Jihadistische Gruppen in der Sahelzone (II): Al-Murabitun

„Al-Murabitun“ heißt die neueste Jihadisten-Gruppe in Nordafrika. Sie ist das Ergebnis des Zusammenschlusses zweier altbekannter Gruppen: der Katibat al-Mulathimin (Brigade der Verschleierten) des algerischen Jihadisten Mokhtar Belmokhtar (Foto) und der Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en l’Afrique de l’Ouest, MUJAO).

Sicherheitsbehörden in der Region rechnen mit einem großen Terroranschlag der Gruppe gegen westliche Ziele in Tunesien, Marokko, Libyen oder Ägypten.

Beide Gruppen hatten Ende August 2013 gegenüber der mauretanischen Nachrichtenagentur ANI ihren Zusammenschluss bekannt gegeben. ANI hat sich in den vergangenen Jahren als verlässliche Quelle bezüglich jihadistischer Aktivitäten in Westafrika erwiesen. Mokhtar Belmokhtar hatte die Nachrichtenagentur bereits zuvor mehrfach als Kanal für seine Verlautbarungen genutzt.

Diesem ersten offiziellen Statement zufolge soll Al-Murabitun die Muslime „vom Nil bis zum Atlantik“ vereinen. Der Name spielt auf die islamische Herrscherdynastie der Almoraviden an, deren Reich sich im 11. Jahrhundert über das Gebiet des heutigen Mauretaniens, der Westsahara, Marokkos, Algeriens und Andalusiens erstreckte. Weiterhin will die Gruppe den „Feldzug der Zionisten und Kreuzritter gegen den Islam und seine Ausbreitung“ stoppen – und droht, vor allem die Interessen der Franzosen und ihrer Verbündeter in der Region zu bekämpfen.

Dies impliziert eine zumindest abstrakt erhöhte Bedrohung wirtschaftlicher und diplomatischer Ziele Frankreichs im Operationsraum von Al-Murabitun. Dieser umfasst derzeit Algerien, Mali, Mauretanien und Niger. Den Angaben regionaler Nachrichtendienste zufolge gibt es zudem Hinweise darauf, dass Al-Murabitun den eigenen Aktionsraum Richtung Osten ausweiten will, um auch Kämpfer in und aus Tunesien, Libyen und Ägypten integrieren zu können.

In einem weiteren Statement gegenüber ANI bekräftigte Belmokhtar die Loyalität der Gruppe gegenüber Al-Qaida-Führer Aiman al-Zawahiri und verwies auf die fortwährende Inspiration durch Al-Qaida und die Taliban, vor allem durch Usama Bin Ladin und Mullah Omar, den Anführer der afghanischen Taliban.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Belmokhtar nicht selber die Führung von Al-Murabitun übernehmen will. Der ersten Verlautbarung zufolge werde dies ein namentlich bislang nicht genannter Jihad-Führer tun. ANI verweist auf „glaubwürdige Quellen“, denen zufolge es sich dabei um einen Veteranen handele, der bereits in den 1980er Jahren in Afghanistan gegen die Russen und 2002 gegen die Amerikaner gekämpft habe. Er sei „vor einer Weile“ im Norden Malis eingetroffen und habe bereits im Kampf gegen gegen die Franzosen als Kommandeur agiert. Die Gründe für diesen Schritt Belmokhtars sind noch unklar, ebenso, welche Rolle er in der neuen Organisation spielen wird.

Zwei alte Bekannte finden zusammen

Warum sich die beiden Gruppen jetzt formal zusammen geschlossen haben, ist nicht klar. Denn die Beziehungen zwischen Belmokhtar und MUJAO sind bereits seit der Gründung von MUJAO im Dezember 2011 sehr eng. Während der französischen Militärintervention in Mali kämpften Belmokhtars Männer und MUJAO Seite an Seite. Als MUJAO vorübergehend die Stadt Gao kontrollierte, schlug Belmokhtar dort sein Hauptquartier auf, bis beide von den Franzosen vertrieben wurden.

Zudem haben MUJAO und Belmokhtars Männer bereits gemeinsame Operationen durchgeführt: die spektakulären Angriffe auf die Gasanlage im algerischen In Amenas im Januar 2013 sowie im Niger auf eine Kaserne in Agadez und eine Uran-Mine in Arlit.

Und auch die persönlichen Beziehungen sind eng: Mehrere der Anführer von MUJAO haben bereits unter dem Kommando von Belmokhtar gekämpft. So zum Beispiel Omar Ould Hamaha, der als militärischer Führer und Sprecher eine der Schlüsselfiguren bei MUJAO ist. Er soll zudem Belmokhtars Schwiegervater sein.

Einigen Quellen zufolge haben jedoch mehrere Bataillone einen Zusammenschluss verweigert: auf Seiten von MUJAO die Brigaden Salahedine und Ousmane Dane Fodio; von Belmokhtars Männern die Gruppe „Al-Muwaqi’un bil-Dima“ (Die mit Blut Unterzeichnen), die für den Angriff auf das Gasanlage von In Amenas verantwortlich war.

Drei mögliche Gründe für den Zusammenschluss

Warum nun also der Zusammenschluss? Ich halte auf der Grundlage der momentan vorliegenden Informationen die folgenden drei Möglichkeiten für plausibel:

1 – Organisation verbessern. MUJAO hatte seit der Gründung stets mit formalen und organisatorischen Problemen zu kämpfen. In der kurzen Zeit seit ihrer Gründung hat die Gruppe bereits mehrere Umorganisationen hinter sich. Der Zusammenschluss könnte nun den Versuch darstellen, MUJAO endlich mit einer soliden Führung zu versehen und für klare Kommandostrukturen zu sorgen.

2 – Kräfte bündeln. Die Intervention des französischen Militärs in Mali hat die Jihadisten-Gruppen in der Region aufgerieben und für teils große Verluste gesorgt. Zudem ist Belmokhtars Truppe beim Angriff auf In Amenas massiv dezimiert worden. Um wieder handlungsfähig zu werden, müssen die Jihadisten die vorhandenen Kräfte bündeln.

3 – Anweisung der Al-Qaida-Zentrale. Belmokhtar hat stets gute Beziehungen zur Al-Qaida-Zentrale in Pakistan gepflegt. Sollte Belmokhtar bei Al-Murabitun künftig eine zentrale Rolle spielen, könnte der Schritt eine Anerkennung der von Belmokhtar geführten Angriffe von In Amenas, Agadez oder Arlit bedeuten. Perspektivisch könnten sich Al-Murabitun als Vertreter von Al-Qaida in der Sahelzone positionieren – und damit die in Nordafrika dominierende Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) nach Süden hin operativ ergänzen.

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