Jihadisten auf dem Sinai (I) – Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel

Die politischen Umstürze in Ägypten seit dem Arabischen Frühling im Februar 2011 haben auch zu einer massiven Verschlechterung der Sicherheitslage im Land geführt. Besonders prekär ist die Lage auf der Sinai-Halbinsel: Wenigstens 15 salafistische Gruppen sollen laut dem israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet dort operieren; bei 13 davon handelt es sich um jihadistische Gruppen, die sich zum Teil auf Al-Qaida beziehen. Damit ist im Herzen der Arabischen Welt ein weiterer Hot Spot des Jihadismus entstanden, der die Stabilität der Region langfristig gefährden kann. Doch wer sind die Jihadisten?

Bislang liegen nur wenige belastbare Informationen vor, was die Zahl der Aktiven angeht sowie hinsichtlich der sozialen und ethnischen Zusammensetzung der Gruppen. Die Grenzen zwischen den Gruppen dürften fließend sein, wiederholte Umbenennungen sind anzunehmen. Aktuell spricht nichts für eine kohärente Bewegung der Jihadisten. Es existieren jedoch zahlreiche Basen und Trainingscamps. Dabei haben nicht alle Gruppen ihre Basis auf der Halbinsel; einige operieren aus dem Gaza-Streifen heraus.

In den kommenden Posts werde ich versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und die Gruppen kurz porträtieren. Den Anfang macht heute Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel (AQSH).

Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel

Die Nachricht sorgte für Unruhe bei den Sicherheitsbehörden in Ägypten, Israel, Europa und den USA: Am 02. August 2011 tauchten Flugblätter in El-Arish auf, der größten Stadt im Norden des Sinai. Darin wurde die Gründung einer Gruppe namens „Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel“ (Al-Qaida fi Jazirat Sina’) bekannt gegeben.

Nur wenige Tage zuvor, am 29. Juli 2011, hatten mehrere hundert schwergewaffneter Beduinen die Polizei-Station in El-Arish angegriffen. Bei dem Schusswechseln waren drei Zivilisten und zwei Polizisten ums Leben gekommen. Am 30. Juli 2011 hatten Militante die Pipeline angegriffen, die Gas von Ägypten nach Israel und Jordanien transportiert. Es war der dritte Angriff innerhalb eines Monats und der fünfte im Jahre 2011. Die Angreifer nutzten Panzerabwehrraketen (RPG), um ein Loch in die Pipeline zu schiessen.

In dem Papier mit dem Titel „Eine Botschaft von Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel“ forderten die Verfasser unter anderem die Errichtung eines Islamischen Emirats und die Einführung der Scharia auf dem Sinai sowie die Aufhebung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages. Darüber hinaus verlangten sie ein Ende der Unterdrückung der Beduinen auf der Halbinsel. Bald darauf erschien in mehreren jihadistischen Internet-Foren ein Video, indem diese Forderungen wiederholt wurden. Das Video war jedoch nur wenige Tage in den Foren zu finden, bevor es wieder entfernt wurde.

Die Gruppe soll Al-Qaida-Führer Aiman al-Zawahiri den Treueid (bai’a) geschworen haben; Belege dafür fehlen bislang jedoch. Ebenso wenig hat die Zentrale in Pakistan bisher die Gründung einer Filiale im Sinai bekannt gegeben noch AQSH als offiziellen Vertreter bestätigt. Dessen ungeachtet pries Zawahiri die Anschläge auf die Pipeline in einem Audio-Kommentar im Oktober 2012, in dem er sich zur Lage der Revolution Ägypten äußerte und weitere Anschläge gegen Israel forderte.

Bei den Anschlägen könnte es sich somit um die ersten terroristischen Gehversuche einer neuen Gruppe handeln, mit dem Ziel, sich bei der Al-Qaida-Zentrale ins Gespräch zu bringen, um im nächsten Schritt als offizieller Ableger anerkannt zu werden.

Die in dem Pamphlet genannten Forderungen von AQSH stellen eine Mischung aus lokalen, regionalen und internationalen Themen dar. Das spricht dafür, dass die Leute von AQSH entweder erfolgreich Beduinen rekrutiert haben oder aber sich Forderungen der lokalen Bevölkerung aus strategischen Gründen zu eigen machen, um die Beduinen auf ihre Seite zu ziehen.

Mitglieder und Führungspersonal? Unbekannt.

Über die Größe der Gruppe ist nichts bekannt, ebenso wenig über das Führungspersonal der Gruppe. Es ist jedoch anzunehmen, dass eine Verbindung zu Ramzi Muwafi besteht, einem ägyptischen Arzt und echten Veteranen des Jihad mit Verbindungen zur Al-Qaida-Zentrale in Pakistan. Muwafi kämpfte bereits in den 1980er Jahren an der Seite von Usama Bin Ladin in Afghanistan. Er brach 2011 aus einem ägyptischen Gefängnis aus – seither ist er auf dem Sinai aktiv und soll die verschiedenen jihadistischen Gruppen koordinieren. Belege für seine Aktivitäten fehlen indes.

Auf der Basis der wenigen, offen zugänglichen Informationen lässt sich aktuell kein klares Bild der Gruppe zeichnen. Wir wissen nicht, ob AQSH aktuell überhaupt noch existiert, sich aufgelöst hat oder mit einer anderen Gruppe verschmolzen ist. Auch über die Beziehung zur Al-Qaida-Zentrale und anderen Filialen ist nichts bekannt.

Somit könnte es sich bei AQSH auch um einen äußert selbstbewusst auftretenden Haufen von Nachwuchs-Jihadisten ohne direkte Beziehungen zu Al-Qaida handeln.