Schwache Signale

Global geocoded tone of all Summary of World Broadcasts content, January 1979–April 2011 mentioning “bin Laden”. A full–resolution version of this figure is available at

Entführungen, mehr Terroranschläge, steigende Kriminalität – das ist die Kehrseite des Arabischen Frühlings. Unternehmen vor Ort brauchen künftig ein Frühwarnsystem, um in derart unsicheren Verhältnissen erfolgreich zu agieren. Hilfe könnten Mathematik und Algorithmen bringen: Big Data heißt das Stichwort.

Freiheit, Demokratie, Menschenrechte: Der Arabische Frühling weckt auch zwei Jahre nach dem Beginn der Revolutionen im Januar 2011 in Europa positive Assoziationen. Die Bilder von Menschen in Tunesien und Ägypten, die teils unter Einsatz ihres Lebens auf die Straße gingen, um gegen ihre verhassten Unterdrücker zu demonstrieren, haben sich fest im kollektiven Gedächtnis des Westens verankert. Aus Europa fliessen seither Gelder in Milliardenhöhe in die arabische Welt, um den Aufbau von Zivilgesellschaften und einer unabhängigen Presse zu fördern.

Für die in der Region tätigen Unternehmen hingegen war der Arabische Frühling ein Schock, die Auswirkungen mit denen eines Vulkanausbruchs vergleichbar: Auf lange Sicht mag die Asche den Boden fruchtbar machen, kurzfristig jedoch zerstört sie alles Leben. So sind die starren Verhältnisse der einstigen Diktaturen Vergangenheit – heute jedoch bestimmen Instabilität und Unsicherheit den Alltag. Die politischen Umstürze haben die Machtverhältnisse kräftig durcheinander gewirbelt und gleichzeitig die Sicherheitskräfte geschwächt. In der Folge sind vielerorts die Kriminalitätsraten explodiert. Jihadistische Gruppen breiten sich aus. Terroranschläge sind in Nordafrika zu einer konkreten Gefahr geworden, ebenso das Risiko, Opfer einer Entführung zu werden.

Bevorzugtes Ziel der Jihadisten sind Ausländer aus dem Westen. Die bislang größte Operation dieser Art stellt der Angriff von Jihadisten auf die Erdgasanlage im algerischen In Amenas dar. Die der nordafrikanischen Filiale von Al-Qaida nahestehenden Angreifer hatten im Januar 2013 mehr als 800 Geiseln genommen, darunter rund 100 ausländische. Im Verlauf der Geiselnahme und der anschließenden Intervention durch das algerische Militär wurden 39 der ausländischen Arbeiter getötet.

Auch der Angriff auf das US-Konsulat in Benghasi am 11. September 2012 zielte auf westliche Ausländer ab. Gedeckt von einem bewaffneten Mob, die gegen einen in den USA produzierten Schmähfilm über den Propheten Muhammad protestierten, feuerten die Angreifer – vermutlich Jihadisten – Raketen und Granaten auf das Konsulat ab. Dabei kamen der US-Botschafter und drei weitere amerikanische Mitarbeiter ums Leben. Die genaueren Umstände der Attacke sind noch immer ungeklärt.

Big Data und die Macht der Algorithmen

Angesichts dieser neuen Unsicherheiten stehen die in der Region aktiven Firmen nun vor der Frage, wie sie trotz erhöhten Risikos und Instabilität künftig handlungsfähig bleiben können. Was Unternehmen heute brauchen, ist ein Frühwarnsystem, das sich abzeichnende Krisen und politischen Aufruhr zuverlässig erkennt, um beispielsweise rechtzeitige Evakuierungen zu ermöglichen.

Der Experte alter Schule scheidet damit aus: Sie taugen zur Erklärung bereits eingetretener Entwicklungen – nicht aber zur Vorhersage künftiger Ereignisse. Im Gegenteil können sie dabei sogar hinderlich sein, neigen Experten doch dazu, von selbst Erlebtem auf die Zukunft zu schließen. Und: Sie schauen besonders gerne dorthin, wo sie sich auskennen. Das verzerrt die Analyse. Im Ergebnis liegen die Fachleute statistisch gesehen häufiger daneben als ein Laie. Der Beweis: Nicht ein einziger der so genannten Nahost-Experten weltweit hat den Arabischen Frühling vorhergesagt.

Die Lösung könnte anderswo liegen: bei Statistik und Algorithmen. „Big Data“ ist der Schlagwort der Stunde. Der Begriff beschreibt das gezielte Sammeln und Auswerten der ungeheuren Datenmengen, die die Menschheit mittels Internet verbreitet. Insbesondere in den Social Media breiten die Menschen ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen aus. Twitter, Facebook, Google und Co. fungieren wie ein riesiges Mikroskop, unter das sich ein wachsender Teil der Menschheit legt.

Die Analyse der Daten vereint unterschiedliche Disziplinen und methodische Ansätze: Mathematik, Computerwissenschaft und Informationstechnologie bilden die Grundlage für die Methoden, die sich „Predictive Modeling“, „Information Retrieval“ oder „Reality Mining“ nennen. Hinter den jeweiligen Methoden stecken Riesen der Computerbranche wie IBM, aber auch Start-Ups – bis hin zu einzelnen Wissenschaftlern.

Immer geht es darum, bislang unerkannte Muster und Zusammenhänge im Daten-Chaos aufzuspüren, um auf diese Weise zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Dahinter steht der Gedanke, die reale Welt in Form von Daten abzubilden – um dann zu schauen, was passiert, wenn diese Welt sich verändert. Enthusiasten sind sich sicher, dass die Auswertung der Vergangenheit bald einen Blick in die Zukunft ermöglicht – behandelt man Gesellschaften und Geschichte einfach wie ein großes Datenproblem.

Schwache Signale

Kalev Leetaru, der an der Universität Illinois zum Thema Big Data forscht, fütterte für seine Studie „Culturomics 2.0“ seine Supercomputer mit Millionen von Nachrichten aus den vergangenen 30 Jahren. Diese gewichtete er nach Orten und Tonalität, positiv oder negativ – und gelangte zu überraschenden Ergebnissen.

„Der Arabische Frühling wäre vorhersehbar gewesen“, sagt Leetaru. Er verweist auf eine Grafik seiner Studie, einem EKG nicht unähnlich, welche die Entwicklung in Ägypten abbildet. Diese fällt Ende Januar 2011 steil nach unten ab – am 25. Januar begannen am Nil die Proteste. Eine ähnliche Entwicklung habe es zuvor in Tunesien und später auch in Libyen gegeben, so Leetaru.

Der Grundgedanke hinter seiner Methode: Politische Umstürze und ähnliche Krisen kommen nie aus heiterem Himmel. Sie kündigen sich vorher an: mittels so genannter „schwacher Signale“. Das sind Informationsbruchstücke, die auf Diskontinuitäten hinweisen, auf Phänomene, die erst mit einer zeitlichen Verzögerung eintreten. Ein schwaches Signal kann die Häufung gleichartiger Ereignisse sein, aber auch die Verbreitung neuer Ideen und Meinungen. Letzteres war im Falle des Arabischen Frühlings gut zu beobachten. Auch die signifikant gestiegene Zahl der Anmeldungen von Nutzern bei Twitter und Facebook in Tunesien und Ägypten in den ersten drei Monaten 2011 ist ein schwaches Signal: So stieg die die Zahl der Nutzer in Ägypten im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent.

Auch das Versteck von Usama Bin Ladin im pakistanischen Abottabad will Leetaru allein durch die Auswertung offener Quellen lokalisiert haben – den Radius konnte er auf 200 Kilometer beschränken. Dies wurde indes erst nach der Tötung Bin Ladins durch eine amerikanische Spezialeinheit bekannt. Aber vielleicht hätte man den Al-Qaida-Chef auf diese Weise tatsächlich aufgespürt. Nur hatte eben niemand nachgesehen.

Einen anderen Ansatz als Leetaru verfolgt das US-amerikanische Start-Up Recorded Future. Die Methode nennt sich „Information Retrieval“. Sie bringt die Suchergebnisse in eine zeitliche Reihenfolge und verknüpft sie dabei mit anderen Inhalten. Die Software erfasst dabei auch die Tonlage und das „Momentum“, ein Mass für die Intensität, mit der die Medien über ein bestimmtes Thema berichten. Damit ermöglicht die Software eine Art Tiefensuche in der Zeit – in Echtzeit. Das Interesse an der Technologie ist gross: Die Firma erhielt Wagniskapital sowohl von Google als auch von der CIA.

Mit Statistik gegen Verbrechen

Beim „Predictive Modeling“ geht vor allem darum, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Diese Methode wird bereits seit 2005 von US-amerikanischen Polizeibehörden eingesetzt. Die Software „Blue Crush“ von IBM ermöglicht Prognosen darüber, wann an welchem Ort Verbrechen verübt werden könnten. Straftaten lassen sich dadurch immer öfter bereits im Vorfeld vereiteln. Seit die Software im Einsatz ist, ist die Kriminalitätsrate gesunken, teilweise um bis zu 30 Prozent.

Kritiker von Big Data bemängeln, dass die Daten allein wertlos seien. Erst Experten könnten dem Chaos einen Sinn abringen. Denn bereits die Entscheidung, welche Daten man betrachte und für relevant erkläre, bedürfe bereits der Einsicht. Nur wer schwache Signale als solche erkennt, mag politische Unruhen vorhersehen – und sich rechtzeitig auf Ereignisse wie den Arabischen Frühling vorbereiten.

P.S. Dieser Text ist zuerst in Zenith, Ausgabe 03/2013, erschienen. Nachdrucke folgten bei Spiegel Online und in ADLAS – Magazin für Außen- und Sicherheitspolitik, Ausgabe 03/2013.

Illustration: Kalev Leetaru