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Interview: Massenmord in Orlando

Der Attentäter suchte sich gezielt Homosexuelle als Ziel aus: Der Anschlag auf einen Nachtclub in Orlando/Florida am 11. Juni 2016 war ein Massenmord mit der höchsten Zahl an  Toten in den USA seit dem 11. September 2001. Doch auch zwei Tage nach dem Massaker  sind nur wenige Fakten tatsächlich gesichert. War es eine vom Islamischen Staat (IS) gesteuerte Tat oder ein Hassverbrechen eines homophoben, psychotischen Einzeltäters?

Im Studiogespräch mit N24 diskutierte ich als Studiogast am 13.06.2016 mögliche Motivationen des Attentäters und Hintergründe des Anschlags.

Die Bezüge zum IS sind nach wie vor nebulös. Viel spricht für ein Hassverbrechen eines vom IS inspirierten Einzeltäters.

Inspire #9: Jihad im Fernstudium

Für das im Dezember 2013 erschienene Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2013 habe ich die neunte Ausgabe von Inspire rezensiert, des Propaganda-Magazins von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH). Den Text habe ich bereits im Mai 2013 verfasst. Zwischenzeitlich sind zwei weitere Ausgaben erschienen. Die neunte Ausgabe ist jedoch nach wie vor interessant, weil sie eine Zäsur in der Geschichte von Inspire markiert.

Inspire #9

Jihadistische Magazine erscheinen heute in einer Vielzahl von Sprachen und Formaten. Aus der Masse der Publikationen sticht jedoch ein englischsprachiges Online-Magazin hervor: Inspire zielt als erste Jihad-Publikation vorrangig darauf ab, Weiterlesen

Nach Boston: Warum wir eine neue Haltung im Umgang mit dem Terror brauchen

Die Bomben von Boston haben gezeigt, dass es keinen Sieg über den Terror gibt. Anschläge lassen sich nicht gänzlich verhindern. Wir können dem Terror daher nur mit Haltung begegnen. Mit bemerkenswerter Schnelligkeit haben die amerikanischen Sicherheitsbehörden den Anschlag von Boston aufgeklärt. Die USA feiern den Fahndungserfolg als Sieg über den Terror. Doch tatsächlich kann von einem Erfolg nicht die Rede sein. Vielmehr markiert Boston eine klare Niederlage der USA in diesem Kampf. In der Logik des Terrors bestimmt die Reaktion der Betroffenen den Erfolg eines Anschlags: Je besonnener die Reaktion, desto geringer die weltweite Aufmerksamkeit; je stärker diese ist, desto größer die Wahrnehmung. Terroristen setzen Gewalt ein, um ihrer Botschaft Gehör zu verschaffen. Auch Menschen sollen dabei sterben, möglichst viele sogar. Doch diese Morde dienen stets dem Zweck, ein Maximum an Aufmerksamkeit für die eigene Sache zu erzeugen. Und das haben die beiden Attentäter von Boston erreicht. Ihre größten Helfer dabei: die Sicherheitsbehörden und die Medien der USA. Erst die hysterische Reaktion beider hat den Anschlag von Boston zu einem Triumph für die Terroristen gemacht.

Wertvollster Schützenhelfer der Terroristen im Kampf um die weltweite Aufmerksamkeit waren die Medien

Die Behörden riegelten während der Fahndung die Stadt inklusive vieler Vororte komplett ab. Über viele Stunden hinweg blieben Geschäfte geschlossen, Busse und Bahnen standen still. Die Menschen wurden aufgefordert, zuhause zu bleiben. Ein Täter wurde im Verlauf der Suche erschossen, der zweite konnte 102 Stunden nach dem Anschlag verhaftet werden. Der Preis für diesen Stillstand: rund 300 Millionen US-Dollar. Fataler als der wirtschaftliche Schaden ist jedoch das Signal an potentielle Nachahmer: Ein 19-jähriger Amateur-Terrorist kann im Alleingang eine amerikanische Metropole über Stunden hinweg lahmlegen. Wertvollster Schützenhelfer der Terroristen im Kampf um die weltweite Aufmerksamkeit waren jedoch die Medien. Sie überboten sich im Minutentakt mit neuen Details zum Verlauf der Ermittlungen – die meisten davon Spekulationen und Falschmeldungen. Der Anschlag von Boston war der erste seit 12 Jahren auf amerikanischem Boden. Drei Menschen starben, mehr als 260 wurden verletzt. Jeder Einzelne ist ein Opfer zuviel, gewiss. Doch die hysterische Reaktion von Behörden und Medien zeigt, dass die USA die Dimension der Bedrohung durch den Terror aus den Augen verloren haben. Denn während die Welt gebannt den Fortgang der Fahndung in Boston verfolgte, explodierte in Texas eine Düngemittel-Fabrik. Die Detonation forderte 14 Todesopfer und verletzte mehr als 200 Menschen. Trotz der höheren Zahl an Todesopfern rutschte dieses Ereignis bald auf die hinteren Spalten der Zeitungen – Boston dominierte die Berichterstattung.

Die amerikanische Art des Umgangs mit dem Terror hat den Blick auf die Realität verzerrt

Aber warum bekommt ein Terroranschlag im Westen so viel Aufmerksamkeit, beinahe unabhängig von der Zahl der Toten und Verletzten? Verantwortlich dafür ist unsere Fantasie: Sie neigt dazu, im Untergrund operierenden Terrorgruppen mehr Macht zuzuschreiben, als sie tatsächlich haben. Wir überschätzen für gewöhnlich die Gefahr durch den Terrorismus. Anschläge kommen vergleichsweise selten vor, erregen dabei aber stets überproportional viel Aufmerksamkeit. Die abstrakte Bedrohung durch den Terror erschreckt uns mehr als die reale Gefahr, jeden Tag durch einen Verkehrsunfall ums Leben kommen zu können. Der Anschlag von Boston hat den USA die Angst zurückgebracht. Die amerikanische Art des Umgangs mit dem Terror, die Besessenheit von der Sicherheit, hat den Blick auf die Realität verzerrt und lässt die Gefahr durch den Terror größer erscheinen als sie tatsächlich ist. Statt Sicherheit zu schaffen, haben die USA die Angst vor dem Terror in den Köpfen der Menschen zementiert. Der Anschlag von Boston hat auch gezeigt, dass der Terror nie komplett zu eliminieren sein wird. Wir müssen daher zu einer neuen Haltung finden, wie wir mit der Bedrohung umgehen: zu einer Moral des Starkseins, die sich der Angst verweigert, die der Terror uns aufzwingen will. Es ist ein Kampf um unsere Köpfe. Sobald die Terroristen unser Denken beherrschen, haben sie gewonnen. Wir sollten ihnen weniger Aufmerksamkeit schenken. Sie haben sie nicht verdient. Florian Peil

P.S. Dieser Text ist am 03.05.2013 zuerst auf www.zenithonline.de erschienen.