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Strategie und Taktiken von Jihadisten: aktuelle Entwicklungen

Aktuelle Entwicklungen von Strategie und Taktiken von Jihadisten sind das Thema eines Artikels von mir, der Anfang April in der aktuellen Ausgabe der Sicherheitszeitschrift Protector&WIK (4/2016) erschienen ist. Hier einige Auszüge:

Paris war der endgültige Beweis, dass der Islamische Staat (IS) nun auch Europa ins Visier genommen hat. Die Anschläge waren von Sicherheitsbehörden und Beobachtern seit Monaten erwartet worden. Denn die Terror-Strategie der Jihadisten ist kein Geheimnis. Formuliert wurde diese Strategie bereits 2005 von einem der wichtigsten jihadistischen Vordenker überhaupt: Abu Musab Al-Suri.

Seine Gedanken zur Strategie des Jihadismus hat Al-Suri in seinem 2005 erschienenen Werk „Aufruf zum globalen islamischen Widerstand“ dargelegt. In seinem Buch propagiert Al-Suri zweierlei: Erstens eine Strategie des dezentralen oder führerlosen Jihad. Schließlich enthält die Schrift konkrete Anweisungen für die Durchführung von Terroranschlägen. Dabei spricht sich Al-Suri in aller Deutlichkeit für Massenmorde aus: Anschläge sollten möglichst viele Menschen töten; das vorrangige Ziel seien daher jene Orte, an denen sich möglichst viele Menschen versammelten: Sportveranstaltungen, Konzerthallen, Restaurants, Märkte, Hochhäuser, grundsätzlich jedes öffentliche Gebäude.

Mit seinem Vorgehen folgt der IS exakt der Doktrin Al-Suris. Die Anschläge von Paris und Brüssel waren Massenmorde ganz im Sinne des Jihad-Strategen. Den Weisungen Al-Suris entsprechend richteten sich die Anschläge allesamt gegen weiche Ziele, um möglichst hohe Opferzahlen zu garantieren.

Dabei stellen die Anschläge von Paris und Brüssel nicht nur in strategischer Hinsicht einen Meilenstein dar. Sie sind auch in taktischer Hinsicht bemerkenswert – und signalisieren einen neuen Trend im jihadistischen Terrorismus. Neu ist der Einsatz unabhängig operierender Hit-Teams, das Vorgehen gegen mehrere weiche Ziele unterschiedlicher Natur sowie der kombinierte Einsatz von Schusswaffen, Bomben und Sprengstoffgürteln.

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Ganz gewöhnliche Kriminelle? – Was Jihadisten antreibt

Edwin Dyers Leben endete am 31. Mai 2009 abends um halb sieben. Am Ende eines weiteren glühend heißen Tages in der Wüste Nordmalis nahm sein Henker eine Klinge in die Hand und trennte Dyers Kopf ab – vor den Augen dreier weiterer Geiseln. Der Tod beendete Dyers rund drei Monate währende Gefangenschaft als Geisel von »Al-Qaida im Islamischen Maghreb« (AQIM). Dyer musste sterben, weil er Brite war: London hatte sich geweigert, ein Lösegeld für seine Freilassung zu zahlen. Die Mitgefangenen hingegen, Deutsche und Schweizer, kamen frei: Die Regierungen beider Länder, so heißt es, hatten gemeinsam rund acht Millionen Euro Lösegeld gezahlt.

Die Entführer von AQIM hatten im Vorfeld die Freilassung des jordanischen Jihad-Ideologen Abu Qatada gefordert, der zu jener Zeit in Großbritannien im Gefängnis saß. Der Tauschhandel kam nicht zustande. Aber damit hatten die Entführer wohl auch nicht gerechnet. Die Forderung nach Abu Qatadas Freilassung wirkte wie ein dürftig kaschierter Vorwand, um ihre eigentlichen Interessen zu verschleiern: Profit.

Edwin Dyer kam ihnen da gerade recht: Der Brite war Verhandlungsmasse, seine Enthauptung erhöhte den Druck auf die Regierungen der übrigen Geiseln und half, die Summe der Lösegelder in die Höhe zu treiben. Nur als toter Mann hatte Dyer einen Nutzen für die Entführer – dafür gleich einen doppelten. Denn AQIM konnte so zweifach profitieren: sich der Welt gegenüber als aufrechte Jihadisten zu präsentieren – und Kapital aus einer ansonsten wertlosen Geisel zu schlagen.

Jihadisten haben mitnichten nur politische Ziele. Häufig geht es den Terroristen auch ums Geschäft. Der Profit ist oftmals heiliger als der Krieg, den die so genannten »Kämpfer auf dem Weg Gottes« führen. Und so lassen sich die Aktivitäten von Terroristen oftmals besser verstehen, wenn man sie aus einer geschäftlichen Perspektive betrachtet und nicht durch das Studium ihrer Propagandaschriften.

Entführungen sind dabei die aus ihrer Sicht optimale Schnittstelle zwischen Terrorismus und Kriminalität: Profit und Propaganda werden zugleich bedient. Diese spezielle Synthese beider Branchen wird gerne als »Gangster-Jihadismus« bezeichnet.

Für AQIM sind Entführungen bereits seit mehr als einem Jahrzehnt von entscheidender Bedeutung für die eigene Finanzierung. Das erste Kidnapping ereignete sich im Februar und März 2003. Damals entführte der AQIM-Vorläufer »Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf« (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat, GSPC) insgesamt 32 Touristen in der Sahara, die später gegen Lösegeld wieder freigelassen wurden. Eine deutsche Geisel starb während der Gefangenschaft an den Strapazen.

Seither hat allein AQIM mehr als 60 Ausländer entführt und dabei vermutlich rund 90 Millionen US-Dollar an Lösegeldern eingestrichen. Die algerische Regierung behauptete 2011 sogar, europäische Staaten hätten AQIM bis dahin etwa 150 Millionen Euro bezahlt – beinahe doppelt so viel. Seit 2008 jedenfalls sind Entführungen die entscheidende Säule der Finanzierung von AQIM.

Für dieses neue Modell der Terrorfinanzierung hat der Journalist Serge Daniel den Begriff »Entführungsindustrie« geprägt. Die funktioniert wie jede Industrie nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage: So waren nur fünf Prozent der Entführten Amerikaner – die USA (ebenso wie Großbritannien) zahlen keine Lösegelder. Stark vertreten hingegen sind einige kleinere Staaten: die Schweiz, Österreich und Spanien. Verlässlich sind diese Angaben naturgemäß nicht. Regierungen und Unternehmen halten Lösegeldzahlungen nach Möglichkeit geheim, um potentielle Nachahmer nicht zu ermutigen. Insofern ist eine hohe Dunkelziffer anzunehmen.

Ein afrikanisches Phänomen?

Die Verschmelzung von Terrorismus und Kriminalität ist indes kein Privileg von AQIM. Momentan macht vor allem der »Islamische Staat« (IS) im Irak und in Syrien durch mannigfaltige kriminelle Aktivitäten zur Finanzierung des eigenen Terrors von sich reden. Neben dem Verkauf von Antiquitäten, der Erpressung von Schutzgeldern und der Plünderung von Banken sind es auch bei IS die Entführungen, die einen großen Teil zum Einkommen beisteuern. Die Zahl der von den Terroristen entführten Personen liegt aktuell im dreistelligen Bereich.

Trotz dieser zahlreichen kriminellen Maßnahmen zur Finanzierung des Terrors wird der »Islamische Staat« noch immer vor allem als jihadistische Bewegung wahrgenommen. In der Tat spielt die Ideologie bei IS gewiss eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zugleich aber stellen seine kriminellen Aktivitäten die Tätigkeiten anderer Gruppen locker in den Schatten. Manche Beobachter halten daher auch IS für eine überwiegend kriminelle Organisation; doch fällt der Vorwurf seltener als bei afrikanischen Gruppen.

Geschmuggelt werden Drogen, Waffen, Elfenbein und Menschen

Denn gerade auf dem afrikanischen Kontinent gibt es Verbindungen, die sich zwar als Jihad-Organisationen bezeichnen, deren Aktivitäten aber zu einem großen Teil krimineller Natur sind. Dazu gehören vor allem Boko Haram in Westafrika und Al Shabaab in Ostafrika – die beide wiederum den Kontakt zu AQIM pflegen.

Die Nordafrika-Filiale des globalen Terrornetzwerks Al-Qaida ist – zusammen mit ihren Vorgängergruppen – die Keimzelle des Jihadismus in Afrika. AQIM ist neben dem Geschäft mit Entführungen vor allem im Schmuggel aktiv: Waffen, Zigaretten und in wachsendem Maße Kokain. Wie hoch die Gewinne in diesem Bereich tatsächlich sind, ist unklar. Auch hier existieren keine belastbaren Zahlen. Doch nach Schätzungen auf der Basis von Hochrechnungen beschlagnahmter Drogenfunde könnten die Gewinne mehrere Millionen Euro pro Jahr betragen – bis hin zu 100 Millionen Euro.

Al-Shabaab wiederum finanziert sich hauptsächlich über den Schmuggel und die Kontrolle von Handelsrouten in und durch Ostafrika, inklusive der großen Häfen von Mombasa in Kenia und Daressalam in Tansania. Dazu gehört der Schmuggel von Menschen, Drogen, Waffen und Elfenbein. Hinzu kommt die Erpressung von Schutzgeldern.

Bei Boko Haram in Nigeria lässt sich kaum von einer jihadistischen Organisation sprechen. Hier kommt das Geschäft vor politischen Zielen. Die Gruppe finanziert sich über eine Vielzahl von Quellen: Boko Haram dominiert den Drogenhandel in der Region und kontrolliert die meisten Schmuggelrouten in Westafrika. Hinzu kommen Plünderungen von Siedlungen und Dörfern sowie Entführungen.

Warum aber sind Jihad-Gruppen in Afrika so stark in kriminelle Aktivitäten verstrickt? Einige Beobachter halten afrikanische Jihadisten per se für weniger ideologisch als zum Beispiel arabische Kämpfer. Andere weisen auf die wirtschaftlichen Zwänge hin: AQIM, Al-Shabaab und Boko Haram sind weitgehend Selbstversorger – sie profitieren nur marginal von den Spenden reicher Finanziers in den Golfstaaten.

Jihadisten, Kriminelle – oder »Gangster-Jihadisten«?

Sind die Entführer und Mörder von Edwin Dyer nun Jihadisten, die kriminell geworden sind? Oder handelt es sich bei den AQIM-Männern eher um Kriminelle, die sich hin und wieder als Terroristen betätigen? Wohl beides ist wahr und die Übergänge sind fließend. Fakt ist, dass beide Branchen, der Terrorismus und die Kriminalität, eine sich gegenseitig befruchtende Koexistenz führen: »symbiotischen Terrorismus« nennen das Forscher.

In vielen Fällen ist die Jihad-Rhetorik nur die Tünche, die die kriminellen Aktivitäten notdürftig überdecken und dem eigenen Tun einen ehrbaren Anstrich geben soll: »Wer nur Lösegelder fordert, gilt ›nur‹ als Entführer – wer zusätzlich die Freilassung islamistischer Genossen fordert, zusätzlich als Jihadist«, schreibt der Journalist Marc Engelhard treffend in seinem Buch »Heiliger Krieg oder heiliger Profit. Afrika als neues Schlachtfeld des internationalen Terrorismus«.

So wie die Kriminalität den Terror finanziert, so nützt auch der Terrorismus dem Geschäft: Mit einem wohlplatzierten Anschlag setzen Jihadisten ganze Regionen unter Druck, säen Furcht und demonstrieren die Unfähigkeit der betroffenen Staaten, die Sicherheit ihrer Bürger zu garantieren. Der Terror erhält rechtsfreie Räume, wo Regierungen zu schwach sind, um sich durchzusetzen, mit dem Ziel, den eigenen illegalen Aktivitäten ungestört weiter nachgehen zu können. Er dient somit handfesten wirtschaftlichen Interessen.

Von Jihadisten und Pseudo-Jihadisten

Hinzu kommt, dass in der Praxis Ideologen reinen Wassers selten sind; viele Jihadisten treiben höchst weltliche Motive. So ist nicht jeder, der nominell einer solchen Gruppe angehört, zwangsläufig ein Hardcore-Jihadist. In manchen Regionen bleibt jungen Männern manchmal keine andere Möglichkeit, als sich jihadistischen Gruppen anzuschließen, um Geld verdienen und die Familie ernähren zu können. Im Norden Malis beispielsweise sind AQIM und affiliierte Gruppen in vielen Gebieten die einzig verbliebenen Arbeitgeber.

Nichtsdestotrotz scheint die Neigung zum Kriminellen vor allem eine Sache untergeordneter Kommandeure und lokaler Warlords zu sein, die sich den Jihadisten vorrangig aus geschäftlichem Kalkül anschließen. So verlaufen die Trennlinien zwischen Jihadismus und Kriminalität mitunter mitten durch die Gruppen und Netzwerke selbst: Gruppen wie AQIM oder Al-Shabaab verfügen durchaus über einen ideologischen Kern an geschulten und in erster Linie ideologisch motivierten Jihadisten.

Doch zu den Rändern hin fransen diese Gruppen aus: Die Ideologie und die politischen Ziele des Kernpersonals werden verwässert durch die Motive der Sympathisanten und Geschäftspartner im weiteren Umfeld – häufig genug ist die Motivation eine kriminelle. Entführungen beispielsweise werden meist von Subunternehmern durchgeführt, oftmals lokalen, rein kriminellen Banden.

AQIMs interne Bruchlinien

Im Fall von AQIM verlaufen diese Bruchlinien zwischen Profit und Propaganda zwischen den Bataillonen in Nordafrika und denen in der Sahara und der Sahelzone: Der alte Kern der Gruppe, die Führungsriege um Anführer Abdelmalik Droukdal, hat sich im Norden Algeriens, in der Kabylei, verschanzt. Sie ist seit Jahren nur noch eingeschränkt handlungsfähig. Diese Männer sind die ideologische Basis von AQIM.

Die Bataillone in der Sahara und der Sahelzone hingegen werden von Kommandeuren befehligt, die weniger als Ideologen von sich reden gemacht haben denn durch ihre Aktivitäten als gerissene Schmuggler und skrupellose Geschäftemacher. Die beiden bekanntesten sind die Algerier Mokhtar Belkmokhtar und Abdelhamid Abu Zaid.

Es ist Letzterer, der mit seinen Männern für die Entführung und Enthauptung von Edwin Dyer verantwortlich ist. Abu Zaid hat sich wohl auch deswegen AQIM angeschlossen, weil er die Jihadisten schon seit frühen Schmugglertagen kennt und von der Verbindung profitiert. Die Geiselnahmen sind für ihn wie für Belmokhtar ein lohnendes Geschäft.

Anführer Droukdal hat schon seit Längerem keinen Einfluss mehr auf die Bataillone im Süden: Belmokhtar und Abu Zaid tun, was sie wollen. Dabei folgen sie vor allem ihrer kriminellen Neigung. Diese Strategie hat AQIM schnell zu einer der reichsten Terrorgruppen der Welt gemacht. Doch der wirtschaftliche Erfolg hat auch seine Kehrseite: Die kriminellen Aktivitäten schwächen die Glaubwürdigkeit der Organisation. AQIM wird heute mehr als kriminelle Vereinigung denn als jihadistische Gruppe wahrgenommen.

Doch auch wenn in der Realität oftmals der Profit zählt – allein die Propaganda vermag es, den Jihadisten neue Rekruten zu bescheren. Für vermeintlich hehre Ziele wie den Jihad lassen sich leichter Mitstreiter gewinnen als für den Zigarettenschmuggel. Gerade brutale Videos von Enthauptungen wie der von Edwin Dyer sorgen immer wieder für frisches Personal.

 

Dieser Text erschien zuerst in Zenith, Ausgabe 05/2014. Sie können das Jihad-Dossier hier herunterladen. Besser noch: Bestellen Sie die gesamte Print-Ausgabe.

Interviews: ISIS, Propaganda und die Entführungsindustrie der Jihadisten

Die Aktivitäten von ISIS alias Islamischer Staat in Irak und Syrien sorgen weltweit weiterhin für ungebrochene Aufmerksamkeit. Die Entführungsindustrie der Jihadisten sowie das Propagandamagazin „Dabiq“ waren Thema zweier Interviews, die heute erschienen sind:

In Deutschlandradio Wissen sprach ich um 09:30 Uhr mit Till Haase anlässlich der Enthauptung des US-Journalisten James Foley über die Entführungsindustrie die Jihadisten – und darüber, wie unterschiedlich Staaten wie die USA, Frankreich, Deutschland und die Schweiz mit Lösegeldforderungen von Terroristen umgehen. Der Link zum Beitrag „Geiseln: Entführungen als Geschäftsmodell“ findet sich hier.

Auch im Gespräch mit der Freien Presse Hannover geht es um ISIS/IS, in diesem Fall um „Dabiq“, deren Propaganda-Magazin. Das Interview kann hier heruntergeladen werden.

Jihadistische Gruppen in der Sahelzone (II): Al-Murabitun

„Al-Murabitun“ heißt die neueste Jihadisten-Gruppe in Nordafrika. Sie ist das Ergebnis des Zusammenschlusses zweier altbekannter Gruppen: der Katibat al-Mulathimin (Brigade der Verschleierten) des algerischen Jihadisten Mokhtar Belmokhtar (Foto) und der Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en l’Afrique de l’Ouest, MUJAO).

Sicherheitsbehörden in der Region rechnen mit einem großen Terroranschlag der Gruppe gegen westliche Ziele in Tunesien, Marokko, Libyen oder Ägypten. Weiterlesen

Artikel: Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM)

Zu dem kürzlich im Schöningh-Verlag erschienenen Band „Mali: Wegweiser zur Geschichte“ habe ich einen Artikel über Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) beigesteuert.

Das Buch bietet auf 272 Seiten wertvolles Hintergrundwissen zu Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, ohne das die aktuellen Ereignisse in Mali nicht zu verstehen sind. Klare Kaufempfehlung.

Wer ebooks bevorzugt: Das PDF zum Download findet sich hier.

 

Jihadisten in der Sahelzone (I) – die wichtigsten Gruppen im Überblick

Die Militäroffensive Frankreichs in Mali (Operation Serval) hat den Vormarsch militanter Islamisten in der Sahelzone vorerst stoppen können – und diese in alle Himmelsrichtungen versprengt. Doch die Jihadisten sind damit keineswegs besiegt. Im Gegenteil: Sie organisieren sich neu.

Aufgrund der sich sehr rasch verändernden Verhältnisse hier ein erster Überblick über die wichtigsten jihadistischen Gruppen in Nordafrika: Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), die Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en Afrique de l’Ouest, MUJAO) und Ansar al-Din.

Grundsätzlich gibt es mit Ausnahme von AQIM gibt es nach wie vor nur wenig verlässliche Informationen über diese Gruppierungen. AQIM, Ansar al-Din und MUJAO unterscheiden sich hinsichtlich ihrer tribalen und ethnischen Herkunft sowie in ihrer ideologischen Ausrichtung. Dennoch verfolgen alle drei Gruppen gemeinsame Ziele und führen zusammen Operationen durch. Ihre Beziehungen untereinander sind unklar, die Grenzen fließend. Die sich immer wieder ändernden Allianzen und Brüche sind auf Konflikte und Machtkämpfe zwischen den Anführern der Gruppierungen zurückzuführen.

Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM)

Dreh-und Angelpunkt der islamistischen Expansion in Mali ist Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), die nordafrikanische Filiale von Al-Qaida. Sie ist die schlagkräftigste der drei in Mali operierenden Jihad-Gruppen.

AQIM ging im Januar 2007 aus der algerischen Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat, GSPC) hervor; die Umbenennung machte den Anschluss an Al-Qaida offiziell und signalisierte zudem eine Internationalisierung. Gemäß ihren Verlautbarungen ist es AQIMs Ziel, ein „islamisches Emirat“ im Maghreb zu errichten und alle „islamfeindlichen Regierungen“ sowie westliche Einflüsse zu beseitigen.

Die Mitglieder von AQIM sind zum großen Teil Jihad-Veteranen, die bereits seit 2003 in der Sahara operieren. Der hohe Verfolgungsdruck der algerischen Sicherheitsbehörden hatte ihre zuvor auf Algerien konzentrierten Aktivitäten stark eingeschränkt. In der Folge waren die Kämpfer nach Süden ausgewichen und hatten im Norden Malis einen sicheren Hafen für ihre Aktivitäten geschaffen. Hier haben sie seither ein Netzwerk lokaler Allianzen aufbauen können. AQIM und ihr Vorläufer GSPC sind die Keimzelle des Jihadismus in Nordafrika.

AQIM finanziert sich über Drogen- und Waffenschmuggel sowie durch Lösegelder für entführte Ausländer. Ihr Anführer ist der Algerier Abdulmalik Droukdal. AQIM ist stark von Algeriern dominiert, hat aber Mitglieder aus allen Staaten der Sahara und der Sahelzone. Die Gruppierung soll Anfang 2012 in Mali über mehrere hundert Kämpfer in vier Brigaden verfügt haben: Tariq bin Ziad (Abd al-Hamid Abu Zeid), Al-Furqan (Yahya Abu al-Hamam), Al-Ansar (Abd-al-Karim al-Targui) und Al-Mulathamin (Mokhtar Belmokhtar).

Belmokhtar gründete im Oktober 2012 eine eigene Gruppierung namens Al-Muwaqi’un bil-Dima (Die mit Blut Unterzeichnen). Die Kämpfer seines Bataillons nahm er mit. Auslöser für diesen Schritt waren interne Streitigkeiten mit anderen AQIM-Kommandeuren. Diese Gruppe war für den Angriff auf die Gasanlage im algerischen In Amenas im Januar 2013 verantwortlich.

AQIM kooperiert sowohl mit Ansar al-Din als auch mit MUJAO. Die Gruppen verfolgen gemeinsame Ziele und führen zusammen Operationen durch. Sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer nationalen, tribalen und ethnischen Zusammensetzung sowie in ihrer Ideologie. Dennoch sind die Grenzen zwischen den Gruppen fließend.

Nach der Vertreibung aus Mali hat AQIM im Süden Libyens, im Grenzgebiet zu Algerien und Niger, den dringend benötigten Ruheraum gefunden, um sich von dem Debakel zu erholen und die eigene Strategie erneut der aktuellen Situation entsprechend anzupassen.

Ansar al-Din

Anders als AQIM ist Ansar al-Din (frz. Ansar Eddine) eine von malischen Tuareg dominierte Gruppierung; hinzu kommen noch Algerier und Nigerianer. Sie wurde im November 2011 durch Iyag Ag Ghali, einenm einflussreichen Tuareg-Führer gegründet, der bereits in den 1990er Jahren eine wichtige Rolle beim Tuareg-Aufstand spielte. Zahlreichen Quellen zufolge habe Ag Ghali die Gruppe erst dann gegründet, als sein Versuch, sich zum Führer der MNLA und der Ifoghas-Tuareg aufzuschwingen, gescheitert sei. Die Mitglieder von Ansar al-Din rekrutierten sich anfangs vorwiegend aus Tuareg seines Stammes; Anfang 2012 kamen noch 40 AQIM-Kämpfer hinzu. Wie viele Mitglieder Ansar al-Din heute hat, ist ungewiss. Mit dem Vormarsch nach Süden konnte die Gruppierung jedoch eine signifikanten Zuwachs an Kämpfern verzeichnen, so dass sie inzwischen mehr Mitglieder als AQIM haben dürfte.

Das Ziel von Ansar al-Din besteht in der Durchsetzung der Scharia. Die Gruppe sorgte im Juni 2012 durch die Zerstörung von Sufi-Gräbern, die die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt hatte, weltweit für Aufsehen. Bis zur Intervention der Franzosen kontrollierte Ansar al-Din unter anderem die Städte Kidal und Timbuktu. Ansar al-Din scheint weder eine feste politische Agenda zu haben noch nationalstaatliche Interessen zu verfolgen.

Dauer und Natur der Beziehung von Ansar al-Din zu AQIM sind unklar. Einiges spricht dafür, dass beide Gruppen bereits seit der Gründung von Ansar al-Din kooperieren – und sich auf eine Arbeitsteilung geeinigt haben: AQIM übernimmt das jihadistische Kerngeschäft, Ansar al-Din als malische Gruppierung stellt die offizielle Kontrolle und Verwaltung der eroberten Gebiete durch Einheimische sicher. Ansar al-Din fungiert auch als Puffer zwischen den Jihadisten von AQIM und den Tuareg der MNLA.

Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (MUJAO)

Die Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en Afrique de l’Ouest, MUJAO) trat erstmals im Dezember 2011 mit der Entführung von drei französischen Entwicklungshelfern im algerischen Tindouf in Erscheinung. Der Zeitpunkt und die Umstände der Entstehung der Gruppe sind jedoch umstritten. MUJAO beschreibt sich selber als Abspaltung von AQIM. Der Hintergrund für den Bruch sollen Streits innerhalb von AQIM um die Verteilung von Lösegeldern gewesen sein. Anderen Quellen zufolge seien mangelnde Aufstiegschancen für Nicht-Algerier innerhalb AQIMs der Grund gewesen. Die Mitglieder sind überwiegend Araber aus Mali, kommen aber auch aus Tunesien, Saudi-Arabien und Ägypten.[3] Auch Mitglieder der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram sollen bei MUJAO kämpfen. Anführer der Gruppe während der Rebellion Mali war der Mauretanier Hamada Ould Mohamed Kheirou. Seither hat die Gruppe mehrere Umorganisationen hinter sich, so dass aktuell unklar ist, wer MUJAO führt.

Das Ziel von MUJAO besteht nach eigener Aussage darin, den Jihad in Westafrika zu verbreiten. Dabei versucht sich die Terror-Gruppe in die Tradition antikolonialistischer Kämpfer Westafrikas wie Hajj Umar Tall oder Amadou Cheikou zu stellen. MUJAO kontrollierte von Juni 2012 bis zur französischen Militäroffensive die Stadt Gao, zusammen mit Belmokhtars AQIM-Bataillon Al-Mulathamin („die Verschleierten“).

Mokhtar Belmokhtar und Al-Murabitun

Die mauretanische Nachrichtenagentur ANI berichtete am 20. August 2013, dass MUJAO und Mokhtar Belmokhtars Gruppe Al-Mulathimin sich zu einer neuen Gruppe namens „Al-Murabitun“ zusammengeschlossen hätten. Der Name spielt auf die islamische Herrscherdynastie der Almoraviden an, deren Reich sich im 11. Jahrhundert über das Gebiet des heutigen Mauretaniens, der Westsahara, Marokkos, Algeriens und Andalusiens erstreckte. ANI zufolge werde Al-Murabitun werde von einem neuen Anführer geleitet. Dessen Identität ist noch nicht bekannt.

Über die Hintergründe des Zusammenschlusses sowie über Belmokhtar und Al-Murabitun schreibe ich in einem der kommenden Blogposts.

Foto: CSIS PONI.

Al-Qaida: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Wie gefährlich ist Al-Qaida? Das Terrornetzwerk sei am Boden, sagen die Einen. Al-Qaida sei stärker als je zuvor, behaupten die Anderen. Beide haben recht. Die Antwort hängt davon ab, wie man Al-Qaida definiert. Doch genau das wird immer schwieriger.

Betrachtet man die Al-Qaida-Zentrale in Pakistan, so trifft die These vom Niedergang durchaus zu. In den vergangenen Jahren hat sie schwere Schläge einstecken müssen: Viele wichtige Führer sind dem Drohnenkrieg der USA zum Opfer gefallen. Im April 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Usama Bin Laden. Aufgrund des hohen Verfolgungsdrucks scheint die Zentrale derzeit keine Anschläge im Ausland mehr verüben zu können.

Ein anderes Bild ergibt sich bei der Betrachtung der Filialen von Al-Qaida. Der Arabische Frühling hat vielerorts staatliche Strukturen zusammenbrechen lassen und den Jihadisten auf diese Weise neue Operationsräume eröffnet.

So scheint sich die Filiale im Irak nach einer Phase der intensiven Bekämpfung durch die irakische und die US-Armee wieder zu erholen. Seit dem Abzug der Amerikaner ist die Zahl der Anschläge wieder deutlich angestiegen.

Im Jemen konnte die dortige Filiale während der Aufstände gegen den vorigen Präsidenten Saleh von 2011 bis 2012 über Monate hinweg mehrere Provinzen kontrollieren. Erst durch eine Armee-Offensive, mit Unterstützung der Amerikaner, konnten die Jihadisten zurück gedrängt werden. Diese flüchteten sich in die unzugänglichen Bergregionen des Landes. Auch im Jemen dürften die Erfolge der Anti-Terror-Kämpfer vorübergehender Natur sein. Die Jihadisten werden sich neu formieren, um dann erneut anzugreifen.

Landgewinne in Nordafrika

Den bis dato größten Landgewinn konnten Jihadisten in Mali verbuchen: Angeführt von Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) nutzten mehrere jihadistische Gruppen die Gelegenheit, sich an eine lokale Tuareg-Rebellion zu hängen, um anschließend ihre säkularen Bündnispartner zu vertreiben. Erst die Intervention der französischen Armee konnte den Vormarsch der Jihadisten stoppen und diese vertreiben, vor allem nach Algerien und Libyen. Doch auch sie sind nicht besiegt, wie der Doppelanschlag auf ein Militärcamp und eine Uranförderanlage Ende Mai im Niger zeigt. Die Jihadisten haben lediglich ihren Aktionsraum verlagert.

Al-Qaidas Verbündete in Somalia, die Milizen von Al-Shabaab, haben in den letzten beiden Jahren schwere Verluste hinnehmen müssen: Truppen der Afrikanischen Union haben die Jihadisten aus ihren Hochburgen zurückdrängen können. Die Milizen haben sich notgedrungen wieder auf Terroranschläge gegen die neuen Machthaber verlegt.

In Syrien firmiert Al-Qaidas Bündnispartner unter dem Namen Jabhat al-Nusra („Front der Unterstützer“). Sie ist die wichtigste Jihadisten-Gruppe im Kampf gegen das Assad-Regime. Täglich verübt sie Anschläge. Ihre Beziehung zu Al-Qaida war lange unklar. Erst Ende Mai nun gab die Gruppe bekannt, dass sie Al-Qaida-Chef Zawahiri, dem Nachfolger Bin Ladins, den Treueid geschworen habe. Ob dieser die Offerte angenommen hat und ob die Gruppe gar Weisungen von der Zentrale empfängt, ist jedoch nicht geklärt.

Neben diesen drei Filialen und zwei engen Verbündeten existieren zahlreiche weitere jihadistische Gruppen, die in mehr oder minder loser Verbindung zu Al-Qaida stehen. Dazu zählen die fundamentalistische Sekte Boko Haram in Nigeria ebenso wie diverse Jihad-Gruppen auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel und in Nordafrika. Ein jihadistischer Korridor erstreckt sich von Jemen über Ostafrika bis hin in den Norden Malis und nach Nigeria.

Ungeachtet aktueller Rückschläge operiert Al-Qaida somit heute überall in der islamischen Welt. Das ist ein beachtlicher Erfolg für eine Organisation, deren Aktivitäten bis zum 11. September 2001 praktisch auf Afghanistan beschränkt waren.

Während also die Al-Qaida-Zentrale aktuell kaum noch eine Rolle spielt, mischen ihre Filialen und Verbündeten die islamische Welt mächtig auf. Bin Ladens strategische Entscheidung, nach dem 11. September die Gründung von Filialen zu genehmigen, hat Al-Qaida gerettet – und transformiert.

Denn die Filialen zeichnen sich nicht mehr durch die straffe Hierarchie, sorgfältig ausgebildete Attentäter und die kohärente Strategie der Al-Qaida-Zentrale aus. Tatsächlich verfolgt jede Gruppe längst ihre eigene Agenda, auch wenn sie nominell noch immer der Zentrale unterstehen. Sie kämpfen heute vorrangig in lokalen Konflikten, da hier am ehesten Siege zu erringen sind, kooperieren aber länderübergreifend. Der Kampf gegen den „nahen Feind“, die verhassten arabischen Regime, hat den Kampf gegen den Westen, den „fernen Feind“, in den Hintergrund treten lassen. Al-Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri mischt sich nicht ins Tagesgeschäft der Filialen ein. Er begnügt sich damit, aus seinem Versteck heraus hin und wieder Audio- oder Videobotschaften mit strategische Direktiven zu veröffentlichen.

Vom Netzwerk zur Ideologie

Somit wird das Bild von Al-Qaida in dem Maße unschärfer, indem die Grenzen zu anderen jihadistischen Gruppen verschwimmen. Die Organisation von einst zerfällt in eine wachsende Zahl von Filialen und assoziierter Gruppen, die wiederum in einer Welt umspannenden chaotischen, atomisierten und heterogenen jihadistischen Bewegung aufgehen.

Was bleibt, ist die Idee hinter Al-Qaida: ihre jihadistische Ideologie. Diese ist weder an die Zentrale noch an Einzelpersonen gebunden, sondern hat sich längst verselbständigt. Und dieses Gedankengut ist eine mächtige Waffe – so mächtig, dass es in zunehmendem Maße auch junge Männer im Westen zu Anschlägen zu motivieren vermag, die nie eine direkte Verbindung zu Al-Qaida hatten.

Die Enthauptung eines britischen Soldaten in London am 23. Mai und die Bombenanschläge von Boston markieren dabei die bisherigen Höhepunkte dieser Strategie des „individuellen Jihad“. Sie stellt eine Ergänzung des bisherigen Portfolios von Al-Qaida dar. Wegbereiter für diese Entwicklung war die Filiale von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, die mittels ihres englischsprachigen Online-Magazins „Inspire“ bereits seit Sommer 2010 zu Anschlägen jihadistischer Einzeltäter im Westen aufrief. Seit Juni 2011 unterstützt auch die Zentrale in Pakistan diese Strategie. Seither haben die Anschläge zugenommen. Dies ist ein Hinweis auf die anhaltende Bedeutung der Zentrale als ideologische Richtschnur für Jihadisten weltweit.

Die Frage, wie gefährlich Al-Qaida heute ist, lässt sich nur beantworten, wenn wir klären, wen wir Al-Qaida heute zurechnen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Die zunehmende Diffusität des dabei entstehenden Bildes führt zu der Erkenntnis, dass der Begriff „Al-Qaida“ sich abgenutzt haben mag. Vielleicht verstellt die Fixierung auf Al-Qaida den Blick inzwischen mehr als zum Verständnis eines sich stetig wandelnden Phänomens beizutragen.

Dieser Text erschien am 03.07.2013 unter dem Titel „Der persönliche Dschihad“ in der Süddeutschen Zeitung.