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Interviews: IS, Entführungen, Terrorgefahr in Deutschland

Der Terror der Jihadisten, allen voran des Islamische Staates (IS) alias ISIS, versetzen weiterhin die Welt in Aufruhr. Die zahlreichen Enthauptungen von Geiseln durch den IS haben das Thema nun endgültig in den Brennpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Im Rahmen der Sendung „Lukrative Propagandaschlacht“ im Deutschlandfunk sprach ich am 16.02.2015 mit Bettina Rühl über die Hintergründe und Zusammenhänge von „Entführungsindustrie“ und Sicherheitsbranche sowie die Verbindung von Terrorismus und Kriminalität in Nordafrika: Weiterlesen

Jihadisten auf dem Sinai (III): Ansar Bait al-Maqdis

Zu dem Anschlag von Taba am 16. Februar hat sich Ansar Bait al-Maqdis (Unterstützer Jerusalems) bekannt. Dabei handelt es sich um Ägyptens derzeit gefährlichste Terrorgruppe. Der Anschlag zeigt, dass die Jihadisten jetzt auch Touristen ins Visier genommen haben.

Das Auswärtige Amt hat in Reaktion auf den Anschlag eine Teilreisewarnung für Ägypten ausgesprochen und rät derzeit von Reisen auf den Sinai ab. Die ägyptischen Sicherheitsbehörden haben ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Weiterlesen

Inspire #9: Jihad im Fernstudium

Für das im Dezember 2013 erschienene Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2013 habe ich die neunte Ausgabe von Inspire rezensiert, des Propaganda-Magazins von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH). Den Text habe ich bereits im Mai 2013 verfasst. Zwischenzeitlich sind zwei weitere Ausgaben erschienen. Die neunte Ausgabe ist jedoch nach wie vor interessant, weil sie eine Zäsur in der Geschichte von Inspire markiert.

Inspire #9

Jihadistische Magazine erscheinen heute in einer Vielzahl von Sprachen und Formaten. Aus der Masse der Publikationen sticht jedoch ein englischsprachiges Online-Magazin hervor: Inspire zielt als erste Jihad-Publikation vorrangig darauf ab, Weiterlesen

Vortrag: Wie gefährlich sind „Foreign Fighter“?

Welche Gefahr für die innere Sicherheit ihrer Heimatländer stellen heimkehrende „Foreign Fighter“ dar? Worin genau besteht diese Gefahr? Werden diese Heimkehrer automatisch zu Terroristen? Und welche Rolle spielt der Krieg in Syrien für die Sicherheit in Deutschland?

Am 22.01.2014 hatte ich die Gelegenheit, diese und weitere Fragen gemeinsam mit Claudia Dantschke vom Zentrum für Demokratische Kultur (ZDK) und Daniel Köhler vom Institute for the Study of Radical Movements (ISRM) im Rahmen des dritten MOSECON Luncheons Manchurian Candidate Redux: Wie gefährlich sind heimkehrende „Foreign Fighter“? zu diskutieren.

Es war eine spannende Veranstaltung, die mir einige neue Erkenntnisse beschert hat. Yan St-Pierre von MOSECON hat die wichtigsten Ergebnisse der Veranstaltung hier zusammengefasst. Ein Video der Veranstaltung wird ab Februar bei MOSECON erhältlich sein.

Foto: mosecon.com

Jihadisten auf dem Sinai (II) – Ansar al-Jihad

Wer sind die Jihadisten auf dem Sinai? Nachdem ich im ersten Teil Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel (AQSH) porträtiert habe, geht es heute um Ansar al-Jihad. Vorab: Die Gruppe existiert inzwischen vermutlich nicht mehr. Interessant sind jedoch die möglichen Verbindungen zu AQSH.

Am 20. Dezember 2011 gab die Gruppe Ansar al-Jihad fi Jazirat Sina‘ (Unterstützer des Jihad auf der Sinai-Halbinsel), kurz Ansar al-Jihad, ihre Gründung in einem Schreiben bekannt, die sie in dem islamistischen Internet-Forum Sinam al-Jihad veröffentlichte. Darin erklärte die Gruppe, den „Schwur“ des 2011 getöteten Al-Qaida-Führers Usama Bin Ladin erfüllen zu wollen und „das korrupte Regime [Ägyptens, FP] sowie seine Handlanger unter den Juden und den Amerikanern“ zu bekämpfen.

Die Ziele der Gruppe sind – Überraschung! – die Errichtung eines islamischen Emirats auf dem Sinai und die Einführung der Scharia.

SinaiAnsar al-Jihad soll mehrere Anschläge auf die von Ägypten nach Israel verlaufene Gas-Pipeline verübt haben, darunter einen im Februar 2012. Damals hatten die Attentäter nahe der Stadt El-Arish im Norden des Sinai die Pipeline mit Sprengsätze in die Luft gejagt. Für diesen einen Anschlag hat Ansar al-Jihad die Verantwortung übernommen. In ihrem Gründungsschreiben hatten Ansar al-Jihad auch die Angriffe auf Eilat vom August 2011 gepriesen, bei denen acht Israelis getötet und 31 weitere verletzt worden waren. Wer den Anschlag letztlich durchgeführt hat, ist nicht ungewiss; sowohl Ansar al-Jihad als auch die auf dem Sinai operierende Gruppe Ansar Bait al-Maqdis haben dafür die Verantwortung übernommen.

In einem weiteren Schreiben vom 23. Januar 2012 hat Ansar al-Jihad Al-Qaida-Führer Aiman al-Zawahiri den Treueid geschworen. Die Verlautbarung ist nicht namentlich unterschrieben.

Beziehung von Ansar al-Jihad und AQSH? Viele Theorien, nichts Konkretes

Ungeachtet dessen ist die Beziehung von Ansar al-Jihad zu AQSH ungeklärt. Für die einen sind beide Gruppen identisch, die hin und wieder eben unter unterschiedlichen Namen aufträten. Andere Beobachter wiederum sehen Ansar al-Jihad als „militärischen Arm“ von AQSH.

Belege gibt es für keine der beiden Thesen. In der arabischen Presse werden beide Behauptungen stets mit Zitaten namentlich nicht genannte „Offiziere“ der ägyptischen Polizei und der Nachrichtendienste sowie des Militärs zu untermauern versucht. Es stellt sich allerdings die Frage, wieso eine jihadistische Gruppe, die per definitionem militant ist, einen zusätzlichen militärischen Arm brauchen sollte. Dennoch: AQSH hat meines Wissen bis dato für keinen Anschlag die Verantwortung übernommen. Diese werden ihr von Dritten zugeschrieben. Das ist ein erheblicher Unterschied. Eine Verbindung von Ansar al-Jihad und AQSH ist daher nicht auszuschließen.

Eine dritte Variante ist die Theorie, dass „Al-Qaida“ (die Autoren äußern sich nicht dazu, wer das heute genau sein soll) auf dem Sinai unter dem Namen Ansar al-Jihad operiere – unter einem Decknamen gewissermaßen. Das würde zu Bin Ladins Überlegungen eines Rebrandings von Al-Qaida passen, das das ramponierte Image seines Terror-Netzwerks verbessern sollte.

Über Organisation, Führungspersonal und weitere Aktivitäten von Ansar al-Jihad ist nichts bekannt. Die Gruppe soll ihre Basis in den Bergen des Zentralsinai haben, in der Gegend um St. Katharina. Die Mitglieder sollen überwiegend Sinai-Beduinen sein, unter anderem vom Stamm der Tiyaha, die im zentralen Sinai ihr Stammesgebiet haben.

Seit 2012 ist es sehr ruhig geworden um Ansar al-Jihad: keine spektakulären Anschläge mehr, keine Verlautbarungen, kein Lebenszeichen. Vermutlich hat sich die Gruppe inzwischen still und heimlich aufgelöst, die Mitglieder sich anderen, potenteren Gruppen angeschlossen – wie zum Beispiel Ansar Bait al-Maqdis, der aktivsten und wohl gefährlichsten Jihadisten-Gruppe auf dem Sinai.

Diese behandle ich in einem der nächsten Posts.

Jihadisten auf dem Sinai (I) – Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel

Die politischen Umstürze in Ägypten seit dem Arabischen Frühling im Februar 2011 haben auch zu einer massiven Verschlechterung der Sicherheitslage im Land geführt. Besonders prekär ist die Lage auf der Sinai-Halbinsel: Wenigstens 15 salafistische Gruppen sollen laut dem israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet dort operieren; bei 13 davon handelt es sich um jihadistische Gruppen, die sich zum Teil auf Al-Qaida beziehen. Damit ist im Herzen der Arabischen Welt ein weiterer Hot Spot des Jihadismus entstanden, der die Stabilität der Region langfristig gefährden kann. Doch wer sind die Jihadisten?

Bislang liegen nur wenige belastbare Informationen vor, was die Zahl der Aktiven angeht sowie hinsichtlich der sozialen und ethnischen Zusammensetzung der Gruppen. Die Grenzen zwischen den Gruppen dürften fließend sein, wiederholte Umbenennungen sind anzunehmen. Aktuell spricht nichts für eine kohärente Bewegung der Jihadisten. Es existieren jedoch zahlreiche Basen und Trainingscamps. Dabei haben nicht alle Gruppen ihre Basis auf der Halbinsel; einige operieren aus dem Gaza-Streifen heraus.

In den kommenden Posts werde ich versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und die Gruppen kurz porträtieren. Den Anfang macht heute Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel (AQSH).

Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel

Die Nachricht sorgte für Unruhe bei den Sicherheitsbehörden in Ägypten, Israel, Europa und den USA: Am 02. August 2011 tauchten Flugblätter in El-Arish auf, der größten Stadt im Norden des Sinai. Darin wurde die Gründung einer Gruppe namens „Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel“ (Al-Qaida fi Jazirat Sina’) bekannt gegeben.

Nur wenige Tage zuvor, am 29. Juli 2011, hatten mehrere hundert schwergewaffneter Beduinen die Polizei-Station in El-Arish angegriffen. Bei dem Schusswechseln waren drei Zivilisten und zwei Polizisten ums Leben gekommen. Am 30. Juli 2011 hatten Militante die Pipeline angegriffen, die Gas von Ägypten nach Israel und Jordanien transportiert. Es war der dritte Angriff innerhalb eines Monats und der fünfte im Jahre 2011. Die Angreifer nutzten Panzerabwehrraketen (RPG), um ein Loch in die Pipeline zu schiessen.

In dem Papier mit dem Titel „Eine Botschaft von Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel“ forderten die Verfasser unter anderem die Errichtung eines Islamischen Emirats und die Einführung der Scharia auf dem Sinai sowie die Aufhebung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages. Darüber hinaus verlangten sie ein Ende der Unterdrückung der Beduinen auf der Halbinsel. Bald darauf erschien in mehreren jihadistischen Internet-Foren ein Video, indem diese Forderungen wiederholt wurden. Das Video war jedoch nur wenige Tage in den Foren zu finden, bevor es wieder entfernt wurde.

Die Gruppe soll Al-Qaida-Führer Aiman al-Zawahiri den Treueid (bai’a) geschworen haben; Belege dafür fehlen bislang jedoch. Ebenso wenig hat die Zentrale in Pakistan bisher die Gründung einer Filiale im Sinai bekannt gegeben noch AQSH als offiziellen Vertreter bestätigt. Dessen ungeachtet pries Zawahiri die Anschläge auf die Pipeline in einem Audio-Kommentar im Oktober 2012, in dem er sich zur Lage der Revolution Ägypten äußerte und weitere Anschläge gegen Israel forderte.

Bei den Anschlägen könnte es sich somit um die ersten terroristischen Gehversuche einer neuen Gruppe handeln, mit dem Ziel, sich bei der Al-Qaida-Zentrale ins Gespräch zu bringen, um im nächsten Schritt als offizieller Ableger anerkannt zu werden.

Die in dem Pamphlet genannten Forderungen von AQSH stellen eine Mischung aus lokalen, regionalen und internationalen Themen dar. Das spricht dafür, dass die Leute von AQSH entweder erfolgreich Beduinen rekrutiert haben oder aber sich Forderungen der lokalen Bevölkerung aus strategischen Gründen zu eigen machen, um die Beduinen auf ihre Seite zu ziehen.

Mitglieder und Führungspersonal? Unbekannt.

Über die Größe der Gruppe ist nichts bekannt, ebenso wenig über das Führungspersonal der Gruppe. Es ist jedoch anzunehmen, dass eine Verbindung zu Ramzi Muwafi besteht, einem ägyptischen Arzt und echten Veteranen des Jihad mit Verbindungen zur Al-Qaida-Zentrale in Pakistan. Muwafi kämpfte bereits in den 1980er Jahren an der Seite von Usama Bin Ladin in Afghanistan. Er brach 2011 aus einem ägyptischen Gefängnis aus – seither ist er auf dem Sinai aktiv und soll die verschiedenen jihadistischen Gruppen koordinieren. Belege für seine Aktivitäten fehlen indes.

Auf der Basis der wenigen, offen zugänglichen Informationen lässt sich aktuell kein klares Bild der Gruppe zeichnen. Wir wissen nicht, ob AQSH aktuell überhaupt noch existiert, sich aufgelöst hat oder mit einer anderen Gruppe verschmolzen ist. Auch über die Beziehung zur Al-Qaida-Zentrale und anderen Filialen ist nichts bekannt.

Somit könnte es sich bei AQSH auch um einen äußert selbstbewusst auftretenden Haufen von Nachwuchs-Jihadisten ohne direkte Beziehungen zu Al-Qaida handeln.

 

„Inspire“ und das geistige Fußvolk des Jihad

Welchen Einfluss hat „Inspire“, das von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel herausgegebene Online-Magazin, auf Dschihad-Sympathisanten in Deutschland? Im Interview mit Carsten Bergmann sprach ich über den Einfluss des Magazins und die Strategie des „individuellen Jihad“. Erschienen ist sein Text „Propaganda im Hochglanzformat“ bereits am 18. August 2013 im „sonntag“, dem digitalen Magazin der Mediengruppe Madsack. Diese gibt unter anderem die Hannoverschen Allgemeinen Zeitung heraus.

Jihadisten in der Sahelzone (I) – die wichtigsten Gruppen im Überblick

Die Militäroffensive Frankreichs in Mali (Operation Serval) hat den Vormarsch militanter Islamisten in der Sahelzone vorerst stoppen können – und diese in alle Himmelsrichtungen versprengt. Doch die Jihadisten sind damit keineswegs besiegt. Im Gegenteil: Sie organisieren sich neu.

Aufgrund der sich sehr rasch verändernden Verhältnisse hier ein erster Überblick über die wichtigsten jihadistischen Gruppen in Nordafrika: Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), die Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en Afrique de l’Ouest, MUJAO) und Ansar al-Din.

Grundsätzlich gibt es mit Ausnahme von AQIM gibt es nach wie vor nur wenig verlässliche Informationen über diese Gruppierungen. AQIM, Ansar al-Din und MUJAO unterscheiden sich hinsichtlich ihrer tribalen und ethnischen Herkunft sowie in ihrer ideologischen Ausrichtung. Dennoch verfolgen alle drei Gruppen gemeinsame Ziele und führen zusammen Operationen durch. Ihre Beziehungen untereinander sind unklar, die Grenzen fließend. Die sich immer wieder ändernden Allianzen und Brüche sind auf Konflikte und Machtkämpfe zwischen den Anführern der Gruppierungen zurückzuführen.

Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM)

Dreh-und Angelpunkt der islamistischen Expansion in Mali ist Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), die nordafrikanische Filiale von Al-Qaida. Sie ist die schlagkräftigste der drei in Mali operierenden Jihad-Gruppen.

AQIM ging im Januar 2007 aus der algerischen Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat, GSPC) hervor; die Umbenennung machte den Anschluss an Al-Qaida offiziell und signalisierte zudem eine Internationalisierung. Gemäß ihren Verlautbarungen ist es AQIMs Ziel, ein „islamisches Emirat“ im Maghreb zu errichten und alle „islamfeindlichen Regierungen“ sowie westliche Einflüsse zu beseitigen.

Die Mitglieder von AQIM sind zum großen Teil Jihad-Veteranen, die bereits seit 2003 in der Sahara operieren. Der hohe Verfolgungsdruck der algerischen Sicherheitsbehörden hatte ihre zuvor auf Algerien konzentrierten Aktivitäten stark eingeschränkt. In der Folge waren die Kämpfer nach Süden ausgewichen und hatten im Norden Malis einen sicheren Hafen für ihre Aktivitäten geschaffen. Hier haben sie seither ein Netzwerk lokaler Allianzen aufbauen können. AQIM und ihr Vorläufer GSPC sind die Keimzelle des Jihadismus in Nordafrika.

AQIM finanziert sich über Drogen- und Waffenschmuggel sowie durch Lösegelder für entführte Ausländer. Ihr Anführer ist der Algerier Abdulmalik Droukdal. AQIM ist stark von Algeriern dominiert, hat aber Mitglieder aus allen Staaten der Sahara und der Sahelzone. Die Gruppierung soll Anfang 2012 in Mali über mehrere hundert Kämpfer in vier Brigaden verfügt haben: Tariq bin Ziad (Abd al-Hamid Abu Zeid), Al-Furqan (Yahya Abu al-Hamam), Al-Ansar (Abd-al-Karim al-Targui) und Al-Mulathamin (Mokhtar Belmokhtar).

Belmokhtar gründete im Oktober 2012 eine eigene Gruppierung namens Al-Muwaqi’un bil-Dima (Die mit Blut Unterzeichnen). Die Kämpfer seines Bataillons nahm er mit. Auslöser für diesen Schritt waren interne Streitigkeiten mit anderen AQIM-Kommandeuren. Diese Gruppe war für den Angriff auf die Gasanlage im algerischen In Amenas im Januar 2013 verantwortlich.

AQIM kooperiert sowohl mit Ansar al-Din als auch mit MUJAO. Die Gruppen verfolgen gemeinsame Ziele und führen zusammen Operationen durch. Sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer nationalen, tribalen und ethnischen Zusammensetzung sowie in ihrer Ideologie. Dennoch sind die Grenzen zwischen den Gruppen fließend.

Nach der Vertreibung aus Mali hat AQIM im Süden Libyens, im Grenzgebiet zu Algerien und Niger, den dringend benötigten Ruheraum gefunden, um sich von dem Debakel zu erholen und die eigene Strategie erneut der aktuellen Situation entsprechend anzupassen.

Ansar al-Din

Anders als AQIM ist Ansar al-Din (frz. Ansar Eddine) eine von malischen Tuareg dominierte Gruppierung; hinzu kommen noch Algerier und Nigerianer. Sie wurde im November 2011 durch Iyag Ag Ghali, einenm einflussreichen Tuareg-Führer gegründet, der bereits in den 1990er Jahren eine wichtige Rolle beim Tuareg-Aufstand spielte. Zahlreichen Quellen zufolge habe Ag Ghali die Gruppe erst dann gegründet, als sein Versuch, sich zum Führer der MNLA und der Ifoghas-Tuareg aufzuschwingen, gescheitert sei. Die Mitglieder von Ansar al-Din rekrutierten sich anfangs vorwiegend aus Tuareg seines Stammes; Anfang 2012 kamen noch 40 AQIM-Kämpfer hinzu. Wie viele Mitglieder Ansar al-Din heute hat, ist ungewiss. Mit dem Vormarsch nach Süden konnte die Gruppierung jedoch eine signifikanten Zuwachs an Kämpfern verzeichnen, so dass sie inzwischen mehr Mitglieder als AQIM haben dürfte.

Das Ziel von Ansar al-Din besteht in der Durchsetzung der Scharia. Die Gruppe sorgte im Juni 2012 durch die Zerstörung von Sufi-Gräbern, die die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt hatte, weltweit für Aufsehen. Bis zur Intervention der Franzosen kontrollierte Ansar al-Din unter anderem die Städte Kidal und Timbuktu. Ansar al-Din scheint weder eine feste politische Agenda zu haben noch nationalstaatliche Interessen zu verfolgen.

Dauer und Natur der Beziehung von Ansar al-Din zu AQIM sind unklar. Einiges spricht dafür, dass beide Gruppen bereits seit der Gründung von Ansar al-Din kooperieren – und sich auf eine Arbeitsteilung geeinigt haben: AQIM übernimmt das jihadistische Kerngeschäft, Ansar al-Din als malische Gruppierung stellt die offizielle Kontrolle und Verwaltung der eroberten Gebiete durch Einheimische sicher. Ansar al-Din fungiert auch als Puffer zwischen den Jihadisten von AQIM und den Tuareg der MNLA.

Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (MUJAO)

Die Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en Afrique de l’Ouest, MUJAO) trat erstmals im Dezember 2011 mit der Entführung von drei französischen Entwicklungshelfern im algerischen Tindouf in Erscheinung. Der Zeitpunkt und die Umstände der Entstehung der Gruppe sind jedoch umstritten. MUJAO beschreibt sich selber als Abspaltung von AQIM. Der Hintergrund für den Bruch sollen Streits innerhalb von AQIM um die Verteilung von Lösegeldern gewesen sein. Anderen Quellen zufolge seien mangelnde Aufstiegschancen für Nicht-Algerier innerhalb AQIMs der Grund gewesen. Die Mitglieder sind überwiegend Araber aus Mali, kommen aber auch aus Tunesien, Saudi-Arabien und Ägypten.[3] Auch Mitglieder der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram sollen bei MUJAO kämpfen. Anführer der Gruppe während der Rebellion Mali war der Mauretanier Hamada Ould Mohamed Kheirou. Seither hat die Gruppe mehrere Umorganisationen hinter sich, so dass aktuell unklar ist, wer MUJAO führt.

Das Ziel von MUJAO besteht nach eigener Aussage darin, den Jihad in Westafrika zu verbreiten. Dabei versucht sich die Terror-Gruppe in die Tradition antikolonialistischer Kämpfer Westafrikas wie Hajj Umar Tall oder Amadou Cheikou zu stellen. MUJAO kontrollierte von Juni 2012 bis zur französischen Militäroffensive die Stadt Gao, zusammen mit Belmokhtars AQIM-Bataillon Al-Mulathamin („die Verschleierten“).

Mokhtar Belmokhtar und Al-Murabitun

Die mauretanische Nachrichtenagentur ANI berichtete am 20. August 2013, dass MUJAO und Mokhtar Belmokhtars Gruppe Al-Mulathimin sich zu einer neuen Gruppe namens „Al-Murabitun“ zusammengeschlossen hätten. Der Name spielt auf die islamische Herrscherdynastie der Almoraviden an, deren Reich sich im 11. Jahrhundert über das Gebiet des heutigen Mauretaniens, der Westsahara, Marokkos, Algeriens und Andalusiens erstreckte. ANI zufolge werde Al-Murabitun werde von einem neuen Anführer geleitet. Dessen Identität ist noch nicht bekannt.

Über die Hintergründe des Zusammenschlusses sowie über Belmokhtar und Al-Murabitun schreibe ich in einem der kommenden Blogposts.

Foto: CSIS PONI.

Interview: Sicherheitslage in Nahost und Nordafrika

Heute in der radioWelt bei Bayern 2 spreche ich mit Thomas Meyerhöfer über die Sicherheitslage im Nahen Osten und Nordafrika, die Stärke von Al-Qaida und Sicherheitsvorkehrungen für Unternehmen, die in der Region operieren. Sendezeiten: 6.05 – 8.30 Uhr, 13.05 – 13.30 Uhr und 17.05 – 18 Uhr.

Al-Qaida: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Wie gefährlich ist Al-Qaida? Das Terrornetzwerk sei am Boden, sagen die Einen. Al-Qaida sei stärker als je zuvor, behaupten die Anderen. Beide haben recht. Die Antwort hängt davon ab, wie man Al-Qaida definiert. Doch genau das wird immer schwieriger.

Betrachtet man die Al-Qaida-Zentrale in Pakistan, so trifft die These vom Niedergang durchaus zu. In den vergangenen Jahren hat sie schwere Schläge einstecken müssen: Viele wichtige Führer sind dem Drohnenkrieg der USA zum Opfer gefallen. Im April 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Usama Bin Laden. Aufgrund des hohen Verfolgungsdrucks scheint die Zentrale derzeit keine Anschläge im Ausland mehr verüben zu können.

Ein anderes Bild ergibt sich bei der Betrachtung der Filialen von Al-Qaida. Der Arabische Frühling hat vielerorts staatliche Strukturen zusammenbrechen lassen und den Jihadisten auf diese Weise neue Operationsräume eröffnet.

So scheint sich die Filiale im Irak nach einer Phase der intensiven Bekämpfung durch die irakische und die US-Armee wieder zu erholen. Seit dem Abzug der Amerikaner ist die Zahl der Anschläge wieder deutlich angestiegen.

Im Jemen konnte die dortige Filiale während der Aufstände gegen den vorigen Präsidenten Saleh von 2011 bis 2012 über Monate hinweg mehrere Provinzen kontrollieren. Erst durch eine Armee-Offensive, mit Unterstützung der Amerikaner, konnten die Jihadisten zurück gedrängt werden. Diese flüchteten sich in die unzugänglichen Bergregionen des Landes. Auch im Jemen dürften die Erfolge der Anti-Terror-Kämpfer vorübergehender Natur sein. Die Jihadisten werden sich neu formieren, um dann erneut anzugreifen.

Landgewinne in Nordafrika

Den bis dato größten Landgewinn konnten Jihadisten in Mali verbuchen: Angeführt von Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) nutzten mehrere jihadistische Gruppen die Gelegenheit, sich an eine lokale Tuareg-Rebellion zu hängen, um anschließend ihre säkularen Bündnispartner zu vertreiben. Erst die Intervention der französischen Armee konnte den Vormarsch der Jihadisten stoppen und diese vertreiben, vor allem nach Algerien und Libyen. Doch auch sie sind nicht besiegt, wie der Doppelanschlag auf ein Militärcamp und eine Uranförderanlage Ende Mai im Niger zeigt. Die Jihadisten haben lediglich ihren Aktionsraum verlagert.

Al-Qaidas Verbündete in Somalia, die Milizen von Al-Shabaab, haben in den letzten beiden Jahren schwere Verluste hinnehmen müssen: Truppen der Afrikanischen Union haben die Jihadisten aus ihren Hochburgen zurückdrängen können. Die Milizen haben sich notgedrungen wieder auf Terroranschläge gegen die neuen Machthaber verlegt.

In Syrien firmiert Al-Qaidas Bündnispartner unter dem Namen Jabhat al-Nusra („Front der Unterstützer“). Sie ist die wichtigste Jihadisten-Gruppe im Kampf gegen das Assad-Regime. Täglich verübt sie Anschläge. Ihre Beziehung zu Al-Qaida war lange unklar. Erst Ende Mai nun gab die Gruppe bekannt, dass sie Al-Qaida-Chef Zawahiri, dem Nachfolger Bin Ladins, den Treueid geschworen habe. Ob dieser die Offerte angenommen hat und ob die Gruppe gar Weisungen von der Zentrale empfängt, ist jedoch nicht geklärt.

Neben diesen drei Filialen und zwei engen Verbündeten existieren zahlreiche weitere jihadistische Gruppen, die in mehr oder minder loser Verbindung zu Al-Qaida stehen. Dazu zählen die fundamentalistische Sekte Boko Haram in Nigeria ebenso wie diverse Jihad-Gruppen auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel und in Nordafrika. Ein jihadistischer Korridor erstreckt sich von Jemen über Ostafrika bis hin in den Norden Malis und nach Nigeria.

Ungeachtet aktueller Rückschläge operiert Al-Qaida somit heute überall in der islamischen Welt. Das ist ein beachtlicher Erfolg für eine Organisation, deren Aktivitäten bis zum 11. September 2001 praktisch auf Afghanistan beschränkt waren.

Während also die Al-Qaida-Zentrale aktuell kaum noch eine Rolle spielt, mischen ihre Filialen und Verbündeten die islamische Welt mächtig auf. Bin Ladens strategische Entscheidung, nach dem 11. September die Gründung von Filialen zu genehmigen, hat Al-Qaida gerettet – und transformiert.

Denn die Filialen zeichnen sich nicht mehr durch die straffe Hierarchie, sorgfältig ausgebildete Attentäter und die kohärente Strategie der Al-Qaida-Zentrale aus. Tatsächlich verfolgt jede Gruppe längst ihre eigene Agenda, auch wenn sie nominell noch immer der Zentrale unterstehen. Sie kämpfen heute vorrangig in lokalen Konflikten, da hier am ehesten Siege zu erringen sind, kooperieren aber länderübergreifend. Der Kampf gegen den „nahen Feind“, die verhassten arabischen Regime, hat den Kampf gegen den Westen, den „fernen Feind“, in den Hintergrund treten lassen. Al-Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri mischt sich nicht ins Tagesgeschäft der Filialen ein. Er begnügt sich damit, aus seinem Versteck heraus hin und wieder Audio- oder Videobotschaften mit strategische Direktiven zu veröffentlichen.

Vom Netzwerk zur Ideologie

Somit wird das Bild von Al-Qaida in dem Maße unschärfer, indem die Grenzen zu anderen jihadistischen Gruppen verschwimmen. Die Organisation von einst zerfällt in eine wachsende Zahl von Filialen und assoziierter Gruppen, die wiederum in einer Welt umspannenden chaotischen, atomisierten und heterogenen jihadistischen Bewegung aufgehen.

Was bleibt, ist die Idee hinter Al-Qaida: ihre jihadistische Ideologie. Diese ist weder an die Zentrale noch an Einzelpersonen gebunden, sondern hat sich längst verselbständigt. Und dieses Gedankengut ist eine mächtige Waffe – so mächtig, dass es in zunehmendem Maße auch junge Männer im Westen zu Anschlägen zu motivieren vermag, die nie eine direkte Verbindung zu Al-Qaida hatten.

Die Enthauptung eines britischen Soldaten in London am 23. Mai und die Bombenanschläge von Boston markieren dabei die bisherigen Höhepunkte dieser Strategie des „individuellen Jihad“. Sie stellt eine Ergänzung des bisherigen Portfolios von Al-Qaida dar. Wegbereiter für diese Entwicklung war die Filiale von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, die mittels ihres englischsprachigen Online-Magazins „Inspire“ bereits seit Sommer 2010 zu Anschlägen jihadistischer Einzeltäter im Westen aufrief. Seit Juni 2011 unterstützt auch die Zentrale in Pakistan diese Strategie. Seither haben die Anschläge zugenommen. Dies ist ein Hinweis auf die anhaltende Bedeutung der Zentrale als ideologische Richtschnur für Jihadisten weltweit.

Die Frage, wie gefährlich Al-Qaida heute ist, lässt sich nur beantworten, wenn wir klären, wen wir Al-Qaida heute zurechnen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Die zunehmende Diffusität des dabei entstehenden Bildes führt zu der Erkenntnis, dass der Begriff „Al-Qaida“ sich abgenutzt haben mag. Vielleicht verstellt die Fixierung auf Al-Qaida den Blick inzwischen mehr als zum Verständnis eines sich stetig wandelnden Phänomens beizutragen.

Dieser Text erschien am 03.07.2013 unter dem Titel „Der persönliche Dschihad“ in der Süddeutschen Zeitung.