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Jihadisten in der Sahelzone (I) – die wichtigsten Gruppen im Überblick

Die Militäroffensive Frankreichs in Mali (Operation Serval) hat den Vormarsch militanter Islamisten in der Sahelzone vorerst stoppen können – und diese in alle Himmelsrichtungen versprengt. Doch die Jihadisten sind damit keineswegs besiegt. Im Gegenteil: Sie organisieren sich neu.

Aufgrund der sich sehr rasch verändernden Verhältnisse hier ein erster Überblick über die wichtigsten jihadistischen Gruppen in Nordafrika: Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), die Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en Afrique de l’Ouest, MUJAO) und Ansar al-Din.

Grundsätzlich gibt es mit Ausnahme von AQIM gibt es nach wie vor nur wenig verlässliche Informationen über diese Gruppierungen. AQIM, Ansar al-Din und MUJAO unterscheiden sich hinsichtlich ihrer tribalen und ethnischen Herkunft sowie in ihrer ideologischen Ausrichtung. Dennoch verfolgen alle drei Gruppen gemeinsame Ziele und führen zusammen Operationen durch. Ihre Beziehungen untereinander sind unklar, die Grenzen fließend. Die sich immer wieder ändernden Allianzen und Brüche sind auf Konflikte und Machtkämpfe zwischen den Anführern der Gruppierungen zurückzuführen.

Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM)

Dreh-und Angelpunkt der islamistischen Expansion in Mali ist Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), die nordafrikanische Filiale von Al-Qaida. Sie ist die schlagkräftigste der drei in Mali operierenden Jihad-Gruppen.

AQIM ging im Januar 2007 aus der algerischen Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat, GSPC) hervor; die Umbenennung machte den Anschluss an Al-Qaida offiziell und signalisierte zudem eine Internationalisierung. Gemäß ihren Verlautbarungen ist es AQIMs Ziel, ein „islamisches Emirat“ im Maghreb zu errichten und alle „islamfeindlichen Regierungen“ sowie westliche Einflüsse zu beseitigen.

Die Mitglieder von AQIM sind zum großen Teil Jihad-Veteranen, die bereits seit 2003 in der Sahara operieren. Der hohe Verfolgungsdruck der algerischen Sicherheitsbehörden hatte ihre zuvor auf Algerien konzentrierten Aktivitäten stark eingeschränkt. In der Folge waren die Kämpfer nach Süden ausgewichen und hatten im Norden Malis einen sicheren Hafen für ihre Aktivitäten geschaffen. Hier haben sie seither ein Netzwerk lokaler Allianzen aufbauen können. AQIM und ihr Vorläufer GSPC sind die Keimzelle des Jihadismus in Nordafrika.

AQIM finanziert sich über Drogen- und Waffenschmuggel sowie durch Lösegelder für entführte Ausländer. Ihr Anführer ist der Algerier Abdulmalik Droukdal. AQIM ist stark von Algeriern dominiert, hat aber Mitglieder aus allen Staaten der Sahara und der Sahelzone. Die Gruppierung soll Anfang 2012 in Mali über mehrere hundert Kämpfer in vier Brigaden verfügt haben: Tariq bin Ziad (Abd al-Hamid Abu Zeid), Al-Furqan (Yahya Abu al-Hamam), Al-Ansar (Abd-al-Karim al-Targui) und Al-Mulathamin (Mokhtar Belmokhtar).

Belmokhtar gründete im Oktober 2012 eine eigene Gruppierung namens Al-Muwaqi’un bil-Dima (Die mit Blut Unterzeichnen). Die Kämpfer seines Bataillons nahm er mit. Auslöser für diesen Schritt waren interne Streitigkeiten mit anderen AQIM-Kommandeuren. Diese Gruppe war für den Angriff auf die Gasanlage im algerischen In Amenas im Januar 2013 verantwortlich.

AQIM kooperiert sowohl mit Ansar al-Din als auch mit MUJAO. Die Gruppen verfolgen gemeinsame Ziele und führen zusammen Operationen durch. Sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer nationalen, tribalen und ethnischen Zusammensetzung sowie in ihrer Ideologie. Dennoch sind die Grenzen zwischen den Gruppen fließend.

Nach der Vertreibung aus Mali hat AQIM im Süden Libyens, im Grenzgebiet zu Algerien und Niger, den dringend benötigten Ruheraum gefunden, um sich von dem Debakel zu erholen und die eigene Strategie erneut der aktuellen Situation entsprechend anzupassen.

Ansar al-Din

Anders als AQIM ist Ansar al-Din (frz. Ansar Eddine) eine von malischen Tuareg dominierte Gruppierung; hinzu kommen noch Algerier und Nigerianer. Sie wurde im November 2011 durch Iyag Ag Ghali, einenm einflussreichen Tuareg-Führer gegründet, der bereits in den 1990er Jahren eine wichtige Rolle beim Tuareg-Aufstand spielte. Zahlreichen Quellen zufolge habe Ag Ghali die Gruppe erst dann gegründet, als sein Versuch, sich zum Führer der MNLA und der Ifoghas-Tuareg aufzuschwingen, gescheitert sei. Die Mitglieder von Ansar al-Din rekrutierten sich anfangs vorwiegend aus Tuareg seines Stammes; Anfang 2012 kamen noch 40 AQIM-Kämpfer hinzu. Wie viele Mitglieder Ansar al-Din heute hat, ist ungewiss. Mit dem Vormarsch nach Süden konnte die Gruppierung jedoch eine signifikanten Zuwachs an Kämpfern verzeichnen, so dass sie inzwischen mehr Mitglieder als AQIM haben dürfte.

Das Ziel von Ansar al-Din besteht in der Durchsetzung der Scharia. Die Gruppe sorgte im Juni 2012 durch die Zerstörung von Sufi-Gräbern, die die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt hatte, weltweit für Aufsehen. Bis zur Intervention der Franzosen kontrollierte Ansar al-Din unter anderem die Städte Kidal und Timbuktu. Ansar al-Din scheint weder eine feste politische Agenda zu haben noch nationalstaatliche Interessen zu verfolgen.

Dauer und Natur der Beziehung von Ansar al-Din zu AQIM sind unklar. Einiges spricht dafür, dass beide Gruppen bereits seit der Gründung von Ansar al-Din kooperieren – und sich auf eine Arbeitsteilung geeinigt haben: AQIM übernimmt das jihadistische Kerngeschäft, Ansar al-Din als malische Gruppierung stellt die offizielle Kontrolle und Verwaltung der eroberten Gebiete durch Einheimische sicher. Ansar al-Din fungiert auch als Puffer zwischen den Jihadisten von AQIM und den Tuareg der MNLA.

Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (MUJAO)

Die Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (frz. Mouvement pour l’Unicité et le Jihad en Afrique de l’Ouest, MUJAO) trat erstmals im Dezember 2011 mit der Entführung von drei französischen Entwicklungshelfern im algerischen Tindouf in Erscheinung. Der Zeitpunkt und die Umstände der Entstehung der Gruppe sind jedoch umstritten. MUJAO beschreibt sich selber als Abspaltung von AQIM. Der Hintergrund für den Bruch sollen Streits innerhalb von AQIM um die Verteilung von Lösegeldern gewesen sein. Anderen Quellen zufolge seien mangelnde Aufstiegschancen für Nicht-Algerier innerhalb AQIMs der Grund gewesen. Die Mitglieder sind überwiegend Araber aus Mali, kommen aber auch aus Tunesien, Saudi-Arabien und Ägypten.[3] Auch Mitglieder der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram sollen bei MUJAO kämpfen. Anführer der Gruppe während der Rebellion Mali war der Mauretanier Hamada Ould Mohamed Kheirou. Seither hat die Gruppe mehrere Umorganisationen hinter sich, so dass aktuell unklar ist, wer MUJAO führt.

Das Ziel von MUJAO besteht nach eigener Aussage darin, den Jihad in Westafrika zu verbreiten. Dabei versucht sich die Terror-Gruppe in die Tradition antikolonialistischer Kämpfer Westafrikas wie Hajj Umar Tall oder Amadou Cheikou zu stellen. MUJAO kontrollierte von Juni 2012 bis zur französischen Militäroffensive die Stadt Gao, zusammen mit Belmokhtars AQIM-Bataillon Al-Mulathamin („die Verschleierten“).

Mokhtar Belmokhtar und Al-Murabitun

Die mauretanische Nachrichtenagentur ANI berichtete am 20. August 2013, dass MUJAO und Mokhtar Belmokhtars Gruppe Al-Mulathimin sich zu einer neuen Gruppe namens „Al-Murabitun“ zusammengeschlossen hätten. Der Name spielt auf die islamische Herrscherdynastie der Almoraviden an, deren Reich sich im 11. Jahrhundert über das Gebiet des heutigen Mauretaniens, der Westsahara, Marokkos, Algeriens und Andalusiens erstreckte. ANI zufolge werde Al-Murabitun werde von einem neuen Anführer geleitet. Dessen Identität ist noch nicht bekannt.

Über die Hintergründe des Zusammenschlusses sowie über Belmokhtar und Al-Murabitun schreibe ich in einem der kommenden Blogposts.

Foto: CSIS PONI.

Interview: Sicherheitslage in Nahost und Nordafrika

Heute in der radioWelt bei Bayern 2 spreche ich mit Thomas Meyerhöfer über die Sicherheitslage im Nahen Osten und Nordafrika, die Stärke von Al-Qaida und Sicherheitsvorkehrungen für Unternehmen, die in der Region operieren. Sendezeiten: 6.05 – 8.30 Uhr, 13.05 – 13.30 Uhr und 17.05 – 18 Uhr.

Al-Qaida: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Wie gefährlich ist Al-Qaida? Das Terrornetzwerk sei am Boden, sagen die Einen. Al-Qaida sei stärker als je zuvor, behaupten die Anderen. Beide haben recht. Die Antwort hängt davon ab, wie man Al-Qaida definiert. Doch genau das wird immer schwieriger.

Betrachtet man die Al-Qaida-Zentrale in Pakistan, so trifft die These vom Niedergang durchaus zu. In den vergangenen Jahren hat sie schwere Schläge einstecken müssen: Viele wichtige Führer sind dem Drohnenkrieg der USA zum Opfer gefallen. Im April 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Usama Bin Laden. Aufgrund des hohen Verfolgungsdrucks scheint die Zentrale derzeit keine Anschläge im Ausland mehr verüben zu können.

Ein anderes Bild ergibt sich bei der Betrachtung der Filialen von Al-Qaida. Der Arabische Frühling hat vielerorts staatliche Strukturen zusammenbrechen lassen und den Jihadisten auf diese Weise neue Operationsräume eröffnet.

So scheint sich die Filiale im Irak nach einer Phase der intensiven Bekämpfung durch die irakische und die US-Armee wieder zu erholen. Seit dem Abzug der Amerikaner ist die Zahl der Anschläge wieder deutlich angestiegen.

Im Jemen konnte die dortige Filiale während der Aufstände gegen den vorigen Präsidenten Saleh von 2011 bis 2012 über Monate hinweg mehrere Provinzen kontrollieren. Erst durch eine Armee-Offensive, mit Unterstützung der Amerikaner, konnten die Jihadisten zurück gedrängt werden. Diese flüchteten sich in die unzugänglichen Bergregionen des Landes. Auch im Jemen dürften die Erfolge der Anti-Terror-Kämpfer vorübergehender Natur sein. Die Jihadisten werden sich neu formieren, um dann erneut anzugreifen.

Landgewinne in Nordafrika

Den bis dato größten Landgewinn konnten Jihadisten in Mali verbuchen: Angeführt von Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) nutzten mehrere jihadistische Gruppen die Gelegenheit, sich an eine lokale Tuareg-Rebellion zu hängen, um anschließend ihre säkularen Bündnispartner zu vertreiben. Erst die Intervention der französischen Armee konnte den Vormarsch der Jihadisten stoppen und diese vertreiben, vor allem nach Algerien und Libyen. Doch auch sie sind nicht besiegt, wie der Doppelanschlag auf ein Militärcamp und eine Uranförderanlage Ende Mai im Niger zeigt. Die Jihadisten haben lediglich ihren Aktionsraum verlagert.

Al-Qaidas Verbündete in Somalia, die Milizen von Al-Shabaab, haben in den letzten beiden Jahren schwere Verluste hinnehmen müssen: Truppen der Afrikanischen Union haben die Jihadisten aus ihren Hochburgen zurückdrängen können. Die Milizen haben sich notgedrungen wieder auf Terroranschläge gegen die neuen Machthaber verlegt.

In Syrien firmiert Al-Qaidas Bündnispartner unter dem Namen Jabhat al-Nusra („Front der Unterstützer“). Sie ist die wichtigste Jihadisten-Gruppe im Kampf gegen das Assad-Regime. Täglich verübt sie Anschläge. Ihre Beziehung zu Al-Qaida war lange unklar. Erst Ende Mai nun gab die Gruppe bekannt, dass sie Al-Qaida-Chef Zawahiri, dem Nachfolger Bin Ladins, den Treueid geschworen habe. Ob dieser die Offerte angenommen hat und ob die Gruppe gar Weisungen von der Zentrale empfängt, ist jedoch nicht geklärt.

Neben diesen drei Filialen und zwei engen Verbündeten existieren zahlreiche weitere jihadistische Gruppen, die in mehr oder minder loser Verbindung zu Al-Qaida stehen. Dazu zählen die fundamentalistische Sekte Boko Haram in Nigeria ebenso wie diverse Jihad-Gruppen auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel und in Nordafrika. Ein jihadistischer Korridor erstreckt sich von Jemen über Ostafrika bis hin in den Norden Malis und nach Nigeria.

Ungeachtet aktueller Rückschläge operiert Al-Qaida somit heute überall in der islamischen Welt. Das ist ein beachtlicher Erfolg für eine Organisation, deren Aktivitäten bis zum 11. September 2001 praktisch auf Afghanistan beschränkt waren.

Während also die Al-Qaida-Zentrale aktuell kaum noch eine Rolle spielt, mischen ihre Filialen und Verbündeten die islamische Welt mächtig auf. Bin Ladens strategische Entscheidung, nach dem 11. September die Gründung von Filialen zu genehmigen, hat Al-Qaida gerettet – und transformiert.

Denn die Filialen zeichnen sich nicht mehr durch die straffe Hierarchie, sorgfältig ausgebildete Attentäter und die kohärente Strategie der Al-Qaida-Zentrale aus. Tatsächlich verfolgt jede Gruppe längst ihre eigene Agenda, auch wenn sie nominell noch immer der Zentrale unterstehen. Sie kämpfen heute vorrangig in lokalen Konflikten, da hier am ehesten Siege zu erringen sind, kooperieren aber länderübergreifend. Der Kampf gegen den „nahen Feind“, die verhassten arabischen Regime, hat den Kampf gegen den Westen, den „fernen Feind“, in den Hintergrund treten lassen. Al-Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri mischt sich nicht ins Tagesgeschäft der Filialen ein. Er begnügt sich damit, aus seinem Versteck heraus hin und wieder Audio- oder Videobotschaften mit strategische Direktiven zu veröffentlichen.

Vom Netzwerk zur Ideologie

Somit wird das Bild von Al-Qaida in dem Maße unschärfer, indem die Grenzen zu anderen jihadistischen Gruppen verschwimmen. Die Organisation von einst zerfällt in eine wachsende Zahl von Filialen und assoziierter Gruppen, die wiederum in einer Welt umspannenden chaotischen, atomisierten und heterogenen jihadistischen Bewegung aufgehen.

Was bleibt, ist die Idee hinter Al-Qaida: ihre jihadistische Ideologie. Diese ist weder an die Zentrale noch an Einzelpersonen gebunden, sondern hat sich längst verselbständigt. Und dieses Gedankengut ist eine mächtige Waffe – so mächtig, dass es in zunehmendem Maße auch junge Männer im Westen zu Anschlägen zu motivieren vermag, die nie eine direkte Verbindung zu Al-Qaida hatten.

Die Enthauptung eines britischen Soldaten in London am 23. Mai und die Bombenanschläge von Boston markieren dabei die bisherigen Höhepunkte dieser Strategie des „individuellen Jihad“. Sie stellt eine Ergänzung des bisherigen Portfolios von Al-Qaida dar. Wegbereiter für diese Entwicklung war die Filiale von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, die mittels ihres englischsprachigen Online-Magazins „Inspire“ bereits seit Sommer 2010 zu Anschlägen jihadistischer Einzeltäter im Westen aufrief. Seit Juni 2011 unterstützt auch die Zentrale in Pakistan diese Strategie. Seither haben die Anschläge zugenommen. Dies ist ein Hinweis auf die anhaltende Bedeutung der Zentrale als ideologische Richtschnur für Jihadisten weltweit.

Die Frage, wie gefährlich Al-Qaida heute ist, lässt sich nur beantworten, wenn wir klären, wen wir Al-Qaida heute zurechnen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Die zunehmende Diffusität des dabei entstehenden Bildes führt zu der Erkenntnis, dass der Begriff „Al-Qaida“ sich abgenutzt haben mag. Vielleicht verstellt die Fixierung auf Al-Qaida den Blick inzwischen mehr als zum Verständnis eines sich stetig wandelnden Phänomens beizutragen.

Dieser Text erschien am 03.07.2013 unter dem Titel „Der persönliche Dschihad“ in der Süddeutschen Zeitung.

Nach Boston: Warum wir eine neue Haltung im Umgang mit dem Terror brauchen

Die Bomben von Boston haben gezeigt, dass es keinen Sieg über den Terror gibt. Anschläge lassen sich nicht gänzlich verhindern. Wir können dem Terror daher nur mit Haltung begegnen. Mit bemerkenswerter Schnelligkeit haben die amerikanischen Sicherheitsbehörden den Anschlag von Boston aufgeklärt. Die USA feiern den Fahndungserfolg als Sieg über den Terror. Doch tatsächlich kann von einem Erfolg nicht die Rede sein. Vielmehr markiert Boston eine klare Niederlage der USA in diesem Kampf. In der Logik des Terrors bestimmt die Reaktion der Betroffenen den Erfolg eines Anschlags: Je besonnener die Reaktion, desto geringer die weltweite Aufmerksamkeit; je stärker diese ist, desto größer die Wahrnehmung. Terroristen setzen Gewalt ein, um ihrer Botschaft Gehör zu verschaffen. Auch Menschen sollen dabei sterben, möglichst viele sogar. Doch diese Morde dienen stets dem Zweck, ein Maximum an Aufmerksamkeit für die eigene Sache zu erzeugen. Und das haben die beiden Attentäter von Boston erreicht. Ihre größten Helfer dabei: die Sicherheitsbehörden und die Medien der USA. Erst die hysterische Reaktion beider hat den Anschlag von Boston zu einem Triumph für die Terroristen gemacht.

Wertvollster Schützenhelfer der Terroristen im Kampf um die weltweite Aufmerksamkeit waren die Medien

Die Behörden riegelten während der Fahndung die Stadt inklusive vieler Vororte komplett ab. Über viele Stunden hinweg blieben Geschäfte geschlossen, Busse und Bahnen standen still. Die Menschen wurden aufgefordert, zuhause zu bleiben. Ein Täter wurde im Verlauf der Suche erschossen, der zweite konnte 102 Stunden nach dem Anschlag verhaftet werden. Der Preis für diesen Stillstand: rund 300 Millionen US-Dollar. Fataler als der wirtschaftliche Schaden ist jedoch das Signal an potentielle Nachahmer: Ein 19-jähriger Amateur-Terrorist kann im Alleingang eine amerikanische Metropole über Stunden hinweg lahmlegen. Wertvollster Schützenhelfer der Terroristen im Kampf um die weltweite Aufmerksamkeit waren jedoch die Medien. Sie überboten sich im Minutentakt mit neuen Details zum Verlauf der Ermittlungen – die meisten davon Spekulationen und Falschmeldungen. Der Anschlag von Boston war der erste seit 12 Jahren auf amerikanischem Boden. Drei Menschen starben, mehr als 260 wurden verletzt. Jeder Einzelne ist ein Opfer zuviel, gewiss. Doch die hysterische Reaktion von Behörden und Medien zeigt, dass die USA die Dimension der Bedrohung durch den Terror aus den Augen verloren haben. Denn während die Welt gebannt den Fortgang der Fahndung in Boston verfolgte, explodierte in Texas eine Düngemittel-Fabrik. Die Detonation forderte 14 Todesopfer und verletzte mehr als 200 Menschen. Trotz der höheren Zahl an Todesopfern rutschte dieses Ereignis bald auf die hinteren Spalten der Zeitungen – Boston dominierte die Berichterstattung.

Die amerikanische Art des Umgangs mit dem Terror hat den Blick auf die Realität verzerrt

Aber warum bekommt ein Terroranschlag im Westen so viel Aufmerksamkeit, beinahe unabhängig von der Zahl der Toten und Verletzten? Verantwortlich dafür ist unsere Fantasie: Sie neigt dazu, im Untergrund operierenden Terrorgruppen mehr Macht zuzuschreiben, als sie tatsächlich haben. Wir überschätzen für gewöhnlich die Gefahr durch den Terrorismus. Anschläge kommen vergleichsweise selten vor, erregen dabei aber stets überproportional viel Aufmerksamkeit. Die abstrakte Bedrohung durch den Terror erschreckt uns mehr als die reale Gefahr, jeden Tag durch einen Verkehrsunfall ums Leben kommen zu können. Der Anschlag von Boston hat den USA die Angst zurückgebracht. Die amerikanische Art des Umgangs mit dem Terror, die Besessenheit von der Sicherheit, hat den Blick auf die Realität verzerrt und lässt die Gefahr durch den Terror größer erscheinen als sie tatsächlich ist. Statt Sicherheit zu schaffen, haben die USA die Angst vor dem Terror in den Köpfen der Menschen zementiert. Der Anschlag von Boston hat auch gezeigt, dass der Terror nie komplett zu eliminieren sein wird. Wir müssen daher zu einer neuen Haltung finden, wie wir mit der Bedrohung umgehen: zu einer Moral des Starkseins, die sich der Angst verweigert, die der Terror uns aufzwingen will. Es ist ein Kampf um unsere Köpfe. Sobald die Terroristen unser Denken beherrschen, haben sie gewonnen. Wir sollten ihnen weniger Aufmerksamkeit schenken. Sie haben sie nicht verdient. Florian Peil

P.S. Dieser Text ist am 03.05.2013 zuerst auf www.zenithonline.de erschienen.