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KNS Podcast #01: Aktuelle Entwicklungen im Terrorismus in Europa

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Wie entwickelt sich der Terrorismus in Europa? In der ersten Ausgabe des Podcasts des Konsortiums Neue Sicherheit (KNS) spreche ich mit meinen Kollegen Malte Roschinski von Plan4Risk und Yan St-Pierre von der Modern Security Consulting Mosecon GmbH über aktuelle Trends und Entwicklungen bei Terroranschlägen in Europa, unter anderem im Hinblick auf die Auswahl der Ziele und die Taktiken und den Modus Operandi der Terroristen.

Den Podcast finden Sie auch auf SoundCloud und iTunes.

Viel Spaß beim Hören!

Was Terroristen wollen

Terroristen wollen vor allem eines: Aufmerksamkeit. Je größer die Aufmerksamkeit nach einem Anschlag, desto erfolgreicher ist dieser aus Sicht der Terroristen. Tatsächlich verfolgen Terroristen mit einem Anschlag eine Reihe von Zielen; das Töten unschuldiger Menschen ist dabei nur ein Mittel zum Zweck.

Bereits bei der Planung eines Anschlags kalkulieren Terroristen die anschließende Berichterstattung mit ein. Aus Sicht der Terroristen bemisst sich der Erfolg eines Anschlags heutzutage vor allem an seiner medialen Verbreitung. Überspitzt formuliert: Für Terroristen ist eine breite Öffentlichkeit wichtiger als die Zahl der Opfer.  Weiterlesen

Buch: „Terrorismus – wie wir uns schützen können“

Auf diesen Moment habe ich lange gewartet: Heute erscheint im Murmann Verlag mein Buch „Terrorismus – wie wir uns schützen können“.

„Jeder kann etwas gegen die Bedrohung durch den Terrorismus tun“ lautet das Credo des Buches, an dem ich in den vergangenen Monaten intensiv gearbeitet habe. Konkrete Handlungsempfehlungen zeigen die eigenen Handlungsspielräume in Gefahrensituationen auf und sollen helfen, das Gefühl der Hilflosigkeit, das viele Bürger angesichts der aktuellen Bedrohungslage empfinden, zu reduzieren. Mit seinem Fokus auf die Praxis füllt das Buch eine Lücke auf dem Markt.

Es geht mir in diesem Buch immer um die praktischen Aspekte von Terrorismus: Darum, was Terroristen mit ihren Anschlägen erreichen wollen, und wie sie bei der Planung und Durchführung von Anschlägen vorgehen. Darum, wie man sich im Falle eines Terroranschlags verhalten sollte,  und was jeder Einzelne tun kann, um der Bedrohung durch den Terrorismus etwas entgegensetzen kann. Denn Terrorismusbekämpfung ist nicht allein Aufgabe der Sicherheitsbehörden, sondern der gesamten Gesellschaft. Und dazu kann jeder Einzelne etwas beitragen.

 

Inhalt:

•    Was Terroristen wollen

•    Wie Terroristen vorgehen

•    Die Bedrohungslage in Europa

•    Verhalten bei Terroranschlägen

•    Was jeder gegen Terrorismus tun kann

 

Das Buch ist seit heute im Handel. Es kann über den Murmann Verlag sowie über den Online- und Offline-Buchhandel in Deutschland, Österreich und der Schweiz bezogen werden.

Ein Sommer der Gewalt: Würzburg, München, Ansbach

Es ist ein Sommer der Gewalt in Deutschland: erst der Terroranschlag in einem Regionalzug bei Würzburg, kurz darauf der Amokläufer von München, gestern schließlich der Anschlag in Ansbach. Vorangegangen waren diesen Taten der Massenmord in Orlando/Florida und der Terroranschlag per LKW in Nizza.

Diese Taten eint nach bisherigen Erkenntnissen nichts, die Verbindungen sind eher bei den Tätern selbst zu finden. Was sie alle gemeinsam hatten: psychische Probleme – und verworrene Motive für ihre jeweiligen Taten. Zudem waren sie allesamt Einzeltäter, zumindest was die Durchführung der Taten angeht.

Der Bezug zum Islamischen Staat (IS) ist im Falle Würzburgs noch nebulös, Weiterlesen

Interview: Massenmord in Orlando

Der Attentäter suchte sich gezielt Homosexuelle als Ziel aus: Der Anschlag auf einen Nachtclub in Orlando/Florida am 11. Juni 2016 war ein Massenmord mit der höchsten Zahl an  Toten in den USA seit dem 11. September 2001. Doch auch zwei Tage nach dem Massaker  sind nur wenige Fakten tatsächlich gesichert. War es eine vom Islamischen Staat (IS) gesteuerte Tat oder ein Hassverbrechen eines homophoben, psychotischen Einzeltäters?

Im Studiogespräch mit N24 diskutierte ich als Studiogast am 13.06.2016 mögliche Motivationen des Attentäters und Hintergründe des Anschlags.

Die Bezüge zum IS sind nach wie vor nebulös. Viel spricht für ein Hassverbrechen eines vom IS inspirierten Einzeltäters.

Strategie und Taktiken von Jihadisten: aktuelle Entwicklungen

Aktuelle Entwicklungen von Strategie und Taktiken von Jihadisten sind das Thema eines Artikels von mir, der Anfang April in der aktuellen Ausgabe der Sicherheitszeitschrift Protector&WIK (4/2016) erschienen ist. Hier einige Auszüge:

Paris war der endgültige Beweis, dass der Islamische Staat (IS) nun auch Europa ins Visier genommen hat. Die Anschläge waren von Sicherheitsbehörden und Beobachtern seit Monaten erwartet worden. Denn die Terror-Strategie der Jihadisten ist kein Geheimnis. Formuliert wurde diese Strategie bereits 2005 von einem der wichtigsten jihadistischen Vordenker überhaupt: Abu Musab Al-Suri.

Seine Gedanken zur Strategie des Jihadismus hat Al-Suri in seinem 2005 erschienenen Werk „Aufruf zum globalen islamischen Widerstand“ dargelegt. In seinem Buch propagiert Al-Suri zweierlei: Erstens eine Strategie des dezentralen oder führerlosen Jihad. Schließlich enthält die Schrift konkrete Anweisungen für die Durchführung von Terroranschlägen. Dabei spricht sich Al-Suri in aller Deutlichkeit für Massenmorde aus: Anschläge sollten möglichst viele Menschen töten; das vorrangige Ziel seien daher jene Orte, an denen sich möglichst viele Menschen versammelten: Sportveranstaltungen, Konzerthallen, Restaurants, Märkte, Hochhäuser, grundsätzlich jedes öffentliche Gebäude.

Mit seinem Vorgehen folgt der IS exakt der Doktrin Al-Suris. Die Anschläge von Paris und Brüssel waren Massenmorde ganz im Sinne des Jihad-Strategen. Den Weisungen Al-Suris entsprechend richteten sich die Anschläge allesamt gegen weiche Ziele, um möglichst hohe Opferzahlen zu garantieren.

Dabei stellen die Anschläge von Paris und Brüssel nicht nur in strategischer Hinsicht einen Meilenstein dar. Sie sind auch in taktischer Hinsicht bemerkenswert – und signalisieren einen neuen Trend im jihadistischen Terrorismus. Neu ist der Einsatz unabhängig operierender Hit-Teams, das Vorgehen gegen mehrere weiche Ziele unterschiedlicher Natur sowie der kombinierte Einsatz von Schusswaffen, Bomben und Sprengstoffgürteln.

Weiterlesen? Laden Sie den vollständigen Artikel hier herunter. Oder bestellen Sie die aktuelle Ausgabe auf sicherheit.info.

Interview: Terror in Brüssel

Nach Paris jetzt Brüssel: Erneut haben sich Terroranschläge in Westeuropa innerhalb weniger Monate gegen Zivilisten gerichtet. Das Ziel der Terroristen bei den Anschlägen am 22.03.2016 auf den Flughafen und die Metro von Brüssel: Massenmord durch Angriff sogenannter weicher Ziele. Über die Folgen dieser Strategie und die damit verbundenen Herausforderungen und Probleme für die Sicherheitsbehörden Europas bei der Aufklärung jihadistischer Strukturen spreche ich im Interview mit Wirtschaftswoche Online. Eine weitere Erkenntnis: Auch in Deutschland ist jederzeit mit ähnlichen Anschlägen zu rechnen.

Interview: Die Anschläge von Paris und die Folgen für Europa

Die Anschläge von Paris am 13.11.2015 haben die Welt erschüttert – und stellen eine neue Dimension des Terrors in Europa dar. In einem ausführlichen Interview mit Wirtschaftswoche Online diskutiere ich mit Niklas Dummer unter Anderem die Fragen, ob die französischen Sicherheitsbehörden versagt haben; inwieweit Deutschland und seine Behörden auf die  Abwehr von Terroranschlägen vorbereitet sind; und ob Flüchtlinge aus Syrien eine Gefahr für die innere Sicherheit Deutschlands darstellen.

Fazit: Ungemütliche Zeiten stehen bevor.

Update 24.11.2015: Aus Anlass der Absage des Fussballländerspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden am 17.11.2015 erkläre ich im Gespräch mit Focus Online, wie man sich im Falle eines Bombenanschlags verhalten sollte. Diese Tipps hatte ich zum Teil bereits in einem Text für Focus Online im Juli 2014 dargelegt.

Interviews: IS, Entführungen, Terrorgefahr in Deutschland

Der Terror der Jihadisten, allen voran des Islamische Staates (IS) alias ISIS, versetzen weiterhin die Welt in Aufruhr. Die zahlreichen Enthauptungen von Geiseln durch den IS haben das Thema nun endgültig in den Brennpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Im Rahmen der Sendung „Lukrative Propagandaschlacht“ im Deutschlandfunk sprach ich am 16.02.2015 mit Bettina Rühl über die Hintergründe und Zusammenhänge von „Entführungsindustrie“ und Sicherheitsbranche sowie die Verbindung von Terrorismus und Kriminalität in Nordafrika: Weiterlesen

Ganz gewöhnliche Kriminelle? – Was Jihadisten antreibt

Edwin Dyers Leben endete am 31. Mai 2009 abends um halb sieben. Am Ende eines weiteren glühend heißen Tages in der Wüste Nordmalis nahm sein Henker eine Klinge in die Hand und trennte Dyers Kopf ab – vor den Augen dreier weiterer Geiseln. Der Tod beendete Dyers rund drei Monate währende Gefangenschaft als Geisel von »Al-Qaida im Islamischen Maghreb« (AQIM). Dyer musste sterben, weil er Brite war: London hatte sich geweigert, ein Lösegeld für seine Freilassung zu zahlen. Die Mitgefangenen hingegen, Deutsche und Schweizer, kamen frei: Die Regierungen beider Länder, so heißt es, hatten gemeinsam rund acht Millionen Euro Lösegeld gezahlt.

Die Entführer von AQIM hatten im Vorfeld die Freilassung des jordanischen Jihad-Ideologen Abu Qatada gefordert, der zu jener Zeit in Großbritannien im Gefängnis saß. Der Tauschhandel kam nicht zustande. Aber damit hatten die Entführer wohl auch nicht gerechnet. Die Forderung nach Abu Qatadas Freilassung wirkte wie ein dürftig kaschierter Vorwand, um ihre eigentlichen Interessen zu verschleiern: Profit.

Edwin Dyer kam ihnen da gerade recht: Der Brite war Verhandlungsmasse, seine Enthauptung erhöhte den Druck auf die Regierungen der übrigen Geiseln und half, die Summe der Lösegelder in die Höhe zu treiben. Nur als toter Mann hatte Dyer einen Nutzen für die Entführer – dafür gleich einen doppelten. Denn AQIM konnte so zweifach profitieren: sich der Welt gegenüber als aufrechte Jihadisten zu präsentieren – und Kapital aus einer ansonsten wertlosen Geisel zu schlagen.

Jihadisten haben mitnichten nur politische Ziele. Häufig geht es den Terroristen auch ums Geschäft. Der Profit ist oftmals heiliger als der Krieg, den die so genannten »Kämpfer auf dem Weg Gottes« führen. Und so lassen sich die Aktivitäten von Terroristen oftmals besser verstehen, wenn man sie aus einer geschäftlichen Perspektive betrachtet und nicht durch das Studium ihrer Propagandaschriften.

Entführungen sind dabei die aus ihrer Sicht optimale Schnittstelle zwischen Terrorismus und Kriminalität: Profit und Propaganda werden zugleich bedient. Diese spezielle Synthese beider Branchen wird gerne als »Gangster-Jihadismus« bezeichnet.

Für AQIM sind Entführungen bereits seit mehr als einem Jahrzehnt von entscheidender Bedeutung für die eigene Finanzierung. Das erste Kidnapping ereignete sich im Februar und März 2003. Damals entführte der AQIM-Vorläufer »Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf« (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat, GSPC) insgesamt 32 Touristen in der Sahara, die später gegen Lösegeld wieder freigelassen wurden. Eine deutsche Geisel starb während der Gefangenschaft an den Strapazen.

Seither hat allein AQIM mehr als 60 Ausländer entführt und dabei vermutlich rund 90 Millionen US-Dollar an Lösegeldern eingestrichen. Die algerische Regierung behauptete 2011 sogar, europäische Staaten hätten AQIM bis dahin etwa 150 Millionen Euro bezahlt – beinahe doppelt so viel. Seit 2008 jedenfalls sind Entführungen die entscheidende Säule der Finanzierung von AQIM.

Für dieses neue Modell der Terrorfinanzierung hat der Journalist Serge Daniel den Begriff »Entführungsindustrie« geprägt. Die funktioniert wie jede Industrie nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage: So waren nur fünf Prozent der Entführten Amerikaner – die USA (ebenso wie Großbritannien) zahlen keine Lösegelder. Stark vertreten hingegen sind einige kleinere Staaten: die Schweiz, Österreich und Spanien. Verlässlich sind diese Angaben naturgemäß nicht. Regierungen und Unternehmen halten Lösegeldzahlungen nach Möglichkeit geheim, um potentielle Nachahmer nicht zu ermutigen. Insofern ist eine hohe Dunkelziffer anzunehmen.

Ein afrikanisches Phänomen?

Die Verschmelzung von Terrorismus und Kriminalität ist indes kein Privileg von AQIM. Momentan macht vor allem der »Islamische Staat« (IS) im Irak und in Syrien durch mannigfaltige kriminelle Aktivitäten zur Finanzierung des eigenen Terrors von sich reden. Neben dem Verkauf von Antiquitäten, der Erpressung von Schutzgeldern und der Plünderung von Banken sind es auch bei IS die Entführungen, die einen großen Teil zum Einkommen beisteuern. Die Zahl der von den Terroristen entführten Personen liegt aktuell im dreistelligen Bereich.

Trotz dieser zahlreichen kriminellen Maßnahmen zur Finanzierung des Terrors wird der »Islamische Staat« noch immer vor allem als jihadistische Bewegung wahrgenommen. In der Tat spielt die Ideologie bei IS gewiss eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zugleich aber stellen seine kriminellen Aktivitäten die Tätigkeiten anderer Gruppen locker in den Schatten. Manche Beobachter halten daher auch IS für eine überwiegend kriminelle Organisation; doch fällt der Vorwurf seltener als bei afrikanischen Gruppen.

Geschmuggelt werden Drogen, Waffen, Elfenbein und Menschen

Denn gerade auf dem afrikanischen Kontinent gibt es Verbindungen, die sich zwar als Jihad-Organisationen bezeichnen, deren Aktivitäten aber zu einem großen Teil krimineller Natur sind. Dazu gehören vor allem Boko Haram in Westafrika und Al Shabaab in Ostafrika – die beide wiederum den Kontakt zu AQIM pflegen.

Die Nordafrika-Filiale des globalen Terrornetzwerks Al-Qaida ist – zusammen mit ihren Vorgängergruppen – die Keimzelle des Jihadismus in Afrika. AQIM ist neben dem Geschäft mit Entführungen vor allem im Schmuggel aktiv: Waffen, Zigaretten und in wachsendem Maße Kokain. Wie hoch die Gewinne in diesem Bereich tatsächlich sind, ist unklar. Auch hier existieren keine belastbaren Zahlen. Doch nach Schätzungen auf der Basis von Hochrechnungen beschlagnahmter Drogenfunde könnten die Gewinne mehrere Millionen Euro pro Jahr betragen – bis hin zu 100 Millionen Euro.

Al-Shabaab wiederum finanziert sich hauptsächlich über den Schmuggel und die Kontrolle von Handelsrouten in und durch Ostafrika, inklusive der großen Häfen von Mombasa in Kenia und Daressalam in Tansania. Dazu gehört der Schmuggel von Menschen, Drogen, Waffen und Elfenbein. Hinzu kommt die Erpressung von Schutzgeldern.

Bei Boko Haram in Nigeria lässt sich kaum von einer jihadistischen Organisation sprechen. Hier kommt das Geschäft vor politischen Zielen. Die Gruppe finanziert sich über eine Vielzahl von Quellen: Boko Haram dominiert den Drogenhandel in der Region und kontrolliert die meisten Schmuggelrouten in Westafrika. Hinzu kommen Plünderungen von Siedlungen und Dörfern sowie Entführungen.

Warum aber sind Jihad-Gruppen in Afrika so stark in kriminelle Aktivitäten verstrickt? Einige Beobachter halten afrikanische Jihadisten per se für weniger ideologisch als zum Beispiel arabische Kämpfer. Andere weisen auf die wirtschaftlichen Zwänge hin: AQIM, Al-Shabaab und Boko Haram sind weitgehend Selbstversorger – sie profitieren nur marginal von den Spenden reicher Finanziers in den Golfstaaten.

Jihadisten, Kriminelle – oder »Gangster-Jihadisten«?

Sind die Entführer und Mörder von Edwin Dyer nun Jihadisten, die kriminell geworden sind? Oder handelt es sich bei den AQIM-Männern eher um Kriminelle, die sich hin und wieder als Terroristen betätigen? Wohl beides ist wahr und die Übergänge sind fließend. Fakt ist, dass beide Branchen, der Terrorismus und die Kriminalität, eine sich gegenseitig befruchtende Koexistenz führen: »symbiotischen Terrorismus« nennen das Forscher.

In vielen Fällen ist die Jihad-Rhetorik nur die Tünche, die die kriminellen Aktivitäten notdürftig überdecken und dem eigenen Tun einen ehrbaren Anstrich geben soll: »Wer nur Lösegelder fordert, gilt ›nur‹ als Entführer – wer zusätzlich die Freilassung islamistischer Genossen fordert, zusätzlich als Jihadist«, schreibt der Journalist Marc Engelhard treffend in seinem Buch »Heiliger Krieg oder heiliger Profit. Afrika als neues Schlachtfeld des internationalen Terrorismus«.

So wie die Kriminalität den Terror finanziert, so nützt auch der Terrorismus dem Geschäft: Mit einem wohlplatzierten Anschlag setzen Jihadisten ganze Regionen unter Druck, säen Furcht und demonstrieren die Unfähigkeit der betroffenen Staaten, die Sicherheit ihrer Bürger zu garantieren. Der Terror erhält rechtsfreie Räume, wo Regierungen zu schwach sind, um sich durchzusetzen, mit dem Ziel, den eigenen illegalen Aktivitäten ungestört weiter nachgehen zu können. Er dient somit handfesten wirtschaftlichen Interessen.

Von Jihadisten und Pseudo-Jihadisten

Hinzu kommt, dass in der Praxis Ideologen reinen Wassers selten sind; viele Jihadisten treiben höchst weltliche Motive. So ist nicht jeder, der nominell einer solchen Gruppe angehört, zwangsläufig ein Hardcore-Jihadist. In manchen Regionen bleibt jungen Männern manchmal keine andere Möglichkeit, als sich jihadistischen Gruppen anzuschließen, um Geld verdienen und die Familie ernähren zu können. Im Norden Malis beispielsweise sind AQIM und affiliierte Gruppen in vielen Gebieten die einzig verbliebenen Arbeitgeber.

Nichtsdestotrotz scheint die Neigung zum Kriminellen vor allem eine Sache untergeordneter Kommandeure und lokaler Warlords zu sein, die sich den Jihadisten vorrangig aus geschäftlichem Kalkül anschließen. So verlaufen die Trennlinien zwischen Jihadismus und Kriminalität mitunter mitten durch die Gruppen und Netzwerke selbst: Gruppen wie AQIM oder Al-Shabaab verfügen durchaus über einen ideologischen Kern an geschulten und in erster Linie ideologisch motivierten Jihadisten.

Doch zu den Rändern hin fransen diese Gruppen aus: Die Ideologie und die politischen Ziele des Kernpersonals werden verwässert durch die Motive der Sympathisanten und Geschäftspartner im weiteren Umfeld – häufig genug ist die Motivation eine kriminelle. Entführungen beispielsweise werden meist von Subunternehmern durchgeführt, oftmals lokalen, rein kriminellen Banden.

AQIMs interne Bruchlinien

Im Fall von AQIM verlaufen diese Bruchlinien zwischen Profit und Propaganda zwischen den Bataillonen in Nordafrika und denen in der Sahara und der Sahelzone: Der alte Kern der Gruppe, die Führungsriege um Anführer Abdelmalik Droukdal, hat sich im Norden Algeriens, in der Kabylei, verschanzt. Sie ist seit Jahren nur noch eingeschränkt handlungsfähig. Diese Männer sind die ideologische Basis von AQIM.

Die Bataillone in der Sahara und der Sahelzone hingegen werden von Kommandeuren befehligt, die weniger als Ideologen von sich reden gemacht haben denn durch ihre Aktivitäten als gerissene Schmuggler und skrupellose Geschäftemacher. Die beiden bekanntesten sind die Algerier Mokhtar Belkmokhtar und Abdelhamid Abu Zaid.

Es ist Letzterer, der mit seinen Männern für die Entführung und Enthauptung von Edwin Dyer verantwortlich ist. Abu Zaid hat sich wohl auch deswegen AQIM angeschlossen, weil er die Jihadisten schon seit frühen Schmugglertagen kennt und von der Verbindung profitiert. Die Geiselnahmen sind für ihn wie für Belmokhtar ein lohnendes Geschäft.

Anführer Droukdal hat schon seit Längerem keinen Einfluss mehr auf die Bataillone im Süden: Belmokhtar und Abu Zaid tun, was sie wollen. Dabei folgen sie vor allem ihrer kriminellen Neigung. Diese Strategie hat AQIM schnell zu einer der reichsten Terrorgruppen der Welt gemacht. Doch der wirtschaftliche Erfolg hat auch seine Kehrseite: Die kriminellen Aktivitäten schwächen die Glaubwürdigkeit der Organisation. AQIM wird heute mehr als kriminelle Vereinigung denn als jihadistische Gruppe wahrgenommen.

Doch auch wenn in der Realität oftmals der Profit zählt – allein die Propaganda vermag es, den Jihadisten neue Rekruten zu bescheren. Für vermeintlich hehre Ziele wie den Jihad lassen sich leichter Mitstreiter gewinnen als für den Zigarettenschmuggel. Gerade brutale Videos von Enthauptungen wie der von Edwin Dyer sorgen immer wieder für frisches Personal.

 

Dieser Text erschien zuerst in Zenith, Ausgabe 05/2014. Sie können das Jihad-Dossier hier herunterladen. Besser noch: Bestellen Sie die gesamte Print-Ausgabe.