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Die Bundesrepublik Deutschland engagiert sich zunehmend in den Ländern Nord- und Westafrikas. Das langfristige Ziel: die instabile Region wieder zu stabilisieren. Denn die Stabilität jener Länder hat auch direkte Auswirkungen auf die Sicherheit Europas und der Bundesrepublik Deutschland.

Zahlreiche Initiativen der Bundesregierung, der Einsatz der Bundeswehr in Mali und ein Zuwachs an Investitionen deutscher Unternehmen in der Region machen deutlich, dass der Kontinent für deutsche Außen- und Sicherheitspolitik immer wichtiger wird.

In der 17. Episode des KNS-Podcasts spreche ich mit meinen Kollegen Malte Roschinski und Yan St-Pierre über die Situation und die Sicherheitslage in Nord- und Westafrika und die außen- und sicherheitspolitischen Implikationen für Europa. Konkret geht es um die Länder Ägypten, Libyen, Tunesien sowie Mali inklusive der gesamten Sahel-Region.

Warnung vorab: Dieser Podcast ist mit fast 43 Minuten etwa doppelt so lang wie unsere sonstigen Episoden. Das Thema ist allerdings zu komplex, um es in lediglich 25 Minuten zu behandeln. 

Nordafrika und Sahel: eine Epidemie an Bedrohungen

Die Länder Nord- und Westafrikas bilden zusammen einen Lebens- und Wirtschaftsraum, in dem nationalstaatliche Grenzen nur eingeschränkt gelten. Vielerorts sind andere Grenzen wichtig, so zum Beispiel jene zwischen unterschiedlichen Ethnien oder Stämmen. Entlang dieser ethnischen und tribalen Linien verlaufen meist auch die unzähligen und vielschichtigen Konflikte in der Region, teils überlagert von nationalen Interessen. Insgesamt ist die Situation vor Ort hoch volatil, die Dynamiken komplex.

Die Konflikte und fehlende staatliche Ordnungsmaßnahmen haben auch zu einer Ausbreitung bewaffneter Konflikte, sozialer Unruhen, Kriminalität und Terrorismus geführt. Diese Epidemie an Bedrohungen wiederum führt zu einer fortgesetzten Destabilisierung der Region. Kombiniert mit einem wachsenden demographischen Druck deutet dies perspektivisch in Richtung einer verstärkten Migration aus Afrika nach Europa. 

Deutschland und Afrika: wachsendes Engagement, kaum Erfolge

Auch Deutschland engagiert sich in wachsendem Maße in der Nord- und Westafrika. Dazu gehören „Compact with Africa“, die neue „Sahel-Initiative“ und der Bundeswehr-Einsatz in Mali. Die Bundesrepublik konkurriert damit mit zahlreichen anderen Sicherheitsinitiativen in der Region. Allen gemeinsam ist, dass sie weitgehend erfolglos geblieben sind. Das liegt auch den komplexen Konfliktlinien in der Region: Mit europäischen Denkmustern und Erklärungsansätzen sind diese nicht zu greifen.

In der Diskussion überwiegt eine kritische Sicht auf die Aktivitäten Deutschlands in Nord- und Westafrika. Wir sind uns zwar einig, dass die Bundesrepublik international endlich mehr Verantwortung übernehmen muss, so wie es auch von Bündnispartnern berechtigterweise erwartet wird. Deutschlands weitgehend passive Sicherheitspolitik ist nicht mehr zeitgemäß. 

So fehlt vor allem an Mut, offen zu den eigenen wirtschaftlichen und strategischen Interessen zu stehen; Mut, endlich international Verantwortung und damit auch unangenehme (militärische) Aufgaben zu übernehmen. Leider ist in Deutschland strategisches außen- und sicherheitspolitisches Denken und entsprechende Kultur noch immer stark unterentwickelt. Eine klare Strategie für die Region Nord- und Westafrika ist bislang allenfalls in Umrissen zu erkennen.

 

Den Podcast finden Sie unter anderem auf SoundCloud und bei iTunes.

Wir freuen uns über Fragen und Kommentare via Twitter an @KNSBerlin.

Zu dem Anschlag von Taba am 16. Februar hat sich Ansar Bait al-Maqdis (Unterstützer Jerusalems) bekannt. Dabei handelt es sich um Ägyptens derzeit gefährlichste Terrorgruppe. Der Anschlag zeigt, dass die Jihadisten jetzt auch Touristen ins Visier genommen haben.

Das Auswärtige Amt hat in Reaktion auf den Anschlag eine Teilreisewarnung für Ägypten ausgesprochen und rät derzeit von Reisen auf den Sinai ab. Die ägyptischen Sicherheitsbehörden haben ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärft.

Der Anschlag von Taba sei Teil des „ökonomischen Krieges gegen das verräterische Lakaien-Regime“ Ägyptens, ließ die Gruppe in einer Botschaft am 17. Februar verlauten. Die Attacke sei eine Reaktion auf die wiederholten Angriffe der ägyptischen Armee. Bei deren gegen Jihadisten gerichtete Operationen im Norden des Sinai waren auch Zivilisten gestorben, Häuser und Landwirtschaft zerstört worden.

Seit dem Sturz des früheren ägyptischen Ministerpräsidenten Mohammed Mursi am 3. Juli 2013 sind allein auf der Sinai-Halbinsel mehr als 300 Anschläge verübt worden. Die meisten davon waren gegen Armee, Polizei und Geheimdienst gerichtet. Ansar Baut al-Maqdis hat für einen Großteil dieser Anschläge die Verantwortung übernommen.

Besonders spektakulär war eine Operation am 26. Januar 2014, als es Kämpfern von ABM im Nord-Sinai gelang, einen Hubschrauber der ägyptischen Armee mittels einer schultergestützten Luft-Boden-Rakete abzuschiessen. Dabei kamen fünf Soldaten ums Leben.

Ägyptens gefährlichste Terrorgruppe

Dieser Anschlag zeigt, dass sich die Gruppe seit ihrer Gründung im Jahr 2011 zügig professionalisiert hat und zu Ägyptens gefährlichster Terrorgruppe aufgestiegen ist. Die zunehmende Frequenz und Professionalisierung der Anschläge spricht dafür, dass ABM über einige sehr erfahrene Kämpfer verfügt. Die Existenz von Luft-Boden-Raketen auf dem Sinai bedeutet auch eine Gefahr für den zivilen Luftverkehr in der Region.

Waren die Aktivitäten von ABM anfangs auf den Norden der Sinai-Halbinsel beschränkt, so hat die Gruppe ihren Aktionsradius inzwischen auf das ägyptische Niltal und das Delta ausgeweitet. Und auch die Taktik hat sich geändert: Verübte ABM anfangs vor allem Bombenanschläge, so setzt die Terrorgruppe inzwischen verstärkt auf Selbstmordattentäter.

Die Basis von ABM liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit im Norden der Sinai-Halbinsel, nahe der Ortschaft Scheich Zuweid. Ein Großteil der Waffen stammt wohl aus Libyen, ein weiterer Teil aus dem Sudan.

Über Organisation, Führungspersonal und Innenleben von ABM ist kaum etwas bekannt. So ist unklar, wie viele Mitglieder die Gruppe hat und was diese für einen sozialen Hintergrund haben. Wir wissen ebenfalls nicht mit Sicherheit, wer die Anführer von ABM sind. Auch über die Finanzierung der Gruppe ist nichts bekannt.

Einen Großteil der Mitglieder von ABM dürften Angehörige der lokalen Beduinen-Stämme stellen: der Suwarka im Norden und der Tiyaha aus dem Zentralsinai. Hinzu kommen Ägypter aus dem Niltal und dem Delta, Palästinenser aus dem Gaza-Streifen sowie Jihadisten aus anderen arabischen Ländern.

Die zunehmende Frequenz an Anschlägen weist darauf hin, dass die Zahl der Mitglieder seit der Gründung deutlich gewachsen ist. Einige Quellen sprechen von 700 bis 1000 Mitgliedern. Vermutlich erhält ABM vermehren Zulauf von Jihadisten anderer auf dem Sinai aktiver Gruppen – Erfolg wirkt anziehend und dürfte bei ABM für frisches Personal sorgen. Auch die wachsende Zahl von Selbstmordattentäter spricht für einen größeren Personal-Pool.

Die ungewisse Nähe zu Al-Qaida

Bislang ist nicht bekannt geworden, dass ABM gegenüber Al-Qaida den Treueid geleistet hat. Auch der Führer der Al-Qaida-Zentrale, Aiman al-Zawahiri, hat sich dazu nicht geäußert.

Dessen ungeachtet gibt es eine Reihe von Verbindungen, die darauf hinweisen, dass ABM Al-Qaida nahe steht: ideologisch, personell, infrastrukturell.

So verfolgt die Gruppe die gleiche Agenda wie Al-Qaida, angepasst an die lokalen Verhältnisse: So hat ABM in ihren Verlautbarungen wiederholt erklärt, die Muslime von der „Versklavung durch unterdrückerische, abtrünnige Regime“ zu befreien und ihnen, neben der Einführung der Scharia, „Gerechtigkeit, Würde und Freiheit“ bringen zu wollen. Der Kampf von ABM richte sich gegen „Kreuzfahrer und Zionisten“. Dabei sei es obligatorisch, die ägyptische Armee von der Sinai-Halbinsel zu vertreiben.

Die Nähe zu Al-Qaida wird auch in den Videos von ABM deutlich, in denen häufig prominente (verstorbene) Al-Qaida-Kader wie Usama Bin Ladin oder Abu Yahya Al-Libi zu sehen sind. ABM verwendet zudem die ebenfalls von Al-Qaida und ihren Filialen verwendete Flagge. Auch Al-Qaida-Chef Zawahiri hat in seinen Verlautbarungen bereits mehrfach die Aktivitäten von ABM lobend hervorgehoben.

Jihad-Veteranen in den Reihen von ABM

Darüber hinaus finden sich einige Jihad-Veteranen mit engen Verbindungen zu Al-Qaida in den Reihen von ABM. Ein prominentes Beispiel ist Muhammad Jamal Al-Kashef. Der ägyptische Jihad-Veteran wurde bereits in den 1980er Jahren von Al-Qaida ausgebildet. Jamal ist international bestens vernetzt: Unter anderem pflegt er gute Beziehungen zu Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH) und der Filiale in Nordafrika, Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM). Die USA setzten Jamal und sein „Muhammad-Jamal-Netzwerk“ im Oktober 2013 auf ihre Terrorliste.

Bis zu seiner Verhaftung 2012 stand Jamal offenbar in direktem Kontakt mit Zawahiri: Auf einem bei der Verhaftung beschlagnahmten Laptop fanden sich Nachrichten an den Al-Qaida-Chef, denen zufolge Jamal Trainingscamps in Libyen und im Sinai eingerichtet habe. Weiterhin schrieb er, er habe „Gruppen für uns im Sinai“ gegründet. Jamal war auch der Kopf der so genannten „Nasr-City-Zelle“ in Kairo.

Berichten der ägyptischen Presse zufolge soll Jamal auch den Selbstmordattentäter des Anschlags auf den ägyptischen Innenminister im September 2013, Walid Badr, eigenhändig trainiert haben; dies allerdings in Trainingscamps in Libyen.

Eine Führungsrolle bei ABM soll laut der ägyptischen Presse Ahmad Salama Mabruk einnehmen. Mabruk hat eine ähnliche Vita wie Jamal: erst eine Führungsrolle bei Al-Jihad, lange Jahre Untergeber von Aiman al-Zawahiri und später von Bin Ladin. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis aufgrund eines Gnadengesuchs durch den damaligen Präsidenten Mohammed Moursi sympathisierte er zunächst mit der Gruppe Ansar al-Sharia in Ägypten, bevor er sich ABM anschloss.

Ebenfalls in einem Kontakt mit Walid Badr soll Nabil Al-Maghraby gestanden haben. Al-Maghraby ist ein Jihadist alter Schule: Er ass wegen Beteiligung des Anschlags auf den damaligen ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat 1981 im Gefängnis, bis auch er 2012 durch den Gnadenerlass Moursis frei gelassen wurde. Die ägyptischen Sicherheitsbehörden bezeichneten ihn als „Agent von Al-Qaida“, als sie ihn Ende Oktober 2013 erneut verhafteten.

Ist Ansar Bait al-Maqdis der verdeckte Arm von Al-Qaida in Ägypten?

Agiert Ansar Bait al-Maqdis nun als verdeckter Arm von Al-Qaida in Ägypten? Das ist möglich. Dafür sprechen die personellen Verflechtungen ebenso wie die Nutzung von Al-Qaidas Propagandakanälen und der Einsatz operativer Taktiken wie der Selbstmordanschläge. Mindestens aber lässt sich festhalten, dass ABM Al-Qaidas Agenda vertritt – und die Terrorgruppe das mit Wohlwollen betrachtet.

Für die von ägyptischen Behörden wiederholte Behauptung, bei ABM handele es sich um eine radikale Abspaltung der Muslimbruderschaft, existieren keine Beweise. Dabei dürfte es sich um einen Versuch des Militärregimes handeln, die Muslimbruderschaft weiter zu diskreditieren.

Vielleicht soll der Hinweis auch nur die Aufmerksamkeit von der Tatsache ablenken, dass die Sicherheitsbehörden des Landes damit überfordert sind, die Gruppe unter Kontrolle zu bekommen. Mit weiteren Anschlägen durch Ansar Bait al-Maqdis ist daher zu rechnen. Eine weitere Destabilisierung Ägyptens könnte die Folge sein.

 

Dieser Text erschien am 05.03.2014 in einer gekürzten Fassung zuerst auf Focus Online.

Wer sind die Jihadisten auf dem Sinai? Nachdem ich im ersten Teil Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel (AQSH) porträtiert habe, geht es heute um Ansar al-Jihad. Vorab: Die Gruppe existiert inzwischen vermutlich nicht mehr. Interessant sind jedoch die möglichen Verbindungen zu AQSH.

Am 20. Dezember 2011 gab die Gruppe Ansar al-Jihad fi Jazirat Sina‘ (Unterstützer des Jihad auf der Sinai-Halbinsel), kurz Ansar al-Jihad, ihre Gründung in einem Schreiben bekannt, die sie in dem islamistischen Internet-Forum Sinam al-Jihad veröffentlichte. Darin erklärte die Gruppe, den „Schwur“ des 2011 getöteten Al-Qaida-Führers Usama Bin Ladin erfüllen zu wollen und „das korrupte Regime [Ägyptens, FP] sowie seine Handlanger unter den Juden und den Amerikanern“ zu bekämpfen.

Die Ziele der Gruppe sind – Überraschung! – die Errichtung eines islamischen Emirats auf dem Sinai und die Einführung der Scharia.

SinaiAnsar al-Jihad soll mehrere Anschläge auf die von Ägypten nach Israel verlaufene Gas-Pipeline verübt haben, darunter einen im Februar 2012. Damals hatten die Attentäter nahe der Stadt El-Arish im Norden des Sinai die Pipeline mit Sprengsätze in die Luft gejagt. Für diesen einen Anschlag hat Ansar al-Jihad die Verantwortung übernommen. In ihrem Gründungsschreiben hatten Ansar al-Jihad auch die Angriffe auf Eilat vom August 2011 gepriesen, bei denen acht Israelis getötet und 31 weitere verletzt worden waren. Wer den Anschlag letztlich durchgeführt hat, ist nicht ungewiss; sowohl Ansar al-Jihad als auch die auf dem Sinai operierende Gruppe Ansar Bait al-Maqdis haben dafür die Verantwortung übernommen.

In einem weiteren Schreiben vom 23. Januar 2012 hat Ansar al-Jihad Al-Qaida-Führer Aiman al-Zawahiri den Treueid geschworen. Die Verlautbarung ist nicht namentlich unterschrieben.

Beziehung von Ansar al-Jihad und AQSH? Viele Theorien, nichts Konkretes

Ungeachtet dessen ist die Beziehung von Ansar al-Jihad zu AQSH ungeklärt. Für die einen sind beide Gruppen identisch, die hin und wieder eben unter unterschiedlichen Namen aufträten. Andere Beobachter wiederum sehen Ansar al-Jihad als „militärischen Arm“ von AQSH.

Belege gibt es für keine der beiden Thesen. In der arabischen Presse werden beide Behauptungen stets mit Zitaten namentlich nicht genannte „Offiziere“ der ägyptischen Polizei und der Nachrichtendienste sowie des Militärs zu untermauern versucht. Es stellt sich allerdings die Frage, wieso eine jihadistische Gruppe, die per definitionem militant ist, einen zusätzlichen militärischen Arm brauchen sollte. Dennoch: AQSH hat meines Wissen bis dato für keinen Anschlag die Verantwortung übernommen. Diese werden ihr von Dritten zugeschrieben. Das ist ein erheblicher Unterschied. Eine Verbindung von Ansar al-Jihad und AQSH ist daher nicht auszuschließen.

Eine dritte Variante ist die Theorie, dass „Al-Qaida“ (die Autoren äußern sich nicht dazu, wer das heute genau sein soll) auf dem Sinai unter dem Namen Ansar al-Jihad operiere – unter einem Decknamen gewissermaßen. Das würde zu Bin Ladins Überlegungen eines Rebrandings von Al-Qaida passen, das das ramponierte Image seines Terror-Netzwerks verbessern sollte.

Über Organisation, Führungspersonal und weitere Aktivitäten von Ansar al-Jihad ist nichts bekannt. Die Gruppe soll ihre Basis in den Bergen des Zentralsinai haben, in der Gegend um St. Katharina. Die Mitglieder sollen überwiegend Sinai-Beduinen sein, unter anderem vom Stamm der Tiyaha, die im zentralen Sinai ihr Stammesgebiet haben.

Seit 2012 ist es sehr ruhig geworden um Ansar al-Jihad: keine spektakulären Anschläge mehr, keine Verlautbarungen, kein Lebenszeichen. Vermutlich hat sich die Gruppe inzwischen still und heimlich aufgelöst, die Mitglieder sich anderen, potenteren Gruppen angeschlossen – wie zum Beispiel Ansar Bait al-Maqdis, der aktivsten und wohl gefährlichsten Jihadisten-Gruppe auf dem Sinai.

Diese behandle ich in einem der nächsten Posts.

Die politischen Umstürze in Ägypten seit dem Arabischen Frühling im Februar 2011 haben auch zu einer massiven Verschlechterung der Sicherheitslage im Land geführt. Besonders prekär ist die Lage auf der Sinai-Halbinsel: Wenigstens 15 salafistische Gruppen sollen laut dem israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet dort operieren; bei 13 davon handelt es sich um jihadistische Gruppen, die sich zum Teil auf Al-Qaida beziehen. Damit ist im Herzen der Arabischen Welt ein weiterer Hot Spot des Jihadismus entstanden, der die Stabilität der Region langfristig gefährden kann. Doch wer sind die Jihadisten?

Bislang liegen nur wenige belastbare Informationen vor, was die Zahl der Aktiven angeht sowie hinsichtlich der sozialen und ethnischen Zusammensetzung der Gruppen. Die Grenzen zwischen den Gruppen dürften fließend sein, wiederholte Umbenennungen sind anzunehmen. Aktuell spricht nichts für eine kohärente Bewegung der Jihadisten. Es existieren jedoch zahlreiche Basen und Trainingscamps. Dabei haben nicht alle Gruppen ihre Basis auf der Halbinsel; einige operieren aus dem Gaza-Streifen heraus.

In den kommenden Posts werde ich versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und die Gruppen kurz porträtieren. Den Anfang macht heute Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel (AQSH).

Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel

Die Nachricht sorgte für Unruhe bei den Sicherheitsbehörden in Ägypten, Israel, Europa und den USA: Am 02. August 2011 tauchten Flugblätter in El-Arish auf, der größten Stadt im Norden des Sinai. Darin wurde die Gründung einer Gruppe namens „Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel“ (Al-Qaida fi Jazirat Sina’) bekannt gegeben.

Nur wenige Tage zuvor, am 29. Juli 2011, hatten mehrere hundert schwergewaffneter Beduinen die Polizei-Station in El-Arish angegriffen. Bei dem Schusswechseln waren drei Zivilisten und zwei Polizisten ums Leben gekommen. Am 30. Juli 2011 hatten Militante die Pipeline angegriffen, die Gas von Ägypten nach Israel und Jordanien transportiert. Es war der dritte Angriff innerhalb eines Monats und der fünfte im Jahre 2011. Die Angreifer nutzten Panzerabwehrraketen (RPG), um ein Loch in die Pipeline zu schiessen.

In dem Papier mit dem Titel „Eine Botschaft von Al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel“ forderten die Verfasser unter anderem die Errichtung eines Islamischen Emirats und die Einführung der Scharia auf dem Sinai sowie die Aufhebung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages. Darüber hinaus verlangten sie ein Ende der Unterdrückung der Beduinen auf der Halbinsel. Bald darauf erschien in mehreren jihadistischen Internet-Foren ein Video, indem diese Forderungen wiederholt wurden. Das Video war jedoch nur wenige Tage in den Foren zu finden, bevor es wieder entfernt wurde.

Die Gruppe soll Al-Qaida-Führer Aiman al-Zawahiri den Treueid (bai’a) geschworen haben; Belege dafür fehlen bislang jedoch. Ebenso wenig hat die Zentrale in Pakistan bisher die Gründung einer Filiale im Sinai bekannt gegeben noch AQSH als offiziellen Vertreter bestätigt. Dessen ungeachtet pries Zawahiri die Anschläge auf die Pipeline in einem Audio-Kommentar im Oktober 2012, in dem er sich zur Lage der Revolution Ägypten äußerte und weitere Anschläge gegen Israel forderte.

Bei den Anschlägen könnte es sich somit um die ersten terroristischen Gehversuche einer neuen Gruppe handeln, mit dem Ziel, sich bei der Al-Qaida-Zentrale ins Gespräch zu bringen, um im nächsten Schritt als offizieller Ableger anerkannt zu werden.

Die in dem Pamphlet genannten Forderungen von AQSH stellen eine Mischung aus lokalen, regionalen und internationalen Themen dar. Das spricht dafür, dass die Leute von AQSH entweder erfolgreich Beduinen rekrutiert haben oder aber sich Forderungen der lokalen Bevölkerung aus strategischen Gründen zu eigen machen, um die Beduinen auf ihre Seite zu ziehen.

Mitglieder und Führungspersonal? Unbekannt.

Über die Größe der Gruppe ist nichts bekannt, ebenso wenig über das Führungspersonal der Gruppe. Es ist jedoch anzunehmen, dass eine Verbindung zu Ramzi Muwafi besteht, einem ägyptischen Arzt und echten Veteranen des Jihad mit Verbindungen zur Al-Qaida-Zentrale in Pakistan. Muwafi kämpfte bereits in den 1980er Jahren an der Seite von Usama Bin Ladin in Afghanistan. Er brach 2011 aus einem ägyptischen Gefängnis aus – seither ist er auf dem Sinai aktiv und soll die verschiedenen jihadistischen Gruppen koordinieren. Belege für seine Aktivitäten fehlen indes.

Auf der Basis der wenigen, offen zugänglichen Informationen lässt sich aktuell kein klares Bild der Gruppe zeichnen. Wir wissen nicht, ob AQSH aktuell überhaupt noch existiert, sich aufgelöst hat oder mit einer anderen Gruppe verschmolzen ist. Auch über die Beziehung zur Al-Qaida-Zentrale und anderen Filialen ist nichts bekannt.

Somit könnte es sich bei AQSH auch um einen äußert selbstbewusst auftretenden Haufen von Nachwuchs-Jihadisten ohne direkte Beziehungen zu Al-Qaida handeln.

 

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