In Nordafrika gärt es. Viele Menschen in Algerien, Marokko und Tunesien sind von einer tiefen, verzweifelten Wut erfüllt. Diese Wut bleibt häufig still, nur vereinzelt bricht sie sich Bahn. Dann kommt es zu Unruhen, zu Demonstrationen und zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. 

Die Quelle für diese Wut nennt sich „Hogra“ (الحقرة). Das Wort stammt aus dem Algerisch-Arabischen. Es ist ein Wort, für das es keine adäquate Übersetzung in andere Sprachen gibt, ja geben kann, so die Ansicht von Soziologen und anderer Forscher aus dem Maghreb. Denn das Phänomen Hogra ist zutiefst mit den gesellschaftlichen Realitäten und dem Alltag in Nordafrika verwoben.

Hogra ist das Gefühl von Demütigung

Der Begriff Hogra beschreibt das Gefühl der willkürlichen Demütigung und Erniedrigung durch oft korrupte Staatsvertreter, insbesondere der Polizei. Hogra, das ist das Gefühl, der eigenen Menschenwürde beraubt zu werden; das Gefühl permanenter Unterdrückung, Verachtung und Ohnmacht. Hogra beschreibt den Machtmissbrauch eines korrupten Staatsapparates und einer moralisch verwahrlosten Elite, das bewusste Versagen von Respekt, die Arroganz und Verachtung gegenüber den Menschen des eigenen Landes. 

Hogra, das ist der Beamte, der ohne erkennbaren Grund die Herausgabe einer Kopie der eigenen Geburtsurkunde verweigert. Die Ablehnung von ärztlicher Behandlung aufgrund von Armut – Hogra. Die willkürlichen Festnahmen von Minderjährigen auf der Straße, auch das ist Hogra. 

Und Hogra ist das, was Mohamed Bouazizi, ein Gemüsehändler im tunesischen Sidi Bouzid, gefühlt haben dürfte, als er sich in Reaktion auf die Konfiszierung seiner Waren im Dezember 2010 selbst in Brand steckte und damit den Arabischen Frühling auslöste.

Hogra und das Risiko politischer Instabilität

Hogra ist ein fester Bestandteil von Gesellschaft und Politik in Algerien, Marokko und Tunesien. Das Phänomen macht deutlich, welche Kluft in den drei Ländern zwischen den herrschenden Eliten und den staatlichen Institutionen einerseits und der Bevölkerung andererseits existiert. Hogra ist das Bindeglied, das weite Teile der Bevölkerung zusammenschweißt. Es betrifft Alt und Jung, Männer und Frauen gleichermaßen.

Das Ausmaß und die Intensität von Hogra ist ein Indikator für die künftige politische Stabilität von Algerien, Marokko und Tunesien. Denn Hogra unterminiert fortlaufend deren Stabilität. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit künftiger Auseinandersetzungen zwischen Staat und Bevölkerung. In der Folge steigt das Risiko politischer Instabilität.

Hogra heißt (noch) nicht Aufstand

Aber: Die Existenz von Hogra allein sorgt noch nicht für einen Aufstand. Es gibt zwar immer wieder Unruhen, doch diese haben bislang nicht das Potenzial und die Wucht, um die bestehenden Verhältnisse zu verändern. 

Eine Ausweitung ist gegenwärtig unwahrscheinlich. Dafür ist die Wut (noch) nicht groß genug, die Repression durch die Polizei zu massiv. Ein weiterer Grund ist die Heterogenität der Bevölkerung. Auch wenn Hogra ein Teil der Gesellschaft ist, ist der Graben zum Beispiel zwischen gebildeter Stadtbevölkerung und armer Landbevölkerung zu breit, sind die Gemeinsamkeiten zu gering.

Algerien: Unruhen hinter der Fassade

Doch es brodelt. Am stärksten ist das in Algerien der Fall. Nahezu täglich kommt es zu Protesten und Demonstrationen. Doch nur sehr vereinzelt schaffen es diese Ereignisse in die europäischen Medien jenseits von Frankreich. Im Internet gibt es Hunderte von Videos aus Nordafrika, in denen Menschen aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen mit Hogra berichten, die meisten davon stammen aus Algerien. Hier werden die Proteste am brutalsten unterdrückt, die Fassade jedoch zeichnet ein Bild der Stabilität.

Marokko: Relative Stabilität trotz Unzufriedenheit

Auch in Marokko ist Hogra allgegenwärtig. Für die größten Unruhen sorgte bislang der grausame Tod eines Fischhändlers im Oktober 2016. Mouhcine Fikri war zu Tode gekommen, als er versuchte, die Beschlagnahmung und Zerstörung seiner Ware durch Polizisten zu verhindern. Dabei geriet er in eine Müllpresse, die ihn zerquetschte. Der Fall Fikri löste landesweite Demonstrationen aus.

Doch Marokko ist bislang vergleichsweise geschickt mit der Unzufriedenheit seiner Bevölkerung umgegangen. Das Land ist eines der wenigen in der Region, in dem noch weitgehend sichere Verhältnisse herrschen. Die Einleitung vorsichtiger politischer Reformen löst zwar nicht die drängendsten Probleme, sie werden von der Mehrzahl der Menschen aber als Schritt in die richtige Richtung wahrgenommen. Die Marokkaner wollen diese Errungenschaften nicht aufs Spiel setzen.

Tunesien: Erfolgsgeschichte vs. Selbstverbrennungen

Auch in Tunesien ist die Unzufriedenheit groß. Die letzten heftigen Proteste hat es im Januar 2018 gegeben. Das Land gilt in Europa zwar als einzige Erfolgsgeschichte des Arabischen Frühlings, doch dies ist mehr Wunschdenken als Wirklichkeit. Hinter der Fassade des Erfolgs verbirgt sich eine eine denkbar schlechte soziale und wirtschaftliche Situation des Landes. Seit Ende 2015 gilt der Ausnahmezustand.

Immer wieder kommt es zu Selbstverbrennungen von Menschen, die zutiefst frustriert sind und auf diese Weise gegen Hogra protestieren. In Tunesien hat sich die Zahl der Selbstverbrennungen seit 2011 verdreifacht. Allein im Jahre 2016 haben sich in dem Land mit elf Millionen Einwohnern 104 Menschen selbst in Brand gesteckt – so jedenfalls lauten die Angaben des auf Verbrennungen spezialisierten Krankenhauses in Ben Arous, einem Vorort von Tunis.

Fazit

Das Phänomen Hogra ist in Algerien, Marokko und Tunesien allgegenwärtig. Diese besondere Form der Demütigung und Erniedrigung der Bevölkerung durch korrupte Staatsvertreter, die ihre Macht missbrauchen, ist fester Bestandteil der gesellschaftlichen Realität in Nordafrika. 

Das Ausmaß und die Intensität von Hogra ist ein Indikator für die künftige politische Stabilität von Algerien, Marokko und Tunesien. 

Der Druck wächst in Nordafrika, aber Hogra allein macht noch keinen Aufstand. Eine Ausweitung ist gegenwärtig nicht wahrscheinlich. Doch Hogra unterminiert zunehmend die Stabilität der Länder. In der Folge steigt das Risiko politischer Instabilität.

 

Foto: Raphael Thelen / Flickr

ist Sicherheitsberater mit dem Schwerpunkt Nahost und Nordafrika. Der studierte Islamwissenschaftler war von 2006 bis 2011 Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde im Bereich der Terrorismusbekämpfung. Seit 2012 ist der Autor des Buches „Terrorismus – wie wir uns schützen können“  als Sicherheitsberater für Unternehmen und Hilfsorganisationen tätig.

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