Inspire #9: Jihad im Fernstudium

Für das im Dezember 2013 erschienene Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2013 habe ich die neunte Ausgabe von Inspire rezensiert, des Propaganda-Magazins von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH). Den Text habe ich bereits im Mai 2013 verfasst. Zwischenzeitlich sind zwei weitere Ausgaben erschienen. Die neunte Ausgabe ist jedoch nach wie vor interessant, weil sie eine Zäsur in der Geschichte von Inspire markiert.

Inspire #9

Jihadistische Magazine erscheinen heute in einer Vielzahl von Sprachen und Formaten. Aus der Masse der Publikationen sticht jedoch ein englischsprachiges Online-Magazin hervor: Inspire zielt als erste Jihad-Publikation vorrangig darauf ab, Sympathisanten im Westen für den Jihad zu begeistern und diese zu Anschlägen zu mobilisieren. Aufgrund dieser besonderen Zielsetzung hat Inspire von allen Jihad-Magazinen im Westen bislang am meisten Aufmerksamkeit erhalten.

Inspire#9_CoverInspire fällt im Vergleich mit anderen Publikationen auf wegen seines professionellen, ansprechenden Designs und der modernen, frischen Optik Zusammen mit den flott geschriebenen, leicht zu lesenden Texten strahlt das Magazin eine geradezu provozierende Lässigkeit aus. Die Aufmachung ist auf die spezielle Zielgruppe der im Westen lebenden Sympathisanten abgestimmt, die aufgrund ihrer Lebensumstände mit Hochglanz-Zeitschriften vertraut sind. Das im im Vergleich zu anderen Publikationen eher niedrige inhaltliche Niveau ist dabei Kalkül: Der Verzicht auf umfangreiche theologische Erörterungen, gepaart mit der fetzigen Aufmachung, vermag eine neue Zielgruppe anzusprechen: Jihad-Sympathisanten in der Diaspora mit nur wenig religiöser Vorbildung.

Herausgegeben wird Inspire von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH), der im Jemen ansässigen Filiale des Terrornetzwerks. Die Publikation trägt das Logo der Medienzentrale von AQAH, Al-Malahim (dtsch. „die Schlachten“). Seit Juli 2010 sind insgesamt zehn Ausgaben im PDF-Format erschienen. Diese werden vor allem über einschlägige jihadistische Internet-Foren verbreitet.

Eine typische Inspire-Ausgabe besteht aus einigen immer wiederkehrenden Elementen: Auf den einleitenden „Letter from the editor“, der das Thema der jeweiligen Ausgabe skizziert, folgt eine Sammlung von den Medien entnommenen Zitaten „von Freund und Feind“, die sich in der Regel auf Al-Qaida, die USA und den Kampf gegen den Terror beziehen. Darauf folgen ins Englische übersetzte offizielle Verlautbarungen von AQAH, Texte über die amerikanische Außenpolitik in der islamischen Welt oder über Jemen sowie strategische Überlegungen zum Jihad.

Besonders interessant ist die Rubrik „Open Source Jihad“. Diese will potentielle Attentäter motivieren und in die Lage versetzen, Anschläge in ihren westlichen Heimatländern zu begehen. Am Ende schließlich stehen Nachrufe auf im Kampf gefallene „Märtyrer“ sowie Hinweise zur Kontaktaufnahme und zu Möglichkeiten der Mitarbeit. Dabei liefert Inspire grundsätzlich kaum neues Material, sondern verwertet bevorzugt Inhalte aus anderen einschlägigen Publikationen wieder, etwa Reden und Texte von Al-Qaida-Führern wie Aiman al-Zawahiri oder Abu Yahya al-Libi.

Diesem Muster folgt auch die neunte Ausgabe. Heft Nummer 9 gehört mit 62 Seiten zu den längeren Ausgaben von Inspire, die sich vom Umfang her bislang zwischen 74 Seiten (Heft 2) und 20 Seiten (Heft 7) bewegten.

Inhalt und Optik jedoch haben im Vergleich mit früheren Ausgaben spürbar nachgelassen. Tatsächlich markiert das Heft eine Zäsur in der Historie des Magazins. Diese liegt im Wechsel des Herausgebers begründet. Das zeitgleiche Erscheinen von Heft 8 und 9 im Mai 2012 soll Kontinuität dort vortäuschen, wo es tatsächlich einen Bruch gibt.

Tote Redakteure, sinkende Qualität

Herausgeber der ersten acht Ausgaben von Inspire war Samir Khan, ein US-Amerikaner pakistanischer Abstammung. Die neunte Ausgabe hat ein neues Redaktionsteam um Yaha Ibrahim produziert. Er ist offenbar das einzige verbleibende Mitglied des ursprünglichen Redaktionsteams. Seit der fünften Ausgabe wird er als Chefredakteur genannt. Seine Identität ist bislang nicht geklärt.

Samir Khan war 2009 in den Jemen emigriert, um sich AQAH anzuschließen. Er war bereits seit 2002 als Jihad-Publizist tätig: erst als Blogger, ab 2009 dann als Herausgeber des englischsprachigen Magazins Jihad Recollections, das durchaus als Vorläufer von Inspire gelten kann. 2010 übernahm er dann die Produktion von Inspire. Khan starb am 30. September 2011 bei einem Raketenangriff durch eine amerikanische Drohne, gemeinsam mit dem populären Prediger Anwar al-Awlaki. Dieser vor allem bei Jihadisten im Westen hoch angesehene Ideologe hatte als eine Art Galionsfigur und spiritus rector der Zeitschrift fungiert. Mit Awlakis Tod hat Inspire einen erheblichen Teil seiner einstigen Strahlkraft eingebüßt.

Inspire#9_SamirKhanEin langer Nachruf im neunten Heft („Samir Khan: The Face of Joy“, S. 14-19) beendet nun die Spekulationen zahlreicher Beobachter über Khans Rolle bei Inspire: Das Magazin sei sein „Werkzeug der Missionierung“ sowie eine „Front im intellektuellen Kampf gegen den Islam“ gewesen (S. 15).

Weitaus interessanter aber ist ein noch von Anwar al-Awlaki selbst verfasster Text, in dem er seine Geschichte aus seiner Sicht erzählt – mit der erklärten Absicht, die vom FBI über ihn verbreiteten Informationen entweder zu bestätigen oder zu korrigieren („Spilling out the beans“, S. 50-52). Leider endet Awlakis Darstellung am 11. September 2001, so dass die Umstände seiner Emigration in den Jemen und auch seine Rolle bei AQAH weiterhin unklar bleibt.

Die CIA, der Awlaki nach dem Tod von Usama Bin Ladin als gefährlichster Mann der Welt galt, scheint dessen Rolle als Terrorplaner jedoch maßlos überschätzt zu haben. Yahya Ibrahim beschreibt die Rolle des Scheichs sehr zurückhaltend: Awlaki sei sowohl für Planungen als auch für „Inspiration“ zuständig gewesen. AQAH habe jedoch viele Planer („Wining on the ground“, S. 54-58). Damit lässt er bewusst Raum für weitere Spekulationen.

Awlaki selbst hatte sich lange Zeit als unabhängiger Prediger und Missionar präsentiert. Viele junge Sympathisanten und Unterstützer sahen ihn als wichtigen Religionsgelehrten, obwohl Awlaki nie eine religiöse Ausbildung erhalten hatte. Doch mit seinem Charisma und seinesm ausgezeichneten Englisch gelang es ihm, zahlreiche Jihadisten im Westen zu radikalisieren und zu Anschlägen gegen die USA anzustiften.

Auch der Chefideologe von AQAH, Ibrahim al-Rubaish, versucht in seinem Text „Inspire continues to inspire“ den Eindruck zu vermitteln, das Personal sei austauschbar und der Verlust von Khan und Awalaki, – trotz aller Qualitäten der beiden – daher zu verschmerzen (S. 6). Die Redaktion sei so organisiert, dass jeder Mitarbeiter stets sein gesamtes Wissen an alle anderen Redaktionsmitglieder weiterzugeben versuche. Auf diese Weise sei der Fortbestand der Zeitschrift gesichert, da entstehende Lücken umgehend mit fähigem Nachwuchs geschlossen werden könnten.

So weit die Theorie. Tatsächlich klärt Ausgabe 9 zwei Dinge: Erstens, dass Inspire trotz der Tötung von Schlüsselpersonal weiterhin existieren kann. Und zweitens, ob AQAH über genügend Personal mit den nötigen Englischkenntnissen und publizistischen Fähigkeiten verfügt, um Khan und Awlaki zu ersetzen. Nun ist klar: Personal ist vorhanden – aber dem mangelt es noch an Können. Denn ein deutlicher Verlust an Qualität ist erkennbar: Viele Texte wirken wenig inspiriert, sind holprig formuliert und voller Rechtschreibfehler. Hinzu kommen seltsame Typographien, die zu einem inkonsistenten Gesamtbild führen.

Khans und Awlakis Tod hat somit eine Lücke gerissen, die das verbliebene Redaktionsteam entgegen aller anders lautender Beteuerungen bislang nur unzureichend schließen konnte. Damit wird auch deutlich, dass AQAH ein Personalproblem hat. Schuld daran ist vor allem der Drohnenkrieg, den die USA gegen die Jihadisten im Jemen führt. Der Nachwuchs hat unter diesen Bedingungen offenkundig nicht ausreichend Zeit, um die entstehenden Lücken im Redaktionsteam nahtlos zu füllen.

Geheimhaltung? Nicht mehr so wichtig

Und Ausgabe 9 wartet mit noch einer weiteren handfesten Überraschung auf: einem radikalen Kurswechsel in puncto Geheimhaltung. Während man in den ersten acht Ausgaben den Jihad-Nachwuchs drängte, Anschläge selbstbestimmt und ohne jede Rücksprache mit Al-Qaida zu begehen, werden willige Attentäter nun aufgefordert, bereits zu Beginn ihrer Planung das Militärische Komitee von AQAH zu kontaktieren, um den eigenen Plan entweder absegnen zu lassen oder aber sich vom Komitee ein Ziel vorgeben zu lassen (S. 29). Dabei sollen die Jihadis eine Vielzahl persönlicher Informationen preisgeben, etwa zum eigenen Reisepass, Aufenthaltsland, Alter und Ausbildung. Zusätzlich haben die Macher von Inspire für diese Zwecke einen neuen Schlüssel zum Versenden und Empfangen kryptierter Emails sowie drei neue Email-Adressen eingerichtet, vermutlich um willige Attentäter von sonstigen Unterstützern zu trennen. Dies ist bereits die zweite Änderung des Schlüssels in der Geschichte des Magazins

Wie die Zielgruppe diesen erneuten Wechsel aufnehmen wird, ist ungewiss. Doch nur wenige Leser dürften über das Wissen und die notwendige Disziplin verfügen, verschlüsselt zu kommunizieren ohne verräterische Spuren zu hinterlassen. Dieses Wissen wird von Inspire jedoch auch nicht vermittelt. Sicherheitsbehörden weltweit dürften sich angesichts derart operativen Leichtsinns die Hände reiben.

Open Source Jihad und Propaganda

Die übrigen Texte des neunten Heftes bringt die aus vorigen Ausgaben sattsam bekannte Kombination von Propaganda und praktischen Terror-Tipps. Diese Kombination stellt zugleich die größte Innovation der Macher von Inspire dar. Sie bemühen sich augenscheinlich, mit dieser Strategie des „individuellen Jihad“ein Phänomen anzuheizen, vor dem sich die Sicherheitsbehörden in Europa und den USA besonders fürchten: „homegrown terrorism“. Anschläge, verübt von Tätern aus dem eigenen Land, die ohne Verbindung zu anderen Strukturen agieren und im Vorfeld daher praktisch nicht aufzuspüren sind.

Wie ein Weckruf wirkt daher das einleitende Editorial von Chefredakteur Yahya Ibrahim, in dem den Lesern noch einmal die Ziele von Inspire vor Augen führt: „Dieses Magazin wurde gegründet, um zwei Ziele zu erreichen. Das erste ist der Aufruf und die Inspiration zum Jihad. Das zweite besteht darin, jedem inspirierten Muslim überall auf der Welt das operative Know-how zu verschaffen, um Angriffe im Westen zu verüben“ (S. 4).

Zum Jihad inspirieren und mobilisieren soll eine simplifizierte Variante des jihadistisch-salafistischen Weltbilds, wie es von Al-Qaida und ihren Filialen vertreten wird. Die Geschichte, die in immer neuen Variationen erzählt wird, ist einfach und kurz: Der Islam befinde sich im Krieg mit dem Westen. Angeführt von den USA führe dieser einen Krieg gegen den Islam. Al-Qaida verteidige den Islam und die Muslime. Die zur Verteidigung notwendige Gewalt sei angemessen, weil es sich um einen defensiven Jihad handle: Die Länder der Muslime würden durch Aggressoren angegriffen, weshalb die Teilnahme am Jihad für alle Muslime verpflichtend sei.

Dem zweiten Ziel, der praktischen Ausbildung von Attentätern, ist die Rubrik „Open Source Jihad“ gewidmet. Hier finden sich Anleitungen zum Bombenbau, Tipps zum Sprengen von Gebäuden und dem richtigen Umgang mit Schusswaffen.

Thema der Rubrik in der neunten Ausgabe von Inspire ist der Bau einer Brandbombe. Auf sieben Seiten erklärt ein nicht näher bezeichneter „AQ Chef“ minutiös, wie ein solcher Sprengkörper anzufertigen und einzusetzen sei (S. 30-37). Mit diesen Bomben könnten, vor allem in den USA, riesige Waldbrände entfacht werden, die leicht zu hohen Opferzahlen und massiven Schädigungen der Wirtschaft führen könnten. Wichtigstes Resultat derartiger Aktionen sei jedoch stets die Verbreitung von Terror in der Bevölkerung (S. 36).

Inspire, Boston und die Zukunft

Abschließen lässt sich festhalten, dass die Redaktion von Inspire den Tod seines Führungspersonal zum Teil hat auffangen können. Allerdings hat die Qualität des Heftes gelitten. Die Zukunft des Magazins ist daher ungewiss: Auch wenn der Fortbestand gesichert sein sollte, ist fraglich, ob Inspire auch künftig noch zu inspirieren vermag.

Denn auch wenn die befürchtete Radikalisierung der Muslime in der Diaspora im großen Stil bis dato nicht eingetreten ist: Bereits die bislang erschienen Ausgaben enthalten genug Sprengkraft, um auch in Zukunft Sympathisanten zu mobilisieren. Die Bomben von Boston, gezündet während des Marathons im April 2013, hatten die Attentäter ersten Ermittlungen zufolge nach einer Anleitung in der ersten Ausgabe von Inspire hergestellt. Damit kann das Jihad-Magazin einen ersten echten Terror-Erfolg vorweisen, der wiederum weitere Jihadisten anspornen dürfte.