Jihadisten auf dem Sinai (IV): Jaish al-Islam

Auf dem Sinai operieren mehrere jihadistische Gruppen mit Bezug zum Gaza-Streifen. Dies sind Jaish al-Islam, Al-Tauhid Wal-Jihad, Ansar as-Sunna und Mujahideen Shura Council. Die personellen und operativen Verbindungen zwischen den Gruppen sind diffus. Es ist jedoch eine Fluktuation von Kämpfern zwischen den einzelnen Gruppen anzunehmen.

Ich werde die vier Gruppen in den folgenden Posts vorstellen. Den Anfang macht heute Jaish al-Islam.

Jaish al-Islam (Armee des Islam, JaI) gründete sich im Frühjahr 2006 im Gaza-Streifen. Ihr Ziel sei, neben einer raschen Islamisierung des Gaza-Streifens, die „Befreiung Palästinas“ sowie die Errichtung eines „islamischen Kalifat in Palästina“. Man führe den Jihad nicht wegen eines Stück Lands oder wegen „illusorischer Grenzen“ oder aus nationalistischen Gründen. Mit derartiger Rhetorik setzt sich die Gruppe klar von palästinensischen Gruppen wie der Hamas ab.

Die erste öffentliche Aktivität der Gruppe bestand in der Verteilung von Propaganda-Material in Gaza im Mai 2006. Ihr Gründer ist Mumtaz Dughmush, ein Angehöriger des im Gaza-Streifen einflussreichen Dughmush-Clans und ein ehemaliges Mitglied der Hamas. Sein Clan wird häufig mit kriminellen Aktivitäten in Verbindung gebracht, vor allem mit Waffenschmuggel.

Operationsbasis: Gaza und Sinai

Die Gruppe hat ihre Basis im Gaza-Streifen, operiert aber inzwischen vorrangig auf der Sinai-Halbinsel. Sie soll über etwa 200 Kämpfer verfügen. Die Gruppe finanziert sich offenbar vor allem mittels Schmuggel und Waffenhandel. Nach Ansicht der israelischen Nachrichtendienste soll Dughmush einen Großteil der im Gaza-Streifen existierenden Trainingscamps betreiben. Die dort ausgebildeten Kämpfer reisten anschließend weiter, um auf dem Sinai, in Syrien oder Jemen zu operieren.

Jaish al-Islam ist bislang mit einigen spektakulären Operationen aufgefallen. Diese machen deutlich, dass die Gruppe über hohe operative Fähigkeiten verfügt. Neben routinemäßigen Raketenangriffen auf Israel gehören auch Entführungen von Ausländern und Terroranschläge zum Repertoire.

Für internationales Aufsehen sorgte insbesondere die Entführung des israelischen Soldaten Gilad Shalit, der 2006 beim Angriff auf den israelischen Grenzposten Kerem Shalom verschleppt wurde. Shalit kam erst fünf Jahre später wieder frei. Ebenfalls im Jahr 2006 hatte die Gruppe zwei Reporter des TV-Senders Fox News im Gaza-Streifen entführt. Diese wurden nach einer Zwangskonversion zum Islam und durch die Vermittlung der Hamas nach zwei Wochen wieder frei gelassen.

Im März 2007 schließlich entführte Jaish al-Islam den BBC-Reporter Alan Johnston. Im Gegenzug für seine Freilassung verlangte die Gruppe die Freilassung von Abu Qatada, eines einflussreichen Jihad-Ideologen aus Palästina, der in Großbritannien in Haft saß. Dieser Versuch scheiterte jedoch: Johnston kam nach vier Monaten frei, erneut auf Vermittlung der Hamas.

Die ägyptischen Sicherheitsbehörden beschuldigen Jaish al-Islam, für mehrere Anschläge in Ägypten verantwortlich zu sein, darunter einen Bombenanschlag auf dem Kairoer Markt Khan al-Khalili sowie einen Anschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria, bei dem 25 Menschen starben und zahlreiche weitere verletzt wurden.

Bindeglied zwischen Hamas und Al-Qaida?

Obwohl die jihadistisch-salafistische Ideologie von Jaish al-Islam Verbindungen zu Al-Qaida und assoziierten Gruppen vermuten lässt, steht die Gruppe eher militanten palästinensischen Gruppen wie der Hamas und dem Popular Resistance Committee (PRC) nahe, was wiederum eine Nähe zu Al-Qaida unwahrscheinlich macht. (Wer oder was auch immer Al-Qaida heute sein soll.) Einigen Quellen zufolge handelt es sich bei Jaish al-Islam um eine Abspaltung des PRC.

Jaish al-Islam soll mit Hamas und PRC bereits mehrfach gemeinsame Operationen durchgeführt haben, darunter die Entführung von Gilad Shalit. Die USA nahmen Jaish al-Islam im Mai 2011 in ihre Terrorliste auf; dieser Verlautbarung zufolge handele es sich bei JaI um eine Splittergruppe der Hamas, die zugleich einer salafistischen Ideologie anhänge.

Damit stellt Jaish al-Islam ein Bindeglied zwischen der Hamas und jihadistischen Gruppen dar. Dieser Spagat ermöglicht es der Gruppe, sowohl unter den Augen der Hamas im Gaza-Streifen zu operieren als auch mit jhadistischen Gruppen auf der Sinai-Halbinsel zu kooperieren.

Die in Gaza und auf dem Sinai operierende Gruppe Jaish al-Islam ist nicht zu verwechseln mit dem in Syrien gegründeten Zusammenschluss verschiedener Rebellengruppen, die vormals unter Liwa al-Islam firmierte.

Im nächsten Post geht es um Al-Tauhid Wal-Jihad.