden, in Unternehmen und Fabriken rechtlich vorgeschrieben und ausgehängt. Befolgen Sie diese Anweisungen. Dabei gilt stets: Men­schenleben sind wichtiger als die Brandbekämpfung.

 

Bei Brandanschlag: Eigensicherung beachten!

Im Falle eines terroristischen Brandanschlags sollten Sie neben den Maßnahmen Melden – Retten – Bekämpfen besonders auf Ihre Eigensicherung achten. Bei der Eigen­sicherung geht es grundsätzlich darum, die Situation mög­lichst genau zu erfassen.

Nur in den seltensten Fällen wird es im Falle eines Bran­des Hinweise geben, dass es sich dabei um einen An­schlag handeln könnte. Dies könnte beispielsweise der Bericht eines Augenzeugen sein, der einen oder mehrere Täter einen Brandsatz hat werfen und anschließend flüch­ten sehen.

Sollte es entsprechende Hinweise geben oder Ihr Instinkt Sie warnen, dann seien Sie besonders vorsichtig: Weitere Brandsätze rund um das Gebäude könnten per Zeitzün­der gezündet werden. Auch eine Bedrohung durch Bomben oder Waffengewalt kann außerhalb des brennenden Gebäudes nicht ausgeschlossen werden.

Betrachten Sie also nach dem Verlassen des Gebäudes Ihre Umgebung aufmerksam und versuchen Sie festzustellen, ob Sie et­ was Ungewöhnliches bemerken, zum Beispiel Menschen, die das Gebäude beobachten, statt sich vom Brandherd zu entfernen.

Moderne Brandsätze entwickeln schnell eine sehr große Hitze und sind zugleich schwer zu löschen. Dies führt nicht nur zu hohen Sachschäden, sondern erfordert auch besondere Schnelligkeit beim Anwenden der Sofortmaß­nahmen Melden – Retten – Bekämpfen.

 

2 Arten von Brandsätzen

Brandsätze teilen sich in zwei Gruppen: solche mit inten­siver Brandwirkung, die mit extrem hoher Temperatur an einer Stelle abbrennen, und solche mit einer verteilen­den Brandwirkung, die beim Aufprall zerplatzen und über eine große Fläche brennende Substanzen verteilen.

In der Regel ist das vorrangige Ziel von Brandanschlägen ein möglichst hoher Sachschaden. Ein Beispiel, wie man bereits mit einfachen Brandsätzen einen immensen Scha­den erzielen kann, ist der Anschlag auf die Berliner S­-Bahn am 28. August 2014. Damals warfen Linksextremisten einen Brandsatz in einen Kabelschacht der Bahn im Ber­liner Stadtteil Treptow. Mehrere Signalkabel fingen Feuer, woraufhin ein Stellwerk der Bahn ausfiel und den öffent­lichen Nahverkehr vorübergehend lahmlegte: Viele S­-Bahn-­Linien waren für drei Tage stark beeinträchtigt, Hunderttausende Pendler und Reisende waren von den Einschränkungen durch diesen Akt der Sabotage betrof­fen.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Terrorismus – wie wir uns schützen können“ (Murmann, 2016).

 

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ist Sicherheitsberater mit dem Schwerpunkt Nahost und Nordafrika. Der studierte Islamwissenschaftler war von 2006 bis 2011 Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde im Bereich der Terrorismusbekämpfung. Seit 2012 ist der Autor des Buches „Terrorismus – wie wir uns schützen können“  als Sicherheitsberater für Unternehmen und Hilfsorganisationen tätig.

Teil 1 der Serie „Verhalten bei Terroranschlägen“ behandelte das Verhalten bei Sprengstoffanschlägen.

In Teil 2 geht es nun um die Handlungsoptionen für den Extremfall eines bewaffneten Angriffs durch sogenannte Active Shooter.

Dabei handelt es sich um einen oder mehrere Täter, der in einem begrenzten Umfeld (z.B. öffentliches Gebäude, Nachtclub o.ä.) möglichst viele Menschen zu töten versucht. Da im Deutschen kein ähnlich präziser Begriff existiert, übernehme ich hier den englischen Ausdruck.

Diese Active Shooter können sowohl Terroristen als auch Amokläufer sein. Der Begriff bezeichnet lediglich das Vorgehen, den sogenannten Modus Operandi, nicht aber die Motivation.

Anders als Sprengstoffanschläge lässt Ihnen ein Active-Shooter-Angriff unter Umständen mehr Handlungsspielraum. Entscheidend ist es, diesen zu nutzen. Je schneller Sie handeln, desto mehr Optionen bleiben Ih­nen.

Im Falle eines solchen Angriffs haben Sie grundsätzlich drei Möglichkeiten:

 

1 / Fliehen

2 / Verstecken

3 / Kämpfen

 

Fliehen

Fliehen ist bei einem bewaffneten Angriff grundsätzlich die beste Op­tion. Sobald Sie Schüsse hören, handeln Sie. Versuchen Sie zunächst, die Richtung zu identifizieren, aus der die Schüsse kommen. Bringen Sie dann, so schnell es geht, einen möglichst großen Abstand zwischen sich und den oder die Angreifer. Lassen Sie größere Gegenstände und Wertsachen zurück, die Ihnen bei der Flucht hinderlich sind. Sie können Ihren Laptop ersetzen, aber nicht Ihr Leben.

Versuchen Sie auf Ihrer Flucht, den Weg des oder der Schützen nicht zu kreuzen und nicht in seine oder ihre Schusslinie zu geraten. Sollte dies schwierig sein und es keine Möglichkeit zum Verstecken geben, bewegen Sie sich, so schnell Sie können. Eine offene, ungeschützte Fläche überqueren Sie im Zickzacklauf.

Selbst für geübte Schüt­zen ist es schwer, ein Ziel in Bewegung zu treffen. Erfahrungsgemäß konzentrieren sich Active Shooter stets auf das leichteste Ziel. Bewegen Sie sich also so viel wie möglich und suchen Sie immer wieder Deckung hinter Mauern oder massiven Ge­genständen wie Betonpfeilern, Fahrzeugen oder massiven Möbeln.

Glauben Sie nicht, was Sie im Kino sehen

Auf der Straße können Sie Zuflucht in Hausein­gängen suchen.

Verlassen Sie sich nicht darauf, dass Fahr­zeuge und Möbel Schutz bei Beschuss bieten. Anders als in Kinofilmen häufig dargestellt, können Autos nur dann halbwegs verlässlich Geschosse abhalten, wenn sie ge­panzert sind.

Da dies in europäischen Ländern höchst selten der Fall ist, suchen Sie am besten Deckung hinter einer der beiden Achsen. Die Vorderachse bietet mehr Schutz, da hier noch der Motor davor liegt. Fahrzeuge und Möbel erfüllen vor allem einen Zweck als Sichtschutz.

Auf dem Weg hinaus aus der Gefahrenzone versuchen Sie, andere Menschen ebenfalls zur Flucht zu bewegen. Denn die meisten verfallen in einer solchen Situation in eine Panikstarre oder versuchen, sich als erste Reaktion zu verstecken. Vergeuden Sie indes keine Zeit damit, Men­schen, die nicht fliehen wollen, zur Flucht zu überreden. Damit bringen Sie sich selbst in Gefahr. Es geht jetzt um Sekunden.

Bleiben Sie nicht stehen, um Verwundeten zu helfen. Dies mag unmenschlich erscheinen, doch wenn aus ei­ nem Opfer unnötigerweise zwei werden, hilft dies allein den Terroristen. Auch Sicherheitskräfte, die am Tatort eintreffen, müssen die Verwundeten zunächst ignorieren. Ihr wichtigstes Ziel besteht darin, zunächst den oder die Schützen auszuschalten.

Sobald Sie sich außerhalb der direkten Gefahrenzone be­finden, rufen Sie die Polizei unter der Notrufnummer 110. Gehen Sie nicht davon aus, dass andere dies bereits getan haben. Halten Sie nach Möglichkeit Schaulustige davon ab, sich dem Ort des Anschlags zu nähern, damit diese sich nicht in Gefahr bringen. Gehen Sie immer davon aus, dass es noch weitere Schützen und auch weitere Tatorte geben könnte.

Verstecken

Sollten Sie bei einem bewaffneten Angriff nicht mehr fliehen können, verstecken Sie sich. Dies gilt etwa dann, wenn Sie sich in einem Gebäude befinden und der Schütze sich vor dem einzigen Ausgang postiert hat oder Sie sich in einem der oberen Stockwerke dieses Gebäudes aufhal­ten und die Flucht aus dem Fenster aufgrund der Höhe keine Option ist.

Suchen Sie ein geeignetes Versteck. Gut ist ein Ort, der Sie vor den Augen des Schützen verbirgt und vor Schuss­attacken abschirmt. Ungeeignet in einem Gebäude hin­ gegen wäre zum Beispiel ein Zimmer am Ende eines Flurs, das für Sie zur Falle werden kann. Befinden Sie sich in einem Bürogebäude, einem Hotel oder einer Schule, dann versuchen Sie, die Tür abzuschließen und sich mithilfe von Schränken, Tischen und Stühlen zu verbarrikadieren.

Machen Sie es dem oder den Schützen grundsätzlich so schwer wie möglich, den Raum zu betreten; im Zweifels­fall wird er weiterziehen und leichtere Opfer suchen, denn bis die Polizei eintrifft, bleibt ihm in der Regel nur wenig Zeit.

Schalten Sie das Licht in dem Raum aus und stellen Sie Ihr Telefon lautlos. Verhalten Sie sich still. Entfernen Sie sich von der Tür und den Fenstern, um aus der Schusslinie zu gelangen. Legen Sie sich flach auf den Boden und su­chen Sie Schutz hinter massivem Mauerwerk.

Sobald Sie sich versteckt haben, rufen Sie die Polizei. Ge­ben Sie Ihren Standort durch und halten Sie die Verbin­dung aufrecht, damit der Beamte am anderen Ende der Leitung Sie orten kann, sollten Sie nicht laut sprechen können.

Öffnen Sie nicht die Tür, wenn Sie sich nicht hundertpro­zentig sicher sind, dass es Polizisten oder Rettungskräfte sind, die davorstehen. Es kann vorkommen, dass Täter an die Tür klopfen und sich als Polizisten ausgeben oder aber um Hilfe rufen, um Sie auf diese Weise aus Ihrem Versteck zu locken. Prüfen Sie durch Fragen, wie viele Personen tatsächlich vor der Tür stehen: Sind es unterschiedliche Stimmen?

Die Polizei geht in solchen Situa­tionen im Team vor, sodass mindestens zwei, eher drei Personen vor der Tür stehen müssen. Vertrauen Sie in dieser Situation Ihrem Instinkt, nicht Ihrem Kopf. Sollten Sie keinen Raum finden, in dem Sie sich verste­cken können, suchen Sie einen Ort, an dem der Schütze Sie zumindest nicht sehen kann. Dies kann eine Besenkammer sein, ein Schrank oder vielleicht das Treppenhaus. Mit etwas Glück gelingt es Ihnen, die Flucht zu ergreifen, sollte der Angreifer sich wieder entfernen.

Kämpfen

Kampf ist die schlechteste, da gefährlichste Option in ei­ner Active­-Shooter­-Situation. Ohne vorheriges Training und Erfahrung im Umgang mit Gewalt ist es in der Regel keine gute Idee, einen bewaffneten Attentäter anzugreifen. Manchmal hat man jedoch keine andere Wahl. Dies gilt zum Beispiel in Zügen und in Flugzeugen, wo die Chan­cen, sich zu verstecken oder zu liehen, gering bis nicht vorhanden sind.

Wenn Flucht nicht möglich und kein Versteck in der Nähe ist, dann bleibt als letzte Möglichkeit nur, um das eigene Leben zu kämpfen – mit einer Ausnahme: Es gibt Situatio­nen, in denen Terroristen Geiseln nehmen und Sie somit eine Chance haben, von eingreifenden Sicherheitskräften ge­rettet zu werden, ehe Sie selbst kämpfen müssen.

Bei ei­nem Anschlag von Terroristen aus dem jihadistischen Lager wie denen des Islamischen Staates (IS) oder von Al­-Qaida geht es zwar in erster Linie um das Töten möglichst vieler Menschen. Eine Geiselnahme ist dennoch möglich. Verhandlungen sind indes nicht geplant. Bei den bisheri­gen Anschlägen in Europa erfüllten die Geiseln lediglich den Zweck, die Dramatik der Situation und damit die Aufmerksamkeit der Medien zu erhöhen. So war es zum Beispiel beim Anschlag auf das Bataclan in Paris im No­vember 2015.

Wenn Sie aber erkennen, dass Ihr Leben ganz akut gefähr­det ist, dann müssen Sie kämpfen. Tatsächlich können unter glücklichen Umständen auch unbewaffnete Men­schen einen bewaffneten Attentäter ausschalten oder zu­ mindest dessen Morden verlangsamen und damit Men­schenleben retten.

Fallbeispiel: Terroranschlag im Thalys-Zug 2015

Am 21. August 2015 stieg Ayoub El­-Khazzani in Brüssel in den Thalys-­Schnellzug nach Paris. Im Grenzgebiet zwi­schen Belgien und Frankreich begann er, mit einem Sturm­gewehr auf Passagiere zu schießen. Mehrere Reisende stürzten sich daraufhin auf den Attentäter, darunter zwei US­-Soldaten sowie ein britischer Geschäftsmann. Gemein­sam gelang es ihnen, den Angreifer zu überwältigen.

Der Brite Chris Norman sagte später im Interview, dass in dieser lebensbedrohlichen Situation seine Instinkte die Führung übernommen hätten:

»Ich dachte: Okay, ich werde vermutlich ohnehin sterben, also los. Ich wollte lieber aktiv sterben, bei dem Versuch, den Attentäter zu überwältigen, als einfach in der Ecke zu sitzen und erschossen zu werden. Entweder man sitzt und stirbt, oder man steht auf und stirbt. Mehr war es nicht.«

In Extremsituationen übernimmt der Instinkt

Das klingt martialisch, zeigt aber, dass Menschen in Ex­tremsituationen wie dieser nicht rational, sondern ins­tinktiv handeln. In einer solchen Situation übernimmt der Überlebenstrieb die Regie. Sie werden dann zu Dingen in der Lage sein, die Sie sich niemals zugetraut hätten. Vor­heriges körperliches und mentales Training können dazu beitragen, die Zeit der Entscheidung zum Handeln weiter zu verkürzen und die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs zu erhöhen.

Auch wenn Sie nicht entsprechend trainiert sind, sich aber dennoch entschließen, aktiv gegen einen bewaffneten An­greifer vorzugehen, dann kämpfen Sie mit all Ihrer Kraft und Entschlossenheit. Seien Sie so aggressiv wie mög­lich. Vermutlich geht der Attentäter nicht davon aus, dass er von Unbewaffneten angegriffen werden könnte. Da­mit haben Sie das Überraschungsmoment auf Ihrer Seite. Nutzen Sie diesen taktischen Vorteil, um den Attentäter aus dem Konzept zu bringen und ihn so langsamer zu machen. Allein damit können Sie Menschenleben retten.

Setzen Sie Gegenstände in Ihrer Reichweite als Waffe ein. Sie haben einen Laptop oder ein Tablet? Bewerfen Sie den Attentäter. In Ihrer Nähe hängt ein Feuerlöscher? Schleu­dern Sie diesen gegen den Aggressor oder besprühen Sie ihn mit Schaum. Schütten Sie ihm heißen Kaffee ins Ge­sicht. Sie haben eine Taschenlampe oder einen Laserpoin­ter? Blenden Sie den Angreifer. Seien Sie kreativ.

Kontrollieren Sie die Waffe

Bei einem Angriff auf den Attentäter muss es Ihr erstes Ziel sein, seine Waffe zu kontrollieren. Versuchen Sie, ihm diese zu entreißen. Ohne Schusswaffe kann er nicht mehr schießen. Dies verringert die Bedrohung deutlich. Wenn es nicht möglich ist, an die Waffe zu gelangen, versuchen Sie, die Schussrichtung zu kontrollieren. Setzen Sie dem Attentäter so stark zu, wie Sie können. Greifen Sie ihn dabei am besten von hinten oder von der Seite an. Da eine Schusswaffe nur in eine Richtung abgefeuert wer­ den kann, wird der Attentäter nicht in allen Fällen auf Sie schießen können.

Ist es Ihnen gelungen, den Täter zu entwaffnen, dann machen Sie ihn im nächsten Schritt kampfunfähig. Seien Sie nicht zimperlich. Beim Anschlag auf den Thalys-­Zug beispielsweise nahm einer der beiden Amerikaner das Gewehr des Attentäters und schlug damit auf ihn ein. Wie das Thalys-­Beispiel zeigt, kann der Kampf gegen ei­nen Einzeltäter erfolgreich sein. Dies gilt vor allem, wenn Sie als Team angreifen. Für einen Einzelschützen ist ein zeitgleicher Angriff durch mehrere Personen aus verschie­denen Richtungen kaum abzuwehren.

Die hier beschriebenen Prinzipien gelten auch für Atten­täter, die nicht mit Schusswaffen, sondern mit Hieb-­ und Stichwaffen ausgerüstet sind, wie etwa der Attentäter von Würzburg, der am 18. Juli 2016 in einem Regionalzug fünf Menschen verletzte, vier davon schwer. Er war mit einer Axt und einem Messer bewaffnet. Ein solcherma­ßen bewaffneter Täter ist ebenfalls hochgefährlich, aber gerade durch ein Team leichter in Schach zu halten, da er nicht aus der Distanz töten kann, sondern dazu in die di­rekte Nähe seiner Opfer gelangen muss.

Die Variante eines Terroranschlags oder eines Amoklaufs mit Hieb- und Stichwaffen behandle ich in einem späteren Beitrag ausführlich.

Haben Sie Fragen zum richtigen Verhalten im Falle eines Active-Shooter-Angriffs? Dann freue ich mich über einen Kommentar.

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Terrorismus – wie wir uns schützen können“ (Murmann, 2016).

Buch Terrorismus

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ist Sicherheitsberater mit dem Schwerpunkt Nahost und Nordafrika. Der studierte Islamwissenschaftler war von 2006 bis 2011 Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde im Bereich der Terrorismusbekämpfung. Seit 2012 ist der Autor des Buches „Terrorismus – wie wir uns schützen können“  als Sicherheitsberater für Unternehmen und Hilfsorganisationen tätig.

Wie überlebt man einen Terroranschlag? In den meisten Fällen haben Sie Handlungs­optionen, die Ihr Leben retten können. Diese unterscheiden sich jedoch von Fall zu Fall, da es verschiedene Arten von Anschlägen gibt.

In einer Serie stelle ich die gängigsten Anschlagsarten vor und zeige die wichtigsten Verhaltensweisen auf, die die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, einen Terroranschlag zu überleben.

Teil 1 behandelt die (noch) gängigste Variante: den Sprengstoffanschlag.

Ein Sprengstoffanschlag kündigt sich in der Regel nicht an, sondern wird Sie plötzlich und mit einer heftigen Explo­sion überraschen. Wenn Sie unverletzt geblieben sind oder nur leichte Verletzungen erlitten haben, können die folgen­ den Verhaltensmaßnahmen Sie vor Schlimmerem bewah­ren.

1 / Gehen Sie zunächst in Deckung. Legen Sie sich flach auf den Boden und schützen Sie mit den Händen Ihren Kopf und Ihren Nacken. Ist ein Tisch oder ein anderes halbwegs stabiles Möbel in der Nähe, suchen Sie darun­ter Schutz. Sollten Regale oder Schränke in der Nähe sein, die umstürzen und Sie unter sich begraben könnten, bewe­gen Sie sich aus deren Reichweite. Wenn möglich, halten Sie Abstand zu Fenstern, Glasfronten und Deckenlampen, denn deren Splitter können Sie schwer verletzen.

2 / Zwingen Sie sich unbedingt zur Ruhe. Wenn die Bombe in Ihrer unmittelbaren Nähe detoniert ist, klingeln viel­ leicht Ihre Ohren und Sie können vorübergehend nichts mehr hören. Um Sie herum könnten Sie Schutt und Splitter, Rauch, Tote, Verletzte und Chaos wahrnehmen. Jetzt beginnt für Sie die heikle Phase, denn Sie sind noch nicht in Sicherheit und müssen raus aus der Gefahrenzone. Da­ für brauchen Sie einen klaren Kopf.

Raus aus der Gefahrenzone

3 / Verlassen Sie die Gefahrenzone. Versuchen Sie, das Zentrum der Explosion zu lokalisieren, und bewegen Sie sich dann so zügig wie möglich davon weg. Suchen Sie nach Möglichkeit einen sicheren Ort auf. Das kann zum Beispiel eine Privatwohnung sein oder auch ein kleines, unscheinbares Hotel.

Wenn Sie sich in einem Gebäude befinden, suchen Sie nach Treppenhäusern und Notausgängen oder orientieren sich in Richtung innen gelegener Räume. Fahrstühle sind tabu. Prüfen Sie Böden und Trep­pen auf Einsturzgefahr, bevor Sie sie betreten. Bei Rauch gehen Sie gebückt. Benutzen Sie weder Feuerzeuge noch Streichhölzer.

Sobald Sie im Freien sind, verlassen Sie den Ort der Explosion. Bleiben Sie nicht vor Fensterscheiben oder Glastüren stehen. Machen Sie den Weg frei für Ret­tungskräfte.

Wie man die Rettungskräfte ruft, ohne sich zu gefährden

4 / Sollte Ihnen ein Verlassen der Gefahrenzone nicht möglich sein, machen Sie die Rettungskräfte auf sich aufmerksam. Rufen Sie jedoch nicht, um keinen Staub ein­zuatmen. Machen Sie stattdessen mit Klopfzeichen auf sich aufmerksam oder benutzen Sie eine Taschenlampe, falls Sie eine bei sich tragen. Pfeifen Sie, wenn Sie können.

Hat herabfallender Schutt Sie unter sich begraben, sodass Sie sich kaum noch bewegen können, versuchen Sie den­ noch, ruhig zu bleiben, bis Rettungskräfte eintreffen. In Deutschland dauert dies in den meisten Fällen nicht län­ger als eine Viertelstunde; in Ländern ohne entsprechende Infrastruktur mitunter mehrere Stunden.

Kontrollieren Sie Ihre Atmung. Gefährlich ist vor allem der bei der Explosion aufgewirbelte Staub, den Sie nicht ein­ atmen sollten. Schützen Sie Mund und Nase daher nach Möglichkeit mit einem Stück Stoff. Atmen Sie nicht tief ein. Vermeiden Sie jede Bewegung, die weiteren Staub auf­ wirbeln könnte.

5 / Verhalten Sie sich still, wenn Sie Stimmen oder Bewegungen in Ihrer Nähe registrieren. Sie müssen zunächst sicher sein, dass es sich tatsächlich um Rettungskräfte handelt und nicht um Terroristen, die nach Überlebenden suchen, um diese möglicherweise zu exekutieren. Machen Sie erst dann auf sich aufmerksam, wenn Sie Helfer iden­tifizieren konnten.

Anderen helfen? Ja, aber….

6 / Helfen Sie anderen, sofern möglich. Wenn Sie nach der Explosion unverletzt geblieben sind, um Sie herum jedoch Tote und Verletzte liegen, könnten Sie den Impuls verspüren, in Richtung des Explosionsortes zu laufen, um anderen zu helfen. Tun Sie das besser nicht: Ihre eigene Sicherheit hat Vorrang.

Gehen Sie kein Risiko ein, das Sie nicht einschätzen kön­nen. Helfen Sie, sobald keine Gefahr mehr für Sie selbst besteht. Unterstützen Sie die Helfer, indem Sie sie zum Beispiel auf verletzte Personen aufmerksam machen. Be­wegen Sie diese nicht ohne entsprechende Anleitung durch die Rettungskräfte.

Vorsicht vor weiteren Bomben!

7 / Vorsicht vor weiteren Bomben. Eine beliebte Vorge­hensweise von Dschihadisten besteht darin, am Anschlags­ort mehrere Bomben zu platzieren und zeitversetzt zu zünden. Ein Sprengsatz macht den Auftakt. Sobald Ret­tungs­- und Sicherheitskräfte, Schaulustige und Journa­listen am Tatort eintreffen, werden weitere Bomben ge­zündet, häufig mit weitaus größerer Sprengkraft. Oftmals sind diese an möglichen Fluchtwegen positioniert. Auch Autobomben sind denkbar oder Selbstmordattentäter, die sich im Chaos nach der Explosion unter die Menschen­ menge mischen. Auf diese Weise können Attentäter so­ wohl die Opferzahlen als auch die Schrecken des An­schlags potenzieren.

Suchen Sie ein sicheres Gebäude auf

Explodiert ein Sprengsatz auf der Straße, begeben Sie sich sofort in ein nahe gelegenes und sicheres Gebäude und bleiben dort, bis die Sicherheitskräfte Entwarnung geben. Ein sicheres Gebäude ist eines, das für Terroristen uninteressant ist und daher mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht angegriffen wird, zum Beispiel wenn dort kein Pu­blikumsverkehr herrscht oder das Ziel keinen Symbol­charakter hat.

Halten Sie sich fern von Menschenmengen und unge­wöhnlich parkenden Autos oder Motorrädern; an diesen könnten weitere Bomben platziert sein. Menschenmengen sind ein für Terroristen attraktives Ziel. Vertrauen Sie Ihrem Instinkt, wenn Sie inmitten vieler Menschen ein ungutes Gefühl haben, und verlassen Sie diesen Ort sofort.

8 / Führen Sie nur kurze Telefonate. Nach einem An­ schlag ist das Netz sehr wahrscheinlich überlastet, sodass Sie mit Ihrem Anruf nicht durchkommen. Nutzen Sie besser Messenger­Dienste oder SMS. Informationen über die Bedrohung können Sie zum Beispiel auch per Smartphone über das Warn- und Informationssystem Katwarn beziehen.

9 / Arrangieren Sie sich auch danach mit der Situation, denn die gewohnten Strukturen werden für eine Weile nicht funktionieren. Unmittelbar nach einem Terroran­schlag kann das Chaos regieren: Zahllose Sicherheitskräfte sind im Einsatz, Flughäfen, Bahnhöfe und Ausfallstraßen kön­nen abgeriegelt sein, die Krankenhäuser sind überlastet, Schulen und Kindergärten geschlossen. Unter Umständen werden Sie und Ihre Familie evakuiert und müssen Ihr Haus oder Ihre Wohnung vorübergehend räumen. Stel­len Sie sich mental darauf ein.

 

Wie würden Sie sich bei einem Terroranschlag verhalten? Lassen Sie es mich in den Kommentaren wissen.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Terrorismus – wie wir uns schützen können“ (Murmann, 2016).

 

Buch Terrorismus

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Khobar Towers nahe Dhahran, Saudi-Arabien, 1996 (DoD).

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ist Sicherheitsberater mit dem Schwerpunkt Nahost und Nordafrika. Der studierte Islamwissenschaftler war von 2006 bis 2011 Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde im Bereich der Terrorismusbekämpfung. Seit 2012 ist der Autor des Buches „Terrorismus – wie wir uns schützen können“  als Sicherheitsberater für Unternehmen und Hilfsorganisationen tätig.

Mikro

 

Terroranschläge, Amokläufe, Massenmorde wie zuletzt in Las Vegas: Wie steht es um die Sicherheit im Öffentlichen Raum? In der zweiten Folge des KNS Podcasts spreche ich mit meinen Kollegen Malte Roschinski (Plan4Risk) und Yan St-Pierre (Modern Security Consulting Mosecon Group GmbH) über die Frage, wie man mit der Angst vor der Bedrohung umgeht.

Wir diskutieren Methoden und Konzepte, die die Risiken verringern können, Opfer einer Gewalttat auf Konzerten, Weihnachtsmärkten oder anderen Orten mit hohem Publikumsverkehr zu werden. Von zentraler Bedeutung ist hier das Konzept des Situationsbewusstsein (engl. situational awareness).

Den Podcast finden Sie auch auf SoundCloud und bei iTunes.

Viel Spaß beim Hören!

ist Sicherheitsberater mit dem Schwerpunkt Nahost und Nordafrika. Der studierte Islamwissenschaftler war von 2006 bis 2011 Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde im Bereich der Terrorismusbekämpfung. Seit 2012 ist der Autor des Buches „Terrorismus – wie wir uns schützen können“  als Sicherheitsberater für Unternehmen und Hilfsorganisationen tätig.

Terroristen wollen vor allem eines: Aufmerksamkeit. Je größer die Aufmerksamkeit nach einem Anschlag, desto erfolgreicher ist dieser aus Sicht der Terroristen. Tatsächlich verfolgen Terroristen mit einem Anschlag eine Reihe von Zielen; das Töten unschuldiger Menschen ist dabei nur ein Mittel zum Zweck.

Bereits bei der Planung eines Anschlags kalkulieren Terroristen die anschließende Berichterstattung mit ein. Aus Sicht der Terroristen bemisst sich der Erfolg eines Anschlags heutzutage vor allem an seiner medialen Verbreitung. Überspitzt formuliert: Für Terroristen ist eine breite Öffentlichkeit wichtiger als die Zahl der Opfer.  Weiterlesen

ist Sicherheitsberater mit dem Schwerpunkt Nahost und Nordafrika. Der studierte Islamwissenschaftler war von 2006 bis 2011 Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde im Bereich der Terrorismusbekämpfung. Seit 2012 ist der Autor des Buches „Terrorismus – wie wir uns schützen können“  als Sicherheitsberater für Unternehmen und Hilfsorganisationen tätig.

Für die Sicherheitsbehörden in Deutschland steigt mit der Rückkehr gut ausgebildeter Dschihad-Veteranen aus Syrien und dem Irak auch die Terrorgefahr. Und des Terroristen liebste Taktik ist der Bombenanschlag. Sollte es Terroristen irgendwann gelingen, in Deutschland einen Terroranschlag durchzuführen, dann dürfte es sich dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Bombe handeln. Wie also verhält man sich im Falle einer Bombenexplosion? Hier sind neun Tipps zum richtigen Verhalten.

Lesen Sie den vollständigen Artikel auf Focus Online.

Die Bomben von Boston haben gezeigt, dass es keinen Sieg über den Terror gibt. Anschläge lassen sich nicht gänzlich verhindern. Wir können dem Terror daher nur mit Haltung begegnen. Mit bemerkenswerter Schnelligkeit haben die amerikanischen Sicherheitsbehörden den Anschlag von Boston aufgeklärt. Die USA feiern den Fahndungserfolg als Sieg über den Terror. Doch tatsächlich kann von einem Erfolg nicht die Rede sein. Vielmehr markiert Boston eine klare Niederlage der USA in diesem Kampf. In der Logik des Terrors bestimmt die Reaktion der Betroffenen den Erfolg eines Anschlags: Je besonnener die Reaktion, desto geringer die weltweite Aufmerksamkeit; je stärker diese ist, desto größer die Wahrnehmung. Terroristen setzen Gewalt ein, um ihrer Botschaft Gehör zu verschaffen. Auch Menschen sollen dabei sterben, möglichst viele sogar. Doch diese Morde dienen stets dem Zweck, ein Maximum an Aufmerksamkeit für die eigene Sache zu erzeugen. Und das haben die beiden Attentäter von Boston erreicht. Ihre größten Helfer dabei: die Sicherheitsbehörden und die Medien der USA. Erst die hysterische Reaktion beider hat den Anschlag von Boston zu einem Triumph für die Terroristen gemacht.

Wertvollster Schützenhelfer der Terroristen im Kampf um die weltweite Aufmerksamkeit waren die Medien

Die Behörden riegelten während der Fahndung die Stadt inklusive vieler Vororte komplett ab. Über viele Stunden hinweg blieben Geschäfte geschlossen, Busse und Bahnen standen still. Die Menschen wurden aufgefordert, zuhause zu bleiben. Ein Täter wurde im Verlauf der Suche erschossen, der zweite konnte 102 Stunden nach dem Anschlag verhaftet werden. Der Preis für diesen Stillstand: rund 300 Millionen US-Dollar. Fataler als der wirtschaftliche Schaden ist jedoch das Signal an potentielle Nachahmer: Ein 19-jähriger Amateur-Terrorist kann im Alleingang eine amerikanische Metropole über Stunden hinweg lahmlegen. Wertvollster Schützenhelfer der Terroristen im Kampf um die weltweite Aufmerksamkeit waren jedoch die Medien. Sie überboten sich im Minutentakt mit neuen Details zum Verlauf der Ermittlungen – die meisten davon Spekulationen und Falschmeldungen. Der Anschlag von Boston war der erste seit 12 Jahren auf amerikanischem Boden. Drei Menschen starben, mehr als 260 wurden verletzt. Jeder Einzelne ist ein Opfer zuviel, gewiss. Doch die hysterische Reaktion von Behörden und Medien zeigt, dass die USA die Dimension der Bedrohung durch den Terror aus den Augen verloren haben. Denn während die Welt gebannt den Fortgang der Fahndung in Boston verfolgte, explodierte in Texas eine Düngemittel-Fabrik. Die Detonation forderte 14 Todesopfer und verletzte mehr als 200 Menschen. Trotz der höheren Zahl an Todesopfern rutschte dieses Ereignis bald auf die hinteren Spalten der Zeitungen – Boston dominierte die Berichterstattung.

Die amerikanische Art des Umgangs mit dem Terror hat den Blick auf die Realität verzerrt

Aber warum bekommt ein Terroranschlag im Westen so viel Aufmerksamkeit, beinahe unabhängig von der Zahl der Toten und Verletzten? Verantwortlich dafür ist unsere Fantasie: Sie neigt dazu, im Untergrund operierenden Terrorgruppen mehr Macht zuzuschreiben, als sie tatsächlich haben. Wir überschätzen für gewöhnlich die Gefahr durch den Terrorismus. Anschläge kommen vergleichsweise selten vor, erregen dabei aber stets überproportional viel Aufmerksamkeit. Die abstrakte Bedrohung durch den Terror erschreckt uns mehr als die reale Gefahr, jeden Tag durch einen Verkehrsunfall ums Leben kommen zu können. Der Anschlag von Boston hat den USA die Angst zurückgebracht. Die amerikanische Art des Umgangs mit dem Terror, die Besessenheit von der Sicherheit, hat den Blick auf die Realität verzerrt und lässt die Gefahr durch den Terror größer erscheinen als sie tatsächlich ist. Statt Sicherheit zu schaffen, haben die USA die Angst vor dem Terror in den Köpfen der Menschen zementiert. Der Anschlag von Boston hat auch gezeigt, dass der Terror nie komplett zu eliminieren sein wird. Wir müssen daher zu einer neuen Haltung finden, wie wir mit der Bedrohung umgehen: zu einer Moral des Starkseins, die sich der Angst verweigert, die der Terror uns aufzwingen will. Es ist ein Kampf um unsere Köpfe. Sobald die Terroristen unser Denken beherrschen, haben sie gewonnen. Wir sollten ihnen weniger Aufmerksamkeit schenken. Sie haben sie nicht verdient. Florian Peil

P.S. Dieser Text ist am 03.05.2013 zuerst auf www.zenithonline.de erschienen.