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Jihadistische Gruppen in der Sahelzone (II): Al-Murabitun

„Al-Murabitun“ heißt die neueste Jihadisten-Gruppe in Nordafrika. Sie ist das Ergebnis des Zusammenschlusses zweier altbekannter Gruppen: der Katibat al-Mulathimin (Brigade der Verschleierten) des algerischen Jihadisten Mokhtar Belmokhtar (Foto) und der Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en l’Afrique de l’Ouest, MUJAO).

Sicherheitsbehörden in der Region rechnen mit einem großen Terroranschlag der Gruppe gegen westliche Ziele in Tunesien, Marokko, Libyen oder Ägypten. Weiterlesen

Jihadisten in der Sahelzone (I) – die wichtigsten Gruppen im Überblick

Die Militäroffensive Frankreichs in Mali (Operation Serval) hat den Vormarsch militanter Islamisten in der Sahelzone vorerst stoppen können – und diese in alle Himmelsrichtungen versprengt. Doch die Jihadisten sind damit keineswegs besiegt. Im Gegenteil: Sie organisieren sich neu.

Aufgrund der sich sehr rasch verändernden Verhältnisse hier ein erster Überblick über die wichtigsten jihadistischen Gruppen in Nordafrika: Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), die Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en Afrique de l’Ouest, MUJAO) und Ansar al-Din.

Grundsätzlich gibt es mit Ausnahme von AQIM gibt es nach wie vor nur wenig verlässliche Informationen über diese Gruppierungen. AQIM, Ansar al-Din und MUJAO unterscheiden sich hinsichtlich ihrer tribalen und ethnischen Herkunft sowie in ihrer ideologischen Ausrichtung. Dennoch verfolgen alle drei Gruppen gemeinsame Ziele und führen zusammen Operationen durch. Ihre Beziehungen untereinander sind unklar, die Grenzen fließend. Die sich immer wieder ändernden Allianzen und Brüche sind auf Konflikte und Machtkämpfe zwischen den Anführern der Gruppierungen zurückzuführen.

Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM)

Dreh-und Angelpunkt der islamistischen Expansion in Mali ist Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), die nordafrikanische Filiale von Al-Qaida. Sie ist die schlagkräftigste der drei in Mali operierenden Jihad-Gruppen.

AQIM ging im Januar 2007 aus der algerischen Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat, GSPC) hervor; die Umbenennung machte den Anschluss an Al-Qaida offiziell und signalisierte zudem eine Internationalisierung. Gemäß ihren Verlautbarungen ist es AQIMs Ziel, ein „islamisches Emirat“ im Maghreb zu errichten und alle „islamfeindlichen Regierungen“ sowie westliche Einflüsse zu beseitigen.

Die Mitglieder von AQIM sind zum großen Teil Jihad-Veteranen, die bereits seit 2003 in der Sahara operieren. Der hohe Verfolgungsdruck der algerischen Sicherheitsbehörden hatte ihre zuvor auf Algerien konzentrierten Aktivitäten stark eingeschränkt. In der Folge waren die Kämpfer nach Süden ausgewichen und hatten im Norden Malis einen sicheren Hafen für ihre Aktivitäten geschaffen. Hier haben sie seither ein Netzwerk lokaler Allianzen aufbauen können. AQIM und ihr Vorläufer GSPC sind die Keimzelle des Jihadismus in Nordafrika.

AQIM finanziert sich über Drogen- und Waffenschmuggel sowie durch Lösegelder für entführte Ausländer. Ihr Anführer ist der Algerier Abdulmalik Droukdal. AQIM ist stark von Algeriern dominiert, hat aber Mitglieder aus allen Staaten der Sahara und der Sahelzone. Die Gruppierung soll Anfang 2012 in Mali über mehrere hundert Kämpfer in vier Brigaden verfügt haben: Tariq bin Ziad (Abd al-Hamid Abu Zeid), Al-Furqan (Yahya Abu al-Hamam), Al-Ansar (Abd-al-Karim al-Targui) und Al-Mulathamin (Mokhtar Belmokhtar).

Belmokhtar gründete im Oktober 2012 eine eigene Gruppierung namens Al-Muwaqi’un bil-Dima (Die mit Blut Unterzeichnen). Die Kämpfer seines Bataillons nahm er mit. Auslöser für diesen Schritt waren interne Streitigkeiten mit anderen AQIM-Kommandeuren. Diese Gruppe war für den Angriff auf die Gasanlage im algerischen In Amenas im Januar 2013 verantwortlich.

AQIM kooperiert sowohl mit Ansar al-Din als auch mit MUJAO. Die Gruppen verfolgen gemeinsame Ziele und führen zusammen Operationen durch. Sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer nationalen, tribalen und ethnischen Zusammensetzung sowie in ihrer Ideologie. Dennoch sind die Grenzen zwischen den Gruppen fließend.

Nach der Vertreibung aus Mali hat AQIM im Süden Libyens, im Grenzgebiet zu Algerien und Niger, den dringend benötigten Ruheraum gefunden, um sich von dem Debakel zu erholen und die eigene Strategie erneut der aktuellen Situation entsprechend anzupassen.

Ansar al-Din

Anders als AQIM ist Ansar al-Din (frz. Ansar Eddine) eine von malischen Tuareg dominierte Gruppierung; hinzu kommen noch Algerier und Nigerianer. Sie wurde im November 2011 durch Iyag Ag Ghali, einenm einflussreichen Tuareg-Führer gegründet, der bereits in den 1990er Jahren eine wichtige Rolle beim Tuareg-Aufstand spielte. Zahlreichen Quellen zufolge habe Ag Ghali die Gruppe erst dann gegründet, als sein Versuch, sich zum Führer der MNLA und der Ifoghas-Tuareg aufzuschwingen, gescheitert sei. Die Mitglieder von Ansar al-Din rekrutierten sich anfangs vorwiegend aus Tuareg seines Stammes; Anfang 2012 kamen noch 40 AQIM-Kämpfer hinzu. Wie viele Mitglieder Ansar al-Din heute hat, ist ungewiss. Mit dem Vormarsch nach Süden konnte die Gruppierung jedoch eine signifikanten Zuwachs an Kämpfern verzeichnen, so dass sie inzwischen mehr Mitglieder als AQIM haben dürfte.

Das Ziel von Ansar al-Din besteht in der Durchsetzung der Scharia. Die Gruppe sorgte im Juni 2012 durch die Zerstörung von Sufi-Gräbern, die die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt hatte, weltweit für Aufsehen. Bis zur Intervention der Franzosen kontrollierte Ansar al-Din unter anderem die Städte Kidal und Timbuktu. Ansar al-Din scheint weder eine feste politische Agenda zu haben noch nationalstaatliche Interessen zu verfolgen.

Dauer und Natur der Beziehung von Ansar al-Din zu AQIM sind unklar. Einiges spricht dafür, dass beide Gruppen bereits seit der Gründung von Ansar al-Din kooperieren – und sich auf eine Arbeitsteilung geeinigt haben: AQIM übernimmt das jihadistische Kerngeschäft, Ansar al-Din als malische Gruppierung stellt die offizielle Kontrolle und Verwaltung der eroberten Gebiete durch Einheimische sicher. Ansar al-Din fungiert auch als Puffer zwischen den Jihadisten von AQIM und den Tuareg der MNLA.

Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (MUJAO)

Die Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en Afrique de l’Ouest, MUJAO) trat erstmals im Dezember 2011 mit der Entführung von drei französischen Entwicklungshelfern im algerischen Tindouf in Erscheinung. Der Zeitpunkt und die Umstände der Entstehung der Gruppe sind jedoch umstritten. MUJAO beschreibt sich selber als Abspaltung von AQIM. Der Hintergrund für den Bruch sollen Streits innerhalb von AQIM um die Verteilung von Lösegeldern gewesen sein. Anderen Quellen zufolge seien mangelnde Aufstiegschancen für Nicht-Algerier innerhalb AQIMs der Grund gewesen. Die Mitglieder sind überwiegend Araber aus Mali, kommen aber auch aus Tunesien, Saudi-Arabien und Ägypten.[3] Auch Mitglieder der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram sollen bei MUJAO kämpfen. Anführer der Gruppe während der Rebellion Mali war der Mauretanier Hamada Ould Mohamed Kheirou. Seither hat die Gruppe mehrere Umorganisationen hinter sich, so dass aktuell unklar ist, wer MUJAO führt.

Das Ziel von MUJAO besteht nach eigener Aussage darin, den Jihad in Westafrika zu verbreiten. Dabei versucht sich die Terror-Gruppe in die Tradition antikolonialistischer Kämpfer Westafrikas wie Hajj Umar Tall oder Amadou Cheikou zu stellen. MUJAO kontrollierte von Juni 2012 bis zur französischen Militäroffensive die Stadt Gao, zusammen mit Belmokhtars AQIM-Bataillon Al-Mulathamin („die Verschleierten“).

Mokhtar Belmokhtar und Al-Murabitun

Die mauretanische Nachrichtenagentur ANI berichtete am 20. August 2013, dass MUJAO und Mokhtar Belmokhtars Gruppe Al-Mulathimin sich zu einer neuen Gruppe namens „Al-Murabitun“ zusammengeschlossen hätten. Der Name spielt auf die islamische Herrscherdynastie der Almoraviden an, deren Reich sich im 11. Jahrhundert über das Gebiet des heutigen Mauretaniens, der Westsahara, Marokkos, Algeriens und Andalusiens erstreckte. ANI zufolge werde Al-Murabitun werde von einem neuen Anführer geleitet. Dessen Identität ist noch nicht bekannt.

Über die Hintergründe des Zusammenschlusses sowie über Belmokhtar und Al-Murabitun schreibe ich in einem der kommenden Blogposts.

Foto: CSIS PONI.