Jihadisten auf dem Sinai (III): Ansar Bait al-Maqdis

Zu dem Anschlag von Taba am 16. Februar hat sich Ansar Bait al-Maqdis (Unterstützer Jerusalems) bekannt. Dabei handelt es sich um Ägyptens derzeit gefährlichste Terrorgruppe. Der Anschlag zeigt, dass die Jihadisten jetzt auch Touristen ins Visier genommen haben.

Das Auswärtige Amt hat in Reaktion auf den Anschlag eine Teilreisewarnung für Ägypten ausgesprochen und rät derzeit von Reisen auf den Sinai ab. Die ägyptischen Sicherheitsbehörden haben ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärft.

Der Anschlag von Taba sei Teil des „ökonomischen Krieges gegen das verräterische Lakaien-Regime“ Ägyptens, ließ die Gruppe in einer Botschaft am 17. Februar verlauten. Die Attacke sei eine Reaktion auf die wiederholten Angriffe der ägyptischen Armee. Bei deren gegen Jihadisten gerichtete Operationen im Norden des Sinai waren auch Zivilisten gestorben, Häuser und Landwirtschaft zerstört worden.

Seit dem Sturz des früheren ägyptischen Ministerpräsidenten Mohammed Mursi am 3. Juli 2013 sind allein auf der Sinai-Halbinsel mehr als 300 Anschläge verübt worden. Die meisten davon waren gegen Armee, Polizei und Geheimdienst gerichtet. Ansar Baut al-Maqdis hat für einen Großteil dieser Anschläge die Verantwortung übernommen.

Besonders spektakulär war eine Operation am 26. Januar 2014, als es Kämpfern von ABM im Nord-Sinai gelang, einen Hubschrauber der ägyptischen Armee mittels einer schultergestützten Luft-Boden-Rakete abzuschiessen. Dabei kamen fünf Soldaten ums Leben.

Ägyptens gefährlichste Terrorgruppe

Dieser Anschlag zeigt, dass sich die Gruppe seit ihrer Gründung im Jahr 2011 zügig professionalisiert hat und zu Ägyptens gefährlichster Terrorgruppe aufgestiegen ist. Die zunehmende Frequenz und Professionalisierung der Anschläge spricht dafür, dass ABM über einige sehr erfahrene Kämpfer verfügt. Die Existenz von Luft-Boden-Raketen auf dem Sinai bedeutet auch eine Gefahr für den zivilen Luftverkehr in der Region.

Waren die Aktivitäten von ABM anfangs auf den Norden der Sinai-Halbinsel beschränkt, so hat die Gruppe ihren Aktionsradius inzwischen auf das ägyptische Niltal und das Delta ausgeweitet. Und auch die Taktik hat sich geändert: Verübte ABM anfangs vor allem Bombenanschläge, so setzt die Terrorgruppe inzwischen verstärkt auf Selbstmordattentäter.

Die Basis von ABM liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit im Norden der Sinai-Halbinsel, nahe der Ortschaft Scheich Zuweid. Ein Großteil der Waffen stammt wohl aus Libyen, ein weiterer Teil aus dem Sudan.

Über Organisation, Führungspersonal und Innenleben von ABM ist kaum etwas bekannt. So ist unklar, wie viele Mitglieder die Gruppe hat und was diese für einen sozialen Hintergrund haben. Wir wissen ebenfalls nicht mit Sicherheit, wer die Anführer von ABM sind. Auch über die Finanzierung der Gruppe ist nichts bekannt.

Einen Großteil der Mitglieder von ABM dürften Angehörige der lokalen Beduinen-Stämme stellen: der Suwarka im Norden und der Tiyaha aus dem Zentralsinai. Hinzu kommen Ägypter aus dem Niltal und dem Delta, Palästinenser aus dem Gaza-Streifen sowie Jihadisten aus anderen arabischen Ländern.

Die zunehmende Frequenz an Anschlägen weist darauf hin, dass die Zahl der Mitglieder seit der Gründung deutlich gewachsen ist. Einige Quellen sprechen von 700 bis 1000 Mitgliedern. Vermutlich erhält ABM vermehren Zulauf von Jihadisten anderer auf dem Sinai aktiver Gruppen – Erfolg wirkt anziehend und dürfte bei ABM für frisches Personal sorgen. Auch die wachsende Zahl von Selbstmordattentäter spricht für einen größeren Personal-Pool.

Die ungewisse Nähe zu Al-Qaida

Bislang ist nicht bekannt geworden, dass ABM gegenüber Al-Qaida den Treueid geleistet hat. Auch der Führer der Al-Qaida-Zentrale, Aiman al-Zawahiri, hat sich dazu nicht geäußert.

Dessen ungeachtet gibt es eine Reihe von Verbindungen, die darauf hinweisen, dass ABM Al-Qaida nahe steht: ideologisch, personell, infrastrukturell.

So verfolgt die Gruppe die gleiche Agenda wie Al-Qaida, angepasst an die lokalen Verhältnisse: So hat ABM in ihren Verlautbarungen wiederholt erklärt, die Muslime von der „Versklavung durch unterdrückerische, abtrünnige Regime“ zu befreien und ihnen, neben der Einführung der Scharia, „Gerechtigkeit, Würde und Freiheit“ bringen zu wollen. Der Kampf von ABM richte sich gegen „Kreuzfahrer und Zionisten“. Dabei sei es obligatorisch, die ägyptische Armee von der Sinai-Halbinsel zu vertreiben.

Die Nähe zu Al-Qaida wird auch in den Videos von ABM deutlich, in denen häufig prominente (verstorbene) Al-Qaida-Kader wie Usama Bin Ladin oder Abu Yahya Al-Libi zu sehen sind. ABM verwendet zudem die ebenfalls von Al-Qaida und ihren Filialen verwendete Flagge. Auch Al-Qaida-Chef Zawahiri hat in seinen Verlautbarungen bereits mehrfach die Aktivitäten von ABM lobend hervorgehoben.

Darüber hinaus finden sich einige Jihad-Veteranen mit engen Verbindungen zu Al-Qaida in den Reihen von ABM. Ein prominentes Beispiel ist Muhammad Jamal Al-Kashef. Der ägyptische Jihad-Veteran wurde bereits in den 1980er Jahren von Al-Qaida ausgebildet. Jamal ist international bestens vernetzt: Unter anderem pflegt er gute Beziehungen zu Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH) und der Filiale in Nordafrika, Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM). Die USA setzten Jamal und sein „Muhammad-Jamal-Netzwerk“ im Oktober 2013 auf ihre Terrorliste.

Bis zu seiner Verhaftung 2012 stand Jamal offenbar in direktem Kontakt mit Zawahiri: Auf einem bei der Verhaftung beschlagnahmten Laptop fanden sich Nachrichten an den Al-Qaida-Chef, denen zufolge Jamal Trainingscamps in Libyen und im Sinai eingerichtet habe. Weiterhin schrieb er, er habe „Gruppen für uns im Sinai“ gegründet. Jamal war auch der Kopf der so genannten „Nasr-City-Zelle“ in Kairo.

Berichten der ägyptischen Presse zufolge soll Jamal auch den Selbstmordattentäter des Anschlags auf den ägyptischen Innenminister im September 2013, Walid Badr, eigenhändig trainiert haben; dies allerdings in Trainingscamps in Libyen.

Eine Führungsrolle bei ABM soll laut der ägyptischen Presse Ahmad Salama Mabruk einnehmen. Mabruk hat eine ähnliche Vita wie Jamal: erst eine Führungsrolle bei Al-Jihad, lange Jahre Untergeber von Aiman al-Zawahiri und später von Bin Ladin. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis aufgrund eines Gnadengesuchs durch den damaligen Präsidenten Mohammed Moursi sympathisierte er zunächst mit der Gruppe Ansar al-Sharia in Ägypten, bevor er sich ABM anschloss.

Ebenfalls in einem Kontakt mit Walid Badr soll Nabil Al-Maghraby gestanden haben. Al-Maghraby ist ein Jihadist alter Schule: Er ass wegen Beteiligung des Anschlags auf den damaligen ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat 1981 im Gefängnis, bis auch er 2012 durch den Gnadenerlass Moursis frei gelassen wurde. Die ägyptischen Sicherheitsbehörden bezeichneten ihn als „Agent von Al-Qaida“, als sie ihn Ende Oktober 2013 erneut verhafteten.

Ist Ansar Bait al-Maqdis der verdeckte Arm von Al-Qaida in Ägypten?

Agiert Ansar Bait al-Maqdis nun als verdeckter Arm von Al-Qaida in Ägypten? Das ist möglich. Dafür sprechen die personellen Verflechtungen ebenso wie die Nutzung von Al-Qaidas Propagandakanälen und der Einsatz operativer Taktiken wie der Selbstmordanschläge. Mindestens aber lässt sich festhalten, dass ABM Al-Qaidas Agenda vertritt – und die Terrorgruppe das mit Wohlwollen betrachtet.

Für die von ägyptischen Behörden wiederholte Behauptung, bei ABM handele es sich um eine radikale Abspaltung der Muslimbruderschaft, existieren keine Beweise. Dabei dürfte es sich um einen Versuch des Militärregimes handeln, die Muslimbruderschaft weiter zu diskreditieren.

Vielleicht soll der Hinweis auch nur die Aufmerksamkeit von der Tatsache ablenken, dass die Sicherheitsbehörden des Landes damit überfordert sind, die Gruppe unter Kontrolle zu bekommen. Mit weiteren Anschlägen durch Ansar Bait al-Maqdis ist daher zu rechnen. Eine weitere Destabilisierung Ägyptens könnte die Folge sein.

Dieser Text erschien am 05.03.2014 in einer gekürzten Fassung zuerst auf Focus Online.