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MENA Security Monitor 2015-04-24

Wie ist die Lage in Nahost und Nordafrika? Der MENA Security Monitor bietet jeden Freitag einen Rückblick auf wichtige Ereignisse und Entwicklungen der vergangenen Woche und weist auf besonders lesenswerte Publikationen hin – stets mit dem Fokus auf sicherheitsrelevanten Themen. Weiterlesen

Inspire #9: Jihad im Fernstudium

Für das im Dezember 2013 erschienene Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2013 habe ich die neunte Ausgabe von Inspire rezensiert, des Propaganda-Magazins von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH). Den Text habe ich bereits im Mai 2013 verfasst. Zwischenzeitlich sind zwei weitere Ausgaben erschienen. Die neunte Ausgabe ist jedoch nach wie vor interessant, weil sie eine Zäsur in der Geschichte von Inspire markiert.

Inspire #9

Jihadistische Magazine erscheinen heute in einer Vielzahl von Sprachen und Formaten. Aus der Masse der Publikationen sticht jedoch ein englischsprachiges Online-Magazin hervor: Inspire zielt als erste Jihad-Publikation vorrangig darauf ab, Weiterlesen

Interview: „Inspire“ und das geistige Fußvolk des Jihad

Welchen Einfluss hat „Inspire“, das von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel herausgegebene Online-Magazin, auf Dschihad-Sympathisanten in Deutschland? Im Interview mit Carsten Bergmann sprach ich über den Einfluss des Magazins und die Strategie des „individuellen Jihad“. Erschienen ist sein Text „Propaganda im Hochglanzformat“ bereits am 18. August 2013 im „sonntag“, dem digitalen Magazin der Mediengruppe Madsack. Diese gibt unter anderem die Hannoverschen Allgemeinen Zeitung heraus.

Al-Qaida: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Wie gefährlich ist Al-Qaida? Das Terrornetzwerk sei am Boden, sagen die Einen. Al-Qaida sei stärker als je zuvor, behaupten die Anderen. Beide haben recht. Die Antwort hängt davon ab, wie man Al-Qaida definiert. Doch genau das wird immer schwieriger.

Betrachtet man die Al-Qaida-Zentrale in Pakistan, so trifft die These vom Niedergang durchaus zu. In den vergangenen Jahren hat sie schwere Schläge einstecken müssen: Viele wichtige Führer sind dem Drohnenkrieg der USA zum Opfer gefallen. Im April 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Usama Bin Laden. Aufgrund des hohen Verfolgungsdrucks scheint die Zentrale derzeit keine Anschläge im Ausland mehr verüben zu können.

Ein anderes Bild ergibt sich bei der Betrachtung der Filialen von Al-Qaida. Der Arabische Frühling hat vielerorts staatliche Strukturen zusammenbrechen lassen und den Jihadisten auf diese Weise neue Operationsräume eröffnet.

So scheint sich die Filiale im Irak nach einer Phase der intensiven Bekämpfung durch die irakische und die US-Armee wieder zu erholen. Seit dem Abzug der Amerikaner ist die Zahl der Anschläge wieder deutlich angestiegen.

Im Jemen konnte die dortige Filiale während der Aufstände gegen den vorigen Präsidenten Saleh von 2011 bis 2012 über Monate hinweg mehrere Provinzen kontrollieren. Erst durch eine Armee-Offensive, mit Unterstützung der Amerikaner, konnten die Jihadisten zurück gedrängt werden. Diese flüchteten sich in die unzugänglichen Bergregionen des Landes. Auch im Jemen dürften die Erfolge der Anti-Terror-Kämpfer vorübergehender Natur sein. Die Jihadisten werden sich neu formieren, um dann erneut anzugreifen.

Landgewinne in Nordafrika

Den bis dato größten Landgewinn konnten Jihadisten in Mali verbuchen: Angeführt von Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) nutzten mehrere jihadistische Gruppen die Gelegenheit, sich an eine lokale Tuareg-Rebellion zu hängen, um anschließend ihre säkularen Bündnispartner zu vertreiben. Erst die Intervention der französischen Armee konnte den Vormarsch der Jihadisten stoppen und diese vertreiben, vor allem nach Algerien und Libyen. Doch auch sie sind nicht besiegt, wie der Doppelanschlag auf ein Militärcamp und eine Uranförderanlage Ende Mai im Niger zeigt. Die Jihadisten haben lediglich ihren Aktionsraum verlagert.

Al-Qaidas Verbündete in Somalia, die Milizen von Al-Shabaab, haben in den letzten beiden Jahren schwere Verluste hinnehmen müssen: Truppen der Afrikanischen Union haben die Jihadisten aus ihren Hochburgen zurückdrängen können. Die Milizen haben sich notgedrungen wieder auf Terroranschläge gegen die neuen Machthaber verlegt.

In Syrien firmiert Al-Qaidas Bündnispartner unter dem Namen Jabhat al-Nusra („Front der Unterstützer“). Sie ist die wichtigste Jihadisten-Gruppe im Kampf gegen das Assad-Regime. Täglich verübt sie Anschläge. Ihre Beziehung zu Al-Qaida war lange unklar. Erst Ende Mai nun gab die Gruppe bekannt, dass sie Al-Qaida-Chef Zawahiri, dem Nachfolger Bin Ladins, den Treueid geschworen habe. Ob dieser die Offerte angenommen hat und ob die Gruppe gar Weisungen von der Zentrale empfängt, ist jedoch nicht geklärt.

Neben diesen drei Filialen und zwei engen Verbündeten existieren zahlreiche weitere jihadistische Gruppen, die in mehr oder minder loser Verbindung zu Al-Qaida stehen. Dazu zählen die fundamentalistische Sekte Boko Haram in Nigeria ebenso wie diverse Jihad-Gruppen auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel und in Nordafrika. Ein jihadistischer Korridor erstreckt sich von Jemen über Ostafrika bis hin in den Norden Malis und nach Nigeria.

Ungeachtet aktueller Rückschläge operiert Al-Qaida somit heute überall in der islamischen Welt. Das ist ein beachtlicher Erfolg für eine Organisation, deren Aktivitäten bis zum 11. September 2001 praktisch auf Afghanistan beschränkt waren.

Während also die Al-Qaida-Zentrale aktuell kaum noch eine Rolle spielt, mischen ihre Filialen und Verbündeten die islamische Welt mächtig auf. Bin Ladens strategische Entscheidung, nach dem 11. September die Gründung von Filialen zu genehmigen, hat Al-Qaida gerettet – und transformiert.

Denn die Filialen zeichnen sich nicht mehr durch die straffe Hierarchie, sorgfältig ausgebildete Attentäter und die kohärente Strategie der Al-Qaida-Zentrale aus. Tatsächlich verfolgt jede Gruppe längst ihre eigene Agenda, auch wenn sie nominell noch immer der Zentrale unterstehen. Sie kämpfen heute vorrangig in lokalen Konflikten, da hier am ehesten Siege zu erringen sind, kooperieren aber länderübergreifend. Der Kampf gegen den „nahen Feind“, die verhassten arabischen Regime, hat den Kampf gegen den Westen, den „fernen Feind“, in den Hintergrund treten lassen. Al-Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri mischt sich nicht ins Tagesgeschäft der Filialen ein. Er begnügt sich damit, aus seinem Versteck heraus hin und wieder Audio- oder Videobotschaften mit strategische Direktiven zu veröffentlichen.

Vom Netzwerk zur Ideologie

Somit wird das Bild von Al-Qaida in dem Maße unschärfer, indem die Grenzen zu anderen jihadistischen Gruppen verschwimmen. Die Organisation von einst zerfällt in eine wachsende Zahl von Filialen und assoziierter Gruppen, die wiederum in einer Welt umspannenden chaotischen, atomisierten und heterogenen jihadistischen Bewegung aufgehen.

Was bleibt, ist die Idee hinter Al-Qaida: ihre jihadistische Ideologie. Diese ist weder an die Zentrale noch an Einzelpersonen gebunden, sondern hat sich längst verselbständigt. Und dieses Gedankengut ist eine mächtige Waffe – so mächtig, dass es in zunehmendem Maße auch junge Männer im Westen zu Anschlägen zu motivieren vermag, die nie eine direkte Verbindung zu Al-Qaida hatten.

Die Enthauptung eines britischen Soldaten in London am 23. Mai und die Bombenanschläge von Boston markieren dabei die bisherigen Höhepunkte dieser Strategie des „individuellen Jihad“. Sie stellt eine Ergänzung des bisherigen Portfolios von Al-Qaida dar. Wegbereiter für diese Entwicklung war die Filiale von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, die mittels ihres englischsprachigen Online-Magazins „Inspire“ bereits seit Sommer 2010 zu Anschlägen jihadistischer Einzeltäter im Westen aufrief. Seit Juni 2011 unterstützt auch die Zentrale in Pakistan diese Strategie. Seither haben die Anschläge zugenommen. Dies ist ein Hinweis auf die anhaltende Bedeutung der Zentrale als ideologische Richtschnur für Jihadisten weltweit.

Die Frage, wie gefährlich Al-Qaida heute ist, lässt sich nur beantworten, wenn wir klären, wen wir Al-Qaida heute zurechnen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Die zunehmende Diffusität des dabei entstehenden Bildes führt zu der Erkenntnis, dass der Begriff „Al-Qaida“ sich abgenutzt haben mag. Vielleicht verstellt die Fixierung auf Al-Qaida den Blick inzwischen mehr als zum Verständnis eines sich stetig wandelnden Phänomens beizutragen.

Dieser Text erschien am 03.07.2013 unter dem Titel „Der persönliche Dschihad“ in der Süddeutschen Zeitung.