Beiträge

In Teil 4 der Serie „Verhalten bei Terroranschlägen“ geht es um das richtige Verhalten bei Entführungen und Geiselnahmen.

Weitere Verhaltenstipps finden Sie in den anderen Teilen der Serie: Teil 1 (Sprengstoffanschlag), Teil 2 (Active Shooter), Teil 3 (Brandanschlag).

Entführungen und Geiselnahmen durch Terroristen sind keine Terroranschläge im herkömmlichen Sinn. Dennoch gehören sie zum Repertoire von Terroristen in aller Welt. Als taktisches Mittel können Geiselnahmen Teil komplexer Terroranschläge sein. Denn sie helfen Terroristen, eine hohe mediale Aufmerksamkeit für ihr jeweiliges politisches Anliegen zu sichern.

Beispiele für Geiselnahmen als Teil von Terroranschlägen sind die Anschläge auf das Bataclan in Paris im November 2015 oder auf die Holey Bakery in Dhaka, Bangladesch, im Juli 2016.

Grundsätzlich gilt: Entführung ist nicht gleich Entführung. Es existieren zahl­reiche Varianten, da die Motive der Täter jedes Mal andere sind. So ist beispielsweise die Grenze zwischen Krimina­lität und Terrorismus in vielen Fällen fließend.

Dennoch gibt es einige Verhaltensregeln, deren Einhaltung die Wahrscheinlichkeit des Überlebens im Entführungsfall erhöht.

 

Risiko einer Entführung minimieren

Vorweg: Vermeiden Sie unnötige Risiken und wählen Sie Ihre Reiseziele bewusst.

Reisen Sie nicht in Regionen mit einem hohen Entführungsrisiko, wenn Sie nicht unbedingt müssen. Wenn Sie dennoch in solche Gebiete fahren, dann informieren Sie sich vorab genau über Ihr Reiseziel und planen Sie Ihren Reiseweg entsprechend, um das Ri­siko einer Entführung zu minimieren.

Sollten Sie dennoch Opfer einer Entführung werden, hal­ten Sie sich vor Augen, dass die Kidnapper ein Interesse daran haben, Sie – zumindest für eine Weile – am Leben zu erhalten. Ihre einzige Aufgabe besteht im Überleben.

In den meisten Fällen ist Flucht keine Option. Tatsächlich versuchen nur wenige Entführte zu fliehen, weil ihnen bewusst ist, dass sie ein Fluchtversuch das Leben kosten kann.

Das geringste Risiko liegt darin, sich passiv und ko­operativ zu verhalten und nicht aufzufallen. Widersetzen Sie sich nicht Ihren Entführern und provozieren Sie keine Gewalt.

Versuchen die Entführer, mit Ihnen zu kommunizieren, vermeiden Sie direkten Augenkontakt. Antworten Sie ehr­lich auf Fragen, denn in einer Stresssituation werden Sie nicht mehr alle vermeintlich trainierten Antworten re­konstruieren können und sich stattdessen in Widersprü­che verstricken. Das kann die Aggressivität der Entführer erhöhen und Ihre Überlebenschancen mindern.

Von Anfang geht es darum, den Schock des Kontrollver­lustes durch die Entführung zu mildern und den eigenen Handlungsspielraum nach und nach auszudehnen. Ihre Reaktion auf das Geschehen wird zunächst aus Furcht, Schock und einem Gefühl der Desorientierung bestehen. Mentale Übungen, ruhiges Atmen und Meditation kön­nen hier helfen. Über die Zeit wird sich die Situation sta­bilisieren.

 

Verhaltensregeln für den Fall einer Entführung

Folgende Verhaltensregeln erhöhen die Wahrscheinlich­keit Ihres Überlebens:

1 / Gewinnen Sie so viel Kontrolle wie möglich zurück. Dies umfasst Ihren Geist ebenso wie Ihren Körper. Koope­rieren Sie und befolgen Sie die Anweisungen der Entfüh­rer, aber ziehen Sie innerlich klare Grenzen in Bezug auf Ihre persönlichen Werte und Einstellungen, sodass Ihre eigene Integrität gewahrt bleibt. Machen Sie sich klar, dass nicht Sie persönlich gemeint sind, sondern dass Sie als Mittel für einen bestimmten Zweck dienen.

2 / Beschäftigen Sie Ihr Gehirn, um Panik zu vermeiden. Bestimmen Sie, was Sie denken, indem Sie sich selbst im­mer wieder neue Aufgaben stellen: Prägen Sie sich bereits zu Beginn der Entführung die Fahrtroute ein, schätzen Sie Zeitdauer und Zeitintervalle, versuchen Sie, Geräusche wahrzunehmen und einzuordnen: Befinden Sie sich in einer Stadt oder fahren Sie hinaus aufs Land? Dies hilft nicht allein, Ihre Panik zu kontrollieren, sondern kann den Sicherheitsbehörden später auch bei der Auf­klärung helfen.

Dasselbe gilt bei der Ankunft am Ort Ihrer Gefangenschaft: Vermögen Sie festzustellen, wo genau Sie sind? Hat man Sie im Keller eingesperrt oder sind Sie auf einem Dach­boden? Wie viele Türen und Fenster gibt es? Welche Geräusche hören Sie? Wenn man Sie in ein fensterloses Verlies gesperrt hat, können Sie Wege finden, das Verstrei­chen der Zeit auch ohne Uhr und ohne Tageslicht zu messen: Wie viele Mahlzeiten gibt es? Wann wechselt die Temperatur?

Es geht um Orientierung.

 

Optimismus hilft beim Überleben

Für Ihr Überleben ist es von entscheidender Bedeutung, dass Sie optimistisch bleiben. Lassen Sie sich nicht hän­gen, machen Sie sich immer wieder bewusst, dass dort draußen andere Menschen an Ihrer Befreiung arbeiten. Ihre Entführer wollen in der Regel ebenfalls, dass Sie am Leben bleiben, denn tot nützen Sie ihnen nichts mehr. Sie sind ein Tauschgegenstand, ein Mittel zum Zweck.

Aus­nahmen hiervon sind Entführungen, bei denen Geiseln durch eine medienwirksame Inszenierung ihres Todes für die terroristische Propaganda instrumentalisiert werden. Der Islamische Staat (IS) machte 2014 und 2015 vor allem durch seine überaus brutalen Videos von Enthauptungen meh­rerer Geiseln von sich reden. Ein Pilot der jordanischen Luftwaffe wurde bei lebendigem Leibe verbrannt.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für Ihr Überleben im Entführungsfall ist Selbstrespekt. Zeigen Sie gegen­ über Ihren Entführern nach Möglichkeit weder Traurigkeit noch Schwäche, auch wenn es gerade zu Beginn einer solchen Gefangenschaft hart ist, sich an den Kontrollver­lust und die ungewohnten Umstände zu gewöhnen. Dies wird mit der Zeit einfacher.

 

Fitness und Hygiene erhöhen Ihre Resilienz

3 / Trainieren Sie Ihren Körper. Tägliche Übungen verbes­sern Ihren körperlichen Zustand. Zudem helfen sie gegen die allgegenwärtige Langeweile der Gefangenschaft und wirken sich positiv auf Ihren mentalen Zustand aus. Damit Sie in Form bleiben, müssen Sie regelmäßig essen. Lehnen Sie das Essen nicht ab, das Ihnen die Entführer geben. Sie brauchen Energie, um zu überleben. Eine even­tuelle Angst, die Entführer hätten das Essen vergiftet, ist unbegründet. Es gäbe für sie leichtere Möglichkeiten, Sie zu töten.

4 / Achten Sie auf Ihre persönliche Hygiene. Entwickeln Sie Routinen, um den eigenen Körper zu reinigen, soweit die Umstände dies erlauben. Eine über längere Zeit un­terlassene Körperhygiene kann in extremen Klimaverhält­nissen wie Wüsten oder Urwäldern fatale Folgen haben. Zudem ist Körperpflege Ausdruck Ihres Selbstrespekts und dient der Abgrenzung: Sie wollen nicht aussehen wie Ihre Geiselnehmer. Als Mann schneiden Sie wenn möglich Ihre Haare und rasieren sich. Tragen Sie, sofern es Ihnen er­laubt ist, weiterhin Ihre eigene Kleidung als Ausdruck Ihrer eigenen Persönlichkeit.

5 / Bauen Sie eine persönliche Beziehung zu Ihren Entführern auf – in Maßen. Ihr Ziel sollte eine kontrollierte Kooperation sein. Bewahren Sie zu Anfang Distanz und gewinnen Sie zunächst einen Eindruck von Ihren Geisel­nehmern. Versuchen Sie, die unterschiedlichen Persönlich­keiten und Charaktere einzuschätzen: Wer ist Anführer, wer Mitläufer? Wer freundlich, wer ein Sadist? Sobald Sie diesbezüglich etwas Klarheit haben, etablieren Sie vor­sichtig und gezielt den Kontakt zu ausgewählten Geisel­nehmern.

Gelingt Ihnen das, können Sie eventuell Ihren Handlungsspielraum erhöhen, erhalten mehr Essen, dür­fen häufiger auf die Toilette oder können Ihren persön­lichen Komfort auf andere Weise steigern. Außerdem fällt es (psychisch gesunden) Menschen deutlich schwerer, diejenigen zu töten, zu denen sie eine persönliche Bezie­hung aufgebaut haben.

 

Entführer und Entführte: gefährliche Nähe

Bei alledem ist dennoch höchste Vorsicht geboten: Geisel und Geiselnehmer werden durch die extreme Situation und die damit verbundenen emotionalen Belastungen ungewollt zusammengeschweißt. Die Grenzen zwischen beiden Parteien können gerade bei länger andauernden Entführungssituationen verschwimmen. So kann es pas­sieren, dass Geiseln ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen und Sympathie und Verständ­nis für deren Sache entwickeln.

Dieses als »Stockholm­ Syndrom« bekannte psychologische Phänomen kann dazu führen, dass die Geiseln mit ihren Geiselnehmern koope­rieren oder diese gar gegenüber Polizei und Sicherheits­kräften zu schützen versuchen.

Im Anschluss an eine überstandene Entführung empfiehlt sich in jedem Fall eine psychologische Behandlung, um die extreme Situation bestmöglich zu verarbeiten und Folge­wirkungen möglichst zu mildern.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Terrorismus – wie wir uns schützen können“ (Murmann, 2016.)

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerkenMerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

Reisen, Vorträge, Interviews – die vergangenen Monate waren äußerst intensiv. Die kontinuierliche Verschlechterung der Sicherheitslage in vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas führt zu einer steigenden Nachfrage an Sicherheitsdienstleistungen. Viele Unternehmen realisieren, dass bei Aktivitäten in der Region heute höhere Anforderungen an die Sicherheitsvorkehrungen zu stellen sind als noch vor zwei Jahren. Insbesondere der Aufklärung der Verhältnisse vor Ort und einem fortlaufenden Monitoring der Sicherheitslage kommen dabei entscheidende Bedeutung zu. Im Gespräch mit Handelsblatt Online äußere ich mich zur aktuellen Situation in Nahost und Nordafrika sowie zu sinnvollen Sicherheitsmaßnahmen für Unternehmen: Wenn die Gefahr im Dienstwagen mitfährt.

Entführt zu werden ist eines der potentiellen Risiken für Mitarbeiter von Unternehmen, die in Krisenregionen unterwegs sind. Über die dahinter stehende Entführungsindustrie und die Frage, was ein Menschenleben wert ist, spreche ich im Interview mit dem SWR 2: Das Geschäft mit Entführungen. Es handelt sich dabei um die Langversion eines bereits im Deutschlandradio gesendeten Beitrags. Ein Kurzfassung des Beitrags ist weiterhin in der Schweizer Wochenzeitung erschienen.

Spätestens seit dem Vormarsch des »Islamischen Staats« (IS) und der anschließenden Ausrufung eines Kalifats im Juni 2014 haben Bücher zum Thema Jihadismus Hochkonjunktur. Für die Zenith habe ich zwei wichtige Bücher zum Thema rezensiert: zum Einen „Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden“ von Benahm Said und zum Anderen „Al-Qaidas deutsche Kämpfer. Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus“ von Guido Steinberg. Die Rezension findet sich hier.

„Ein Frühling in Jerusalem“ von Wolfgang Büscher

„Ein Frühling in Jerusalem“ von Wolfgang Büscher

Ab und an tut es gut, den Nahen Osten nicht nur aus der Sicherheitsperspektive zu betrachten. So habe ich mich zur Abwechslung mal an der Rezension eines Reisebuchs versucht: „Ein Frühling in Jerusalem“ von Wolfgang Büscher. Leseempfehlung!

Der Terror der Jihadisten, allen voran des Islamische Staates (IS) alias ISIS, versetzen weiterhin die Welt in Aufruhr. Die zahlreichen Enthauptungen von Geiseln durch den IS haben das Thema nun endgültig in den Brennpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Im Rahmen der Sendung „Lukrative Propagandaschlacht“ im Deutschlandfunk sprach ich am 16.02.2015 mit Bettina Rühl über die Hintergründe und Zusammenhänge von „Entführungsindustrie“ und Sicherheitsbranche sowie die Verbindung von Terrorismus und Kriminalität in Nordafrika: Weiterlesen

Edwin Dyers Leben endete am 31. Mai 2009 abends um halb sieben. Am Ende eines weiteren glühend heißen Tages in der Wüste Nordmalis nahm sein Henker eine Klinge in die Hand und trennte Dyers Kopf ab – vor den Augen dreier weiterer Geiseln. Der Tod beendete Dyers rund drei Monate währende Gefangenschaft als Geisel von »Al-Qaida im Islamischen Maghreb« (AQIM). Dyer musste sterben, weil er Brite war: London hatte sich geweigert, ein Lösegeld für seine Freilassung zu zahlen. Die Mitgefangenen hingegen, Deutsche und Schweizer, kamen frei: Die Regierungen beider Länder, so heißt es, hatten gemeinsam rund acht Millionen Euro Lösegeld gezahlt.

Die Entführer von AQIM hatten im Vorfeld die Freilassung des jordanischen Jihad-Ideologen Abu Qatada gefordert, der zu jener Zeit in Großbritannien im Gefängnis saß. Der Tauschhandel kam nicht zustande. Aber damit hatten die Entführer wohl auch nicht gerechnet. Die Forderung nach Abu Qatadas Freilassung wirkte wie ein dürftig kaschierter Vorwand, um ihre eigentlichen Interessen zu verschleiern: Profit.

Edwin Dyer kam ihnen da gerade recht: Der Brite war Verhandlungsmasse, seine Enthauptung erhöhte den Druck auf die Regierungen der übrigen Geiseln und half, die Summe der Lösegelder in die Höhe zu treiben. Nur als toter Mann hatte Dyer einen Nutzen für die Entführer – dafür gleich einen doppelten. Denn AQIM konnte so zweifach profitieren: sich der Welt gegenüber als aufrechte Jihadisten zu präsentieren – und Kapital aus einer ansonsten wertlosen Geisel zu schlagen.

Jihadisten haben mitnichten nur politische Ziele. Häufig geht es den Terroristen auch ums Geschäft. Der Profit ist oftmals heiliger als der Krieg, den die so genannten »Kämpfer auf dem Weg Gottes« führen. Und so lassen sich die Aktivitäten von Terroristen oftmals besser verstehen, wenn man sie aus einer geschäftlichen Perspektive betrachtet und nicht durch das Studium ihrer Propagandaschriften.

Entführungen sind dabei die aus ihrer Sicht optimale Schnittstelle zwischen Terrorismus und Kriminalität: Profit und Propaganda werden zugleich bedient. Diese spezielle Synthese beider Branchen wird gerne als »Gangster-Jihadismus« bezeichnet.

Für AQIM sind Entführungen bereits seit mehr als einem Jahrzehnt von entscheidender Bedeutung für die eigene Finanzierung. Das erste Kidnapping ereignete sich im Februar und März 2003. Damals entführte der AQIM-Vorläufer »Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf« (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat, GSPC) insgesamt 32 Touristen in der Sahara, die später gegen Lösegeld wieder freigelassen wurden. Eine deutsche Geisel starb während der Gefangenschaft an den Strapazen.

Seither hat allein AQIM mehr als 60 Ausländer entführt und dabei vermutlich rund 90 Millionen US-Dollar an Lösegeldern eingestrichen. Die algerische Regierung behauptete 2011 sogar, europäische Staaten hätten AQIM bis dahin etwa 150 Millionen Euro bezahlt – beinahe doppelt so viel. Seit 2008 jedenfalls sind Entführungen die entscheidende Säule der Finanzierung von AQIM.

Für dieses neue Modell der Terrorfinanzierung hat der Journalist Serge Daniel den Begriff »Entführungsindustrie« geprägt. Die funktioniert wie jede Industrie nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage: So waren nur fünf Prozent der Entführten Amerikaner – die USA (ebenso wie Großbritannien) zahlen keine Lösegelder. Stark vertreten hingegen sind einige kleinere Staaten: die Schweiz, Österreich und Spanien. Verlässlich sind diese Angaben naturgemäß nicht. Regierungen und Unternehmen halten Lösegeldzahlungen nach Möglichkeit geheim, um potentielle Nachahmer nicht zu ermutigen. Insofern ist eine hohe Dunkelziffer anzunehmen.

Ein afrikanisches Phänomen?

Die Verschmelzung von Terrorismus und Kriminalität ist indes kein Privileg von AQIM. Momentan macht vor allem der »Islamische Staat« (IS) im Irak und in Syrien durch mannigfaltige kriminelle Aktivitäten zur Finanzierung des eigenen Terrors von sich reden. Neben dem Verkauf von Antiquitäten, der Erpressung von Schutzgeldern und der Plünderung von Banken sind es auch bei IS die Entführungen, die einen großen Teil zum Einkommen beisteuern. Die Zahl der von den Terroristen entführten Personen liegt aktuell im dreistelligen Bereich.

Trotz dieser zahlreichen kriminellen Maßnahmen zur Finanzierung des Terrors wird der »Islamische Staat« noch immer vor allem als jihadistische Bewegung wahrgenommen. In der Tat spielt die Ideologie bei IS gewiss eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zugleich aber stellen seine kriminellen Aktivitäten die Tätigkeiten anderer Gruppen locker in den Schatten. Manche Beobachter halten daher auch IS für eine überwiegend kriminelle Organisation; doch fällt der Vorwurf seltener als bei afrikanischen Gruppen.

Geschmuggelt werden Drogen, Waffen, Elfenbein und Menschen

Denn gerade auf dem afrikanischen Kontinent gibt es Verbindungen, die sich zwar als Jihad-Organisationen bezeichnen, deren Aktivitäten aber zu einem großen Teil krimineller Natur sind. Dazu gehören vor allem Boko Haram in Westafrika und Al Shabaab in Ostafrika – die beide wiederum den Kontakt zu AQIM pflegen.

Die Nordafrika-Filiale des globalen Terrornetzwerks Al-Qaida ist – zusammen mit ihren Vorgängergruppen – die Keimzelle des Jihadismus in Afrika. AQIM ist neben dem Geschäft mit Entführungen vor allem im Schmuggel aktiv: Waffen, Zigaretten und in wachsendem Maße Kokain. Wie hoch die Gewinne in diesem Bereich tatsächlich sind, ist unklar. Auch hier existieren keine belastbaren Zahlen. Doch nach Schätzungen auf der Basis von Hochrechnungen beschlagnahmter Drogenfunde könnten die Gewinne mehrere Millionen Euro pro Jahr betragen – bis hin zu 100 Millionen Euro.

Al-Shabaab wiederum finanziert sich hauptsächlich über den Schmuggel und die Kontrolle von Handelsrouten in und durch Ostafrika, inklusive der großen Häfen von Mombasa in Kenia und Daressalam in Tansania. Dazu gehört der Schmuggel von Menschen, Drogen, Waffen und Elfenbein. Hinzu kommt die Erpressung von Schutzgeldern.

Bei Boko Haram in Nigeria lässt sich kaum von einer jihadistischen Organisation sprechen. Hier kommt das Geschäft vor politischen Zielen. Die Gruppe finanziert sich über eine Vielzahl von Quellen: Boko Haram dominiert den Drogenhandel in der Region und kontrolliert die meisten Schmuggelrouten in Westafrika. Hinzu kommen Plünderungen von Siedlungen und Dörfern sowie Entführungen.

Warum aber sind Jihad-Gruppen in Afrika so stark in kriminelle Aktivitäten verstrickt? Einige Beobachter halten afrikanische Jihadisten per se für weniger ideologisch als zum Beispiel arabische Kämpfer. Andere weisen auf die wirtschaftlichen Zwänge hin: AQIM, Al-Shabaab und Boko Haram sind weitgehend Selbstversorger – sie profitieren nur marginal von den Spenden reicher Finanziers in den Golfstaaten.

Jihadisten, Kriminelle – oder »Gangster-Jihadisten«?

Sind die Entführer und Mörder von Edwin Dyer nun Jihadisten, die kriminell geworden sind? Oder handelt es sich bei den AQIM-Männern eher um Kriminelle, die sich hin und wieder als Terroristen betätigen? Wohl beides ist wahr und die Übergänge sind fließend. Fakt ist, dass beide Branchen, der Terrorismus und die Kriminalität, eine sich gegenseitig befruchtende Koexistenz führen: »symbiotischen Terrorismus« nennen das Forscher.

In vielen Fällen ist die Jihad-Rhetorik nur die Tünche, die die kriminellen Aktivitäten notdürftig überdecken und dem eigenen Tun einen ehrbaren Anstrich geben soll: »Wer nur Lösegelder fordert, gilt ›nur‹ als Entführer – wer zusätzlich die Freilassung islamistischer Genossen fordert, zusätzlich als Jihadist«, schreibt der Journalist Marc Engelhard treffend in seinem Buch »Heiliger Krieg oder heiliger Profit. Afrika als neues Schlachtfeld des internationalen Terrorismus«.

So wie die Kriminalität den Terror finanziert, so nützt auch der Terrorismus dem Geschäft: Mit einem wohlplatzierten Anschlag setzen Jihadisten ganze Regionen unter Druck, säen Furcht und demonstrieren die Unfähigkeit der betroffenen Staaten, die Sicherheit ihrer Bürger zu garantieren. Der Terror erhält rechtsfreie Räume, wo Regierungen zu schwach sind, um sich durchzusetzen, mit dem Ziel, den eigenen illegalen Aktivitäten ungestört weiter nachgehen zu können. Er dient somit handfesten wirtschaftlichen Interessen.

Von Jihadisten und Pseudo-Jihadisten

Hinzu kommt, dass in der Praxis Ideologen reinen Wassers selten sind; viele Jihadisten treiben höchst weltliche Motive. So ist nicht jeder, der nominell einer solchen Gruppe angehört, zwangsläufig ein Hardcore-Jihadist. In manchen Regionen bleibt jungen Männern manchmal keine andere Möglichkeit, als sich jihadistischen Gruppen anzuschließen, um Geld verdienen und die Familie ernähren zu können. Im Norden Malis beispielsweise sind AQIM und affiliierte Gruppen in vielen Gebieten die einzig verbliebenen Arbeitgeber.

Nichtsdestotrotz scheint die Neigung zum Kriminellen vor allem eine Sache untergeordneter Kommandeure und lokaler Warlords zu sein, die sich den Jihadisten vorrangig aus geschäftlichem Kalkül anschließen. So verlaufen die Trennlinien zwischen Jihadismus und Kriminalität mitunter mitten durch die Gruppen und Netzwerke selbst: Gruppen wie AQIM oder Al-Shabaab verfügen durchaus über einen ideologischen Kern an geschulten und in erster Linie ideologisch motivierten Jihadisten.

Doch zu den Rändern hin fransen diese Gruppen aus: Die Ideologie und die politischen Ziele des Kernpersonals werden verwässert durch die Motive der Sympathisanten und Geschäftspartner im weiteren Umfeld – häufig genug ist die Motivation eine kriminelle. Entführungen beispielsweise werden meist von Subunternehmern durchgeführt, oftmals lokalen, rein kriminellen Banden.

AQIMs interne Bruchlinien

Im Fall von AQIM verlaufen diese Bruchlinien zwischen Profit und Propaganda zwischen den Bataillonen in Nordafrika und denen in der Sahara und der Sahelzone: Der alte Kern der Gruppe, die Führungsriege um Anführer Abdelmalik Droukdal, hat sich im Norden Algeriens, in der Kabylei, verschanzt. Sie ist seit Jahren nur noch eingeschränkt handlungsfähig. Diese Männer sind die ideologische Basis von AQIM.

Die Bataillone in der Sahara und der Sahelzone hingegen werden von Kommandeuren befehligt, die weniger als Ideologen von sich reden gemacht haben denn durch ihre Aktivitäten als gerissene Schmuggler und skrupellose Geschäftemacher. Die beiden bekanntesten sind die Algerier Mokhtar Belkmokhtar und Abdelhamid Abu Zaid.

Es ist Letzterer, der mit seinen Männern für die Entführung und Enthauptung von Edwin Dyer verantwortlich ist. Abu Zaid hat sich wohl auch deswegen AQIM angeschlossen, weil er die Jihadisten schon seit frühen Schmugglertagen kennt und von der Verbindung profitiert. Die Geiselnahmen sind für ihn wie für Belmokhtar ein lohnendes Geschäft.

Anführer Droukdal hat schon seit Längerem keinen Einfluss mehr auf die Bataillone im Süden: Belmokhtar und Abu Zaid tun, was sie wollen. Dabei folgen sie vor allem ihrer kriminellen Neigung. Diese Strategie hat AQIM schnell zu einer der reichsten Terrorgruppen der Welt gemacht. Doch der wirtschaftliche Erfolg hat auch seine Kehrseite: Die kriminellen Aktivitäten schwächen die Glaubwürdigkeit der Organisation. AQIM wird heute mehr als kriminelle Vereinigung denn als jihadistische Gruppe wahrgenommen.

Doch auch wenn in der Realität oftmals der Profit zählt – allein die Propaganda vermag es, den Jihadisten neue Rekruten zu bescheren. Für vermeintlich hehre Ziele wie den Jihad lassen sich leichter Mitstreiter gewinnen als für den Zigarettenschmuggel. Gerade brutale Videos von Enthauptungen wie der von Edwin Dyer sorgen immer wieder für frisches Personal.

 

Dieser Text erschien zuerst in Zenith, Ausgabe 05/2014. Sie können das Jihad-Dossier hier herunterladen. Besser noch: Bestellen Sie die gesamte Print-Ausgabe.

Die Frage, welche Gefahr für die innere Sicherheit Jihadisten darstellen, die aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zurückkehren, bewegt weiterhin die Medien. Anlässlich der Eröffnung des Prozesses gegen Kreshnik B., der für den IS gekämpft haben soll, habe ich im Interview für die Tagesschau und die Tagesthemen darauf hingewiesen, dass Jihadisten aus Deutschland auf den Schlachtfeldern Syriens und des Irak bedeutungslos sein mögen, unter Anderem weil es Ihnen an militärischen Kenntnissen mangele. Trotzdem stellen diese Rückkehr eine Gefahr für die innere Sicherheit dar: zum Einen, weil sie selber Anschläge begehen können; vor allem aber, weil diese Veteranen die Infrastruktur und die Netzwerke für die tatsächlichen Attentäter zu stellen vermögen – solche, die die deutschen Sicherheitsbehörden nicht auf dem Radar haben und die erst kurz vor einem Anschlag nach Deutschland einreisen, vielleicht zum ersten Mal. Die Jihad-Veteranen könnten somit zu Logistikern des Terrors werden. Dies ist eine neue Entwicklung, die erst der Krieg in Irak und Syrien ermöglich hat – durch eine bis dato beispiellose Vernetzung von Jihadisten aus aller Welt.

Hier der Link zu den Tagesthemen vom 15.09.2014:

Bereits am 14.09.2014 sprach ich mit n24, Kabel Eins und Pro7 über die Hintergründe der Enthauptung des Briten David Haines und die Propaganda des IS. Der Link folgt.

 

 

 

Die Aktivitäten von ISIS alias Islamischer Staat in Irak und Syrien sorgen weltweit weiterhin für ungebrochene Aufmerksamkeit. Die Entführungsindustrie der Jihadisten sowie das Propagandamagazin „Dabiq“ waren Thema zweier Interviews, die heute erschienen sind:

In Deutschlandradio Wissen sprach ich um 09:30 Uhr mit Till Haase anlässlich der Enthauptung des US-Journalisten James Foley über die Entführungsindustrie die Jihadisten – und darüber, wie unterschiedlich Staaten wie die USA, Frankreich, Deutschland und die Schweiz mit Lösegeldforderungen von Terroristen umgehen. Der Link zum Beitrag „Geiseln: Entführungen als Geschäftsmodell“ findet sich hier.

Auch im Gespräch mit der Freien Presse Hannover geht es um ISIS/IS, in diesem Fall um „Dabiq“, deren Propaganda-Magazin. Das Interview kann hier heruntergeladen werden.

Auf dem Sinai operieren mehrere jihadistische Gruppen mit Bezug zum Gaza-Streifen. Dies sind Jaish al-Islam, Al-Tauhid Wal-Jihad, Ansar as-Sunna und Mujahideen Shura Council. Die personellen und operativen Verbindungen zwischen den Gruppen sind diffus. Es ist jedoch eine Fluktuation von Kämpfern zwischen den einzelnen Gruppen anzunehmen.

Ich werde die vier Gruppen in den folgenden Posts vorstellen. Den Anfang macht heute Jaish al-Islam.

Jaish al-Islam (Armee des Islam, JaI) gründete sich im Frühjahr 2006 im Gaza-Streifen. Ihr Ziel sei, neben einer raschen Islamisierung des Gaza-Streifens, die „Befreiung Palästinas“ sowie die Errichtung eines „islamischen Kalifat in Palästina“. Man führe den Jihad nicht wegen eines Stück Lands oder wegen „illusorischer Grenzen“ oder aus nationalistischen Gründen. Mit derartiger Rhetorik setzt sich die Gruppe klar von palästinensischen Gruppen wie der Hamas ab.

Die erste öffentliche Aktivität der Gruppe bestand in der Verteilung von Propaganda-Material in Gaza im Mai 2006. Ihr Gründer ist Mumtaz Dughmush, ein Angehöriger des im Gaza-Streifen einflussreichen Dughmush-Clans und ein ehemaliges Mitglied der Hamas. Sein Clan wird häufig mit kriminellen Aktivitäten in Verbindung gebracht, vor allem mit Waffenschmuggel.

Operationsbasis: Gaza und Sinai

Die Gruppe hat ihre Basis im Gaza-Streifen, operiert aber inzwischen vorrangig auf der Sinai-Halbinsel. Sie soll über etwa 200 Kämpfer verfügen. Die Gruppe finanziert sich offenbar vor allem mittels Schmuggel und Waffenhandel. Nach Ansicht der israelischen Nachrichtendienste soll Dughmush einen Großteil der im Gaza-Streifen existierenden Trainingscamps betreiben. Die dort ausgebildeten Kämpfer reisten anschließend weiter, um auf dem Sinai, in Syrien oder Jemen zu operieren.

Jaish al-Islam ist bislang mit einigen spektakulären Operationen aufgefallen. Diese machen deutlich, dass die Gruppe über hohe operative Fähigkeiten verfügt. Neben routinemäßigen Raketenangriffen auf Israel gehören auch Entführungen von Ausländern und Terroranschläge zum Repertoire.

Für internationales Aufsehen sorgte insbesondere die Entführung des israelischen Soldaten Gilad Shalit, der 2006 beim Angriff auf den israelischen Grenzposten Kerem Shalom verschleppt wurde. Shalit kam erst fünf Jahre später wieder frei. Ebenfalls im Jahr 2006 hatte die Gruppe zwei Reporter des TV-Senders Fox News im Gaza-Streifen entführt. Diese wurden nach einer Zwangskonversion zum Islam und durch die Vermittlung der Hamas nach zwei Wochen wieder frei gelassen.

Im März 2007 schließlich entführte Jaish al-Islam den BBC-Reporter Alan Johnston. Im Gegenzug für seine Freilassung verlangte die Gruppe die Freilassung von Abu Qatada, eines einflussreichen Jihad-Ideologen aus Palästina, der in Großbritannien in Haft saß. Dieser Versuch scheiterte jedoch: Johnston kam nach vier Monaten frei, erneut auf Vermittlung der Hamas.

Die ägyptischen Sicherheitsbehörden beschuldigen Jaish al-Islam, für mehrere Anschläge in Ägypten verantwortlich zu sein, darunter einen Bombenanschlag auf dem Kairoer Markt Khan al-Khalili sowie einen Anschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria, bei dem 25 Menschen starben und zahlreiche weitere verletzt wurden.

Bindeglied zwischen Hamas und Al-Qaida?

Obwohl die jihadistisch-salafistische Ideologie von Jaish al-Islam Verbindungen zu Al-Qaida und assoziierten Gruppen vermuten lässt, steht die Gruppe eher militanten palästinensischen Gruppen wie der Hamas und dem Popular Resistance Committee (PRC) nahe, was wiederum eine Nähe zu Al-Qaida unwahrscheinlich macht. (Wer oder was auch immer Al-Qaida heute sein soll.) Einigen Quellen zufolge handelt es sich bei Jaish al-Islam um eine Abspaltung des PRC.

Jaish al-Islam soll mit Hamas und PRC bereits mehrfach gemeinsame Operationen durchgeführt haben, darunter die Entführung von Gilad Shalit. Die USA nahmen Jaish al-Islam im Mai 2011 in ihre Terrorliste auf; dieser Verlautbarung zufolge handele es sich bei JaI um eine Splittergruppe der Hamas, die zugleich einer salafistischen Ideologie anhänge.

Damit stellt Jaish al-Islam ein Bindeglied zwischen der Hamas und jihadistischen Gruppen dar. Dieser Spagat ermöglicht es der Gruppe, sowohl unter den Augen der Hamas im Gaza-Streifen zu operieren als auch mit jhadistischen Gruppen auf der Sinai-Halbinsel zu kooperieren.

Die in Gaza und auf dem Sinai operierende Gruppe Jaish al-Islam ist nicht zu verwechseln mit dem in Syrien gegründeten Zusammenschluss verschiedener Rebellengruppen, die vormals unter Liwa al-Islam firmierte.

Im nächsten Post geht es um Al-Tauhid Wal-Jihad.