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Hotels als sicherer Hafen in der Fremde?

Für viele Reisende ist das eigene Hotel so etwas wie ein Ersatz für das eigene Zuhause. Dies gilt erfahrungsgemäß besonders in Krisengebieten und fragilen Staaten. Das Gefühl der Sicherheit ist häufig jedoch trügerisch: Die Sicherheitsvorkehrungen in vielen Hotel sind skandalös schlecht – auch in Luxushotels.

Doch angesichts einer wachsenden Zahl instabiler Länder wächst bei vielen Reisenden das Bedürfnis nach Sicherheit und dem Schutz vor kriminellen Übergriffen und Terroranschlägen. Damit wird das Thema Sicherheit zunehmend auch zu einem Wettbewerbsfaktor für Hotels weltweit. Die Hotellerie steht nun zunehmend vor der Herausforderung, Service und Sicherheit miteinander in Einklang zu bringen.

Sicherheit als Wettbewerbsfaktor für Hotels

In der elften Episode des KNS Podcasts diskutiere ich mit Malte Roschinski und Yan St-Pierre, wo erfahrungsgemäß die größten Schwächen und Sicherheitslücken bei Hotels bestehen; inwieweit es Unterschiede in punkto Sicherheit zwischen Hotels in Deutschland, Europa und in Krisenländern gibt; und wie es um internationale Standards zur Zertifizierung von Hotels bestellt ist. Schließlich geben wir einige Tipps, wie sich aus der Ferne ein sicheres Hotel identifizieren lässt, und welche Kenntnisse dafür notwendig sind.

 

Den Podcast finden Sie auf SoundCloud und bei iTunes.

Wir freuen uns über Fragen und Kommentare via Twitter an @KNSBerlin.

„Der gute Beamte prüft zunächst die Zuständigkeit.“ 

Diesen Satz hörte ich in meinen ersten Wochen in einer deutschen Sicherheitsbehörde des öfteren von meinem damaligen (mit viel Humor gesegneten) Chef immer dann, wenn ich eine neue Idee hatte, wie man Vorgänge abkürzen oder schneller an ein gewünschtes Ergebnis kommen konnte. 

Was ich anfangs für einen feinsinnigen Witz hielt, sollte sich bald als für mich zunehmend schmerzvolle Realität entpuppen. Denn sehr viele der mich umgebenden Beamten (und Angestellten) im Verwaltungsapparat hielten sich geradezu sklavisch an dieses Mantra – und erwarteten dies auch von mir. Ich lernte nach und nach, mich im Dschungel der Nicht-Zuständigkeiten zu bewegen, denn anders gab es kaum ein Vorankommen im Sinne konkreter Ergebnisse.

Diese Haltung des Nicht-Zuständig-Seins ist indes nicht auf Behörden beschränkt. Beim Thema Sicherheit begegnet sie mir am am häufigsten in meinen Sicherheitstrainings – als Frage von Teilnehmern, die immer dann kommt, wenn es um das Thema „Verantwortung“ geht.

Die Antwort: Sie selber – und dafür gibt es drei gute Gründe. Denn tatsächlich ist diese Frage von zentraler Bedeutung für die eigene Reisesicherheit: Wer ist verantwortlich für die eigene Sicherheit im Ausland?

In diesem Artikel erkläre ich

  • warum Sie bewusst die Verantwortung für Ihre persönliche Sicherheit übernehmen sollten
  • was sich verändert, wenn Sie diese Verantwortung bewusst übernehmen
  • welche Bedeutung potentiellen Helfern wie Botschaften und Sicherheitsbehörden dabei haben 
  • wer Ihnen vor Ort im Falle einer Bedrohung oder in einem Notfall helfen kann.

Sicherheit beginnt mit einer Entscheidung

Sicherheit ist auch und vor allem eine Frage der angemessenen inneren Einstellung, des richtigen Mindsets. Daher beginnt Ihre persönliche Sicherheit mit einer Entscheidung. 

Diese Entscheidung lautet: Sie erklären sich zuständig für Ihre Sicherheit. 

Das klingt banal, aber diese Entscheidung hat aber in der Praxis weitreichende Konsequenzen. Denn diese verändert Ihr gesamtes Mindset: Sie übernehmen ab sofort die Verantwortung. Sie sind zuständig. Sie verlassen sich nicht länger auf andere, die Ihre eigene Sicherheit gewährleisten sollen.

In meinen Sicherheitstrainings reagieren manche Teilnehmer geradezu empört, wenn Sie hören, dass sie nun selber die Verantwortung übernehmen sollen. Wozu habe man schließlich die Polizei? Die Botschaften und Konsulate? Irgendwer werde doch wohl zuständig sein!

Nun ja. 

Tatsächlich lässt sich Sicherheit nur sehr begrenzt delegieren. 

Hier sind die drei Gründe, warum Sie bewusst die Verantwortung für Ihre eigene Sicherheit übernehmen sollten:

  1. Die Zahl und die Ressourcen Ihrer potentiellen Helfer im Ausland sind begrenzt
  2. Es verbessert Ihre eigene Wahrnehmung für Gefahren und Risiken – und hilft auf diese Weise Bedrohungen durch Kriminelle zu verringern 
  3. Es zwingt dazu, den Tatsachen ins Auge zu sehen und die Realitäten im Zielland anzuerkennen.

Grund #01: Die Zahl und die Ressourcen Ihrer Helfer sind begrenzt

Eine wichtige Anlaufstelle für Geschäftsreisende, Expats, für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen oder Touristen bei Problemen im Ausland sind die Botschaften und Konsulate des eigenen Landes. Botschaften und Konsulate haben unter anderem die Aufgabe, in Not geratene Staatsangehörigen vor Ort zu unterstützen. Die Betonung liegt hier auf „unter anderem“. In der Praxis haben diese Institutionen eine Vielzahl von Aufgaben zu erfüllen. Daher sind die Ressourcen dieser Institutionen naturgemäß begrenzt.

Begrenzt insofern, weil nicht in allen Ländern der Welt Botschaften des eigenen Landes existieren. Das gilt auch für Deutschland. Wer als Geschäftsreisender oder Expat im Auftrag unterwegs ist, der kann mitunter auf die Unterstützung durch die Konzernsicherheit des eigenen Unternehmens zählen. Denn Unternehmen sind im Rahmen der Fürsorgepflicht dazu verpflichtet, für die Sicherheit der eigenen Mitarbeiter auf Reisen zu sorgen. Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) kann die Aufgaben der Konzernsicherheit auch ein externer Dienstleister übernehmen, sofern keine eigenen Strukturen vorhanden sind.

 

Die Polizei ist nicht immer Ihr Freund und Helfer

Aber die Botschaft oder auch die Konzernsicherheit Ihres Unternehmens, das Risk Management Office oder Sicherheitsbüro kann Ihnen im Ausland nur sehr begrenzt helfen, wenn Sie dort im Gefängnis landen, weil Sie es für eine gute Idee hielten, unbedingt dieses grüne Kraut in der Hotelbar rauchen zu müssen. Die lokalen Gesetze gelten auch für Sie; Ihre Nationalität schützt Sie nicht vor Strafe bei Drogenbesitz und anderen Aktivitäten, die vor Ort illegal sind.

Kalkulieren Sie ebenso ein, dass Botschaften und Konsulate eine Reaktionszeit benötigen. Rechnen Sie mit mehreren Stunden bis mehreren Tagen, bevor Sie tatsächlich einen offiziellen Vertreter zu Gesicht bekommen. Denn der im Notfall für Sie zuständige Verbindungsbeamte des Bundeskriminalamtes (BKA) mag seinen Sitz in Kairo/Ägypten haben, zuständig ist er aber ebenso für den Sudan.

Bleiben schließlich die Polizei und andere Sicherheitskräfte vor Ort. Hier ist Skepsis angesagt, besonders in fragilen Staaten. Denn zum einen können die lokalen Sicherheitskräfte oft nur begrenzt für Ihre Sicherheit sorgen (vor Terroranschlägen oder kriminellen Übergriffen zum Beispiel), zum anderen wollen diese das meist gar nicht.

Besonders in fragilen Staaten ist die Rolle zum Beispiel der Polizei häufig vielschichtig, um es höflich auszudrücken. In vielen Ländern sind Polizisten mehr an der eigenen Bereicherung interessiert als daran, sich von einem Wildfremden unnötige Arbeit bescheren zu lassen. Das wiederum liegt meist daran, dass das monatliche Salär von Polizisten häufig sehr bescheiden ausfällt, so es denn überhaupt regelmäßig gezahlt wird. 

Statt Hilfe sind hier also lediglich weitere Probleme zu erwarten. Es gibt gute Gründe, warum die Menschen in fragilen Staaten die Polizei oft meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Grund #02: Es verbessert Ihre Wahrnehmung für Gefahren und Risiken

Sobald Sie bewusst die Verantwortung für Ihre eigene Sicherheit und damit für Ihre eigenen Handlungen übernehmen, ändert sich die eigene Haltung. Sie fangen an, bewusst auf Ihre Umgebung zu achten, um mögliche Gefahren frühzeitig erkennen und darauf reagieren zu können. 

Dieser bewusste Schritt fällt vielen Westeuropäern mit wenig Reiseerfahrung häufig schwer. Denn er bedeutet einen Paradigmenwechsel, eine fundamentale Veränderung. Diese ist unbequem, weil sie die Menschen aus der eigenen Komfortzone zwingt. Statt die eigene Aufmerksamkeit auf „schöne Dinge“ (Sehenswürdigkeiten, Landschaften, die Hotelbar) zu richten, sollen sie auf einmal ihre Umgebung scannen, ob sich Kriminelle heranpirschen könnten. Das fühlt sich für die meisten Menschen erst einmal nicht gut an. 

Der Grund, warum dieser Wechsel gerade vielen Menschen aus Westeuropa so schwer fällt: Sehr viele Menschen in Westeuropa haben eine unzureichende Wahrnehmung von Gefahren und Risiken. Das wiederum hat mit der eigenen Sozialisiation zu tun, in der es offensichtlich kaum Berührungspunkte mit Gefahr und Risiken gab und der Staat durch seine Sicherheitsorgane alles immer irgendwie geregelt hat.

 

Vollkasko trübt die Wahrnehmung

Deutschland ist ein gutes Beispiel für ein Land mit einer Vollkasko-Mentalität: Für jeden Fall und Notfall gibt es irgendeine Behörde, Gewerkschaft, Bank oder Versicherung, die sich für zuständig erklärt. Und viele Menschen nehmen das gerne in Anspruch. Es ist bequem und gibt ein Gefühl der Sicherheit. Der Nachteil ist eine schleichende Entmündigung. Ein solches Klima fördert Naivität und Nachlässigkeit im Umgang mit Gefahr und Risiken und erschwert das Leben und Reisen in Ländern mit weniger Ordnung und Regelungen deutlich.

Die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen, steigt in der Regel mit zunehmender Reiseerfahrung, vor allem in jenen Ländern ohne funktionierende Herrschaft des Rechts. Es ist ein Prozess der Anpassung an die Realitäten anderswo.

Grund #03: Reality check – Sie müssen die Realitäten im Zielland akzeptieren

Die Realitäten im Zielland unterscheiden sich mitunter fundamental von den Verhältnissen zuhause. Anders gesagt: Was in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gilt, das hat deswegen nicht auch Gültigkeit in Mauretanien oder in Pakistan. Das klingt gewiss banal. Der Punkt ist: Es fällt vielen Menschen schwer, diese Andersartigkeit nicht nur zu erkennen, sondern auch zu akzeptieren und das eigene Verhalten darauf einzustellen.

In meinen Sicherheitstrainings und meinen Briefings zur Sicherheitslage erlebe ich es immer wieder, dass Teilnehmer Schwierigkeiten damit haben, die Realitäten in einem spezifischen Land zu akzeptieren. Sie sehen, was sie sehen wollen. Sie wollen nicht sehen, was ist.So werden Risiken ignoriert, Realitäten umgedeutet, wenn es nicht in das eigene Weltbild passt. Was jemand sieht, hat überwiegend mit seiner individuellen Vita, seiner Motivation für die Reise und mit seinen Wünschen,  Plänen und Werten zu tun. Es sagt mehr über den Reisenden aus über als das jeweilige Land.

 

Wer die Realität ignoriert, macht sich verwundbar

Das trifft in meiner Erfahrung häufig auf Touristen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zu. Die einen wollen oft nur die schönen Seiten eines Landes sehen. Die anderen haben oft eine Agenda, der sie verpflichtet sind und die sie mitunter davon abhält, Gefahren als solche zu benennen. In der Folge entstehen sogenannte blind spots, blinde Stellen in der eigenen Wahrnehmung. Diese ausgeblendeten Aspekte der Realitäten steigern jedoch die eigene Verwundbarkeit und erhöhen damit die eigenen Risiken, beispielsweise Opfer eines Raubüberfalls zu werden.

Auch dies ist eine Grundregel der Reisesicherheit: Erfassen und verstehen Sie die eigene Situation! Erkennen und akzeptieren Sie die Realitäten in Ihrem Zielland.

Ein Beispiel aus dem Sudan:

Der aus Europa stammende Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der im Westen Sudans lebte und arbeitete, weigerte sich partout, der Empfehlung seines Sicherheitsmanagers zu folgen, nachts die Tür seines Wohnhauses abzuschließen. Er war der lokalen Bevölkerung gegenüber gutwillig eingestellt und wollte diese positive Grundhaltung nicht durch öffentlich demonstriertes Misstrauen schmälern.

Der Mitarbeiter ging sehr offen damit um, seine Gewohnheit sprach sich herum. Nach einigen Monaten drangen schließlich zwei Mitglieder einer kriminellen Gang nachts in das Haus des Mitarbeiters ein, verprügelten ihn heftig und raubten alle Wertsachen. Die körperlichen Verletzungen heilten bald, aber die psychologischen Nachwirkungen dieses Vorfalls brachten den Mitarbeitern dazu, seinen Aufenthalt vor Ort wenige Wochen später abzubrechen und nach Europa zurückzukehren.

Fazit

Sie sind verantwortlich für Ihre Sicherheit. Denn Sicherheit lässt sich nur bedingt delegieren. Es gibt zwar Netzwerke, Hilfsstrukturen und Notfall-Prozeduren, auf die Sie im Bedarfsfall zurückgreifen können. Dies funktioniert jedoch nur, wenn Sie selbst aktiv dazu beitragen. Viel wichtiger ist es, es gar nicht erst zu einem Notfall kommen zu lassen. 

Prävention geht immer vor Reaktion.

Es gibt drei gute Gründe, warum Sie die Verantwortung für Ihre Sicherheit übernehmen sollten:

  1. Potentielle Helfer und deren Ressourcen sind begrenzt.
  2. Sie verbessern Ihre eigene Wahrnehmung
  3. Sie lernen, die Realitäten vor Ort zu akzeptieren.

Wenn Sie sich aktiv entscheiden, die Verantwortung für Ihre Sicherheit zu übernehmen, passiert in der Regel Folgendes:

  1. Ihre Wahrnehmung verbessert sich.
  2. Sie sind zu einem aufrichtigen reality check gezwungen.
  3. Sie müssen Ihre Komfortzone verlassen. 

Das richtige Mindset kann Ihre persönliche Sicherheit auf Reisen signifikant erhöhen. Wer hingegen unangenehme Realitäten ignoriert, macht sich verwundbar.

Gute Reise!

 

Wer sorgt für IHRE Sicherheit im Ausland? Welche Erfahrungen haben Sie mit Botschaften und Sicherheitsbehörden gemacht? Ich freue mich über Ihre Kommentare!

 

© Fotos: Pixabay, Florian Peil, Pexels

Ein gängiger Ratschlag für Reisende und Expats bei der Vorbereitung auf Geschäftsreisen und Auslandseinsätze lautet, sich unterwegs „low profile“ zu verhalten. Fällt dieser Begriff zum Beispiel in einem der gängigen Sicherheitstrainings, nicken viele Teilnehmer freundlich und dann geht es weiter zum nächsten Thema.

Was mit der griffigen Phrase „Low Profile“ tatsächlich gemeint ist, ist indes kaum jemandem klar. Und das ist schade. Denn Low Profile ist ein wertvolles und einfaches Werkzeug, um die persönliche Sicherheit auf Reisen zu erhöhen.  

In diesem Blog-Artikel kläre ich die folgenden Fragen:

  • Was ist Low Profile?
  • Welchen Nutzen hat Low Profile?
  • Wie funktioniert Low Profile in der Praxis?
  • Wo sind die Grenzen von Low Profile?

Was Low Profile ist

Low Profile bedeutet, sich soweit wie möglich in die jeweilige Umgebung, in den jeweiligen lokalen Kontext einzufügen, mit dem Ziel, möglichst wenig aufzufallen. Es geht darum, in der Masse unterzugehen statt herauszustechen.

Im Kern bedeutet Low Profile, sich möglichst unauffällig zu verhalten. 

Low Profile ist ein Prinzip, mit dem sich durch das eigene Verhalten die eigene Sicherheit bei Auslandsreisen effektiv erhöhen lässt. Man bleibt unter dem Radar jener Menschen, die einem nicht wohl gesonnen sind.

Der englische Begriff „Low Profile“ ist im Sicherheits- und Risikomanagement etabliert. Da im Deutschen kein adäquater Begriff existiert, verwende ich den englischen Ausdruck.

Welchen Nutzen Low Profile hat

Low Profile ist ein effektives Werkzeug, das unsere persönliche Sicherheit auf Reisen erhöht. Unauffälliges Verhalten kann zum Beispiel das Risiko krimineller Übergriffe wie Raubüberfälle oder Diebstähle verringern. 

Auf diese Weise sinkt unsere Verwundbarkeit gegenüber Bedrohungen wie Kriminalität, Terrorismus und sexueller Belästigung. Wer nicht in den Fokus von Kriminellen gerät, der wird auch nicht überfallen – schlicht, weil er nicht als potenzielles Opfer wahrgenommen wird. 

Damit ist Low Profile auch eine Form der Prävention. Es hilft uns dabei, in Ruhe und möglichst unbeachtet den eigenen Aktivitäten nachgehen zu können. 

Die Umsetzung des Prinzips Low Profile macht den Anwender zu einem sogenannten harten Ziel für potenzielle Angreifer. Harte Ziele sind – im Gegensatz zu weichen Zielen – durch Sicherheitsmaßnahmen geschützt. Wer ein hartes Ziel ist, verringert die Wahrscheinlichkeit erheblich, Ziel krimineller Angriffe oder sexueller Übergriffe zu werden. Kriminelle suchen Opfer, keine Gegner.

In diesem Kontext ist es wichtig, die Täterperspektive zu verstehen: Wer mit Raubüberfällen seinen Lebensunterhalt verdient, der will sein „Tagwerk“ mit möglichst wenig Risiko erledigen. Ein Krimineller will nicht verhaftet werden und ins Gefängnis wandern. Deshalb brauchen Kriminelle Opfer.

Wo Low Profile keinen Sinn macht: in Hochrisikoländern wie Pakistan oder Nigeria. Da erfahrungsgemäß ohnehin jeder Kriminelle oder Terrorist vor Ort ab dem Tag Ihrer Ankunft weiß, dass ein lohnenswertes Ziel in der Stadt ist, bietet Low Profile keinen Schutz. Hier brauchen sie das Gegenteil: „High Profile“, wie zum Beispiel gepanzerte Fahrzeuge, bewaffneter Personenschutz, Tracking-Systeme, Notfall- und Evakuierungsplanung. Auf die jeweiligen Vor- und Nachteile von „Low Profile“ und „High Profile“ werde ich in einem gesonderten Blog-Post eingehen.

Wie Low Profile in der Praxis funktioniert

Kairo im Frühjahr 2000. Ich lebte seit sechs Monaten in der Stadt, um Arabisch zu studieren, und war  zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Auf einer der Brücken, die über den Nil führen, kam mir eine Gruppe junger Männer entgegen. Als ich an ihnen vorbeiging, sprach mich einer der Männer an und fragte mich sehr freundlich nach dem Weg zum Zoo. 

Ich erklärte ihnen kurz den Weg, dann unterhielten wir uns ein wenig. Ein anderer fragte mich, von welcher Fakultät ich sei. Wir hatten uns gegenseitig schnell als Studenten erkannt, und da ist das eine übliche Frage.

Seine nächste Frage war: „Woher kommst du? 

Aus Deutschland“, sagte ich. 

Große Heiterkeit in der Gruppe. Er fragte mich wieder: „Woher kommst du wirklich?

Ich bin aus Deutschland“, sagte ich erneut und leicht irritiert. 

Nein, jetzt mal im Ernst, sag: Woher kommst du? 

Plötzlich verstand ich. Die Studenten nahmen mir nicht ab, dass ich aus Deutschland war – sie waren felsenfest der Überzeugung, ich sei Ägypter und müsse irgendwo aus dem Großraum Kairo stammen. 

Mich verblüffte das: In meiner eigenen Wahrnehmung sah ich nicht anders aus, als ich vor sechs Monaten nach Ägypten gekommen war. Mein Arabisch hatte sich zwar stark verbessert, aber für einen Einheimischen gehalten werden, das schien mir doch arg übertrieben. 

Zuhause angekommen, stellte ich mich prüfend vor den Spiegel. Und in der Tat: Ich hatte Turnschuhe an, wie sie auch viele junge Männer vor Ort trugen. Das Hemd, das ich trug, hatte ich vor Ort gekauft. Ich hatte eine gesunde Gesichtsfarbe und damals noch dunklere Haare. Ich konnte mich auf Arabisch verständigen, ohne sofort ins Stottern zu geraten. Das Wichtigste aber – und das wurde mir erst Jahre später klar – war mein Auftreten. Ich bewegte mich offenbar auf eine Art und Weise in der Stadt, die nicht darauf schließen ließ, das ich aus dem Ausland kam. 

Von Low Profile hatte ich damals noch nichts gehört. Aber für mich war diese Begegnung ein Schlüsselmoment: Ich hatte am eigenen Leib erfahren, dass und wie das Prinzip funktioniert.

Dennoch ist es in der Praxis nicht immer leicht umzusetzen. Das liegt auch daran, dass die eigenen Möglichkeiten, das eigene Profil zu reduzieren, unter- oder falsch eingeschätzt werden.

Sich unauffällig in einem fremden Land zu bewegen bedeutet nicht, dass man sich unsichtbar machen kann.

Aber das ist auch gar nicht notwendig.

 

Crowd

Hier sind die 3 wichtigsten Tipps, wie Sie sich in einer fremden Umgebung unauffällig bewegen:

 

Tipp 1: Verstehen Sie den lokalen Kontext

Den lokalen Kontext zu kennen und zu verstehen ist die ultimative Voraussetzung für die Anwendung des Low-Profile-Prinzips. Erst wenn Sie wissen, wer die Menschen vor Ort sind, wie sie leben und wie sie ticken, können Sie Maßnahmen ergreifen, um das eigene Profil zu reduzieren. 

Hier hilft das Konzept von Standards und Anomalien. Demnach hat jedes Land, jede Stadt, jede Person so etwas wie einen Standard, eine Norm, einen Konsens darüber, was als normal gilt. Dieser Standard ist jenes menschliche Verhalten, das in einer bestimmten Umgebung zu einer bestimmten Zeit als alltäglich und gebräuchlich gilt.

In jeder Umgebung, in der wir uns bewegen, sollten wir einen für uns geltenden Standard definieren. Dieser Prozess geschieht meist ohnehin automatisch und unbewusst. Erst wenn wir einen Standard definiert haben, können wir systematisch Abweichungen von der Norm feststellen.

Ebenso hat jeder Ort seine besondere Atmosphäre, einen eigenen Rhythmus. Wann immer Sie an einen neuen Ort kommen, können Sie sich zum Beispiel folgende Fragen stellen, um diese Atmosphäre, den Rhythmus, seinen Standard schnell zu erfassen:

  • Wie bewegen sich die Menschen dort? Sind Sie in Eile oder gehen Sie langsam? Haben Sie Zeit für ein Schwätzchen oder geht jeder seines Weges, ohne viel Kontakt zu den Mitmenschen zu suchen?
  • Wie ist die Distanzzone zwischen den Menschen? In Westeuropa versuchen die Menschen in der Regel etwa eine Armlänge Abstand zueinander zu bewahren. In Indien oder Bangladesch ist die Distanz deutlich geringer. Sind Berührungen normal oder sind sie eher ein Tabu?
  • Wie sprechen die Menschen? Reden sie schnell und viel oder eher langsam und bedächtig?

Wenn Sie den Standard eines Ortes erfasst haben, können Sie Maßnahmen treffen, um sich dem anzupassen. Unauffällig zu sein bedeutet, sich dem jeweiligen Standard anzupassen.

Sie haben folgende Möglichkeiten, Ihr eigenes Profil durch Anpassung zu reduzieren:

 

Tipp 2:  Schmuck und Kleidung anpassen

Hier gibt es Faktoren, auf die Sie Einfluss nehmen können – und andere, wo dies nicht möglich ist. 

KEINEN Einfluss haben Sie zum Beispiel auf Ihre Hautfarbe und Ihren Körperbau. 

Worauf Sie hingegen Einfluss haben, sind: Ihre Haarfarbe, Augenfarbe (getönte Kontaktlinsen), Haare und Bart (bei Männern). Finden Sie heraus, welche Frisuren die Männer und Frauen in Ihrem Zielland tragen (Stil, Länge) und wie gepflegt sie grundsätzlich sind. 

Tragen die Menschen vor Ort Schmuck? Sind Piercings, Ohr- und Nasenringe normal? Wie ist es mit Körperschmuck wie Tätowierungen und Brandings? Können Sie diese offen zur Schau stellen oder sollten Sie sie besser verdecken?

Uhren sind oftmals ebenfalls ein guter Indikator für die Herkunft eines Menschen. Prüfen Sie, ob die Menschen am Zielort überhaupt Uhren tragen. Falls nein: Legen Sie Ihre ab oder ersetzen Sie eine auffällige, teure Uhr für die Dauer Ihres Aufenthalts ggf. durch eine billige Digitaluhr. Überlegen Sie: Was sagt es über einen Menschen aus, wenn er eine teure Fliegeruhr trägt?

Auch bei der Kleidung gilt: Prüfen Sie, was die Einheimischen vor Ort tragen. Wenn Sie nicht ausschließlich geschäftlich unterwegs sind und ohnehin jeden Tag in Anzug und Krawatte oder im Kostüm herumlaufen, dann empfiehlt sich an den meisten Orten der Welt eine schlichte Kleidung in gedeckten Farben. Keine Logos, keine Aufschriften.

Schuhe haben eine besondere Bedeutung. Viele Menschen werden Sie anhand Ihrer Schuhe beurteilen. Pinke Sneaker vermitteln eine andere Aussage über Sie als Person als dies billige Lederschuhe aus einem örtlichen Geschäft tun.

 

When in Rome do as the Romans do.

 

Tipp 3: Auftreten und Kommunikation anpassen

Den Eindruck, den Sie aufgrund Ihres Aussehens und Ihrer Kleidung vermitteln, können Sie durch Ihr persönliches Auftreten und Ihre Art und Weise der Kommunikation beeinflussen oder relativieren. So kann es durchaus gelingen, dass man Sie als weißen Westeuropäer im Kongo zwar wahrnimmt, aber aufgrund Ihres angepassten Auftretens aber als „ortszugehörig“ erkennt und damit in Ruhe lässt. Sie fallen natürlich auf, aber Sie sind kein „Fremdkörper“ in der Umgebung.

Ihr Auftreten spricht Bände darüber, wie vertraut Sie mit den lokalen Sitten und Gebräuchen sind. Kennen Sie die lokalen Spielregeln?

Wie bewegen Sie sich zum Beispiel zu Fuß in der Öffentlichkeit? Wie finden Sie Ihr Ziel? Wenn Sie auffallen wollen, tragen Sie einen Reiseführer oder eine Straßenkarte in der Hand, gehen Sie möglichst langsam und bleiben an jeder Ecke stehen, um Ihre Unterlagen zu konsultieren. In vielen Gegenden der Welt wird es keine Minute dauern und Sie werden Gesellschaft haben. Und eventuell nicht die, die Sie gerne hätte: Menschen mit fragwürdigen Hilfsangeboten, aufdringliche Straßenhändler – und Kriminelle, die Sie als leichtes Opfer in ihrem Territorium identifiziert haben. 

Lassen Sie die Karten und Reiseführer in Ihrem Gepäck oder konsultieren Sie diese nur verdeckt, an einem nichtöffentlichen Ort wie einer Toilette in einem Restaurant. Nach Möglichkeit haben Sie sich die Route bereits vorab im Kopf eingeprägt. Gehen Sie zügig und bewegen Sie sich gezielt auf ein Ziel zu. Wenn Sie einfach ziellos durch die Gegend schlendern wollen, dann vermitteln Sie zumindest nach außen hin einen zielstrebigen Eindruck.

Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg Ihres Low-Profile-Ansatzes sind Ihre Sprachkenntnisse. Sprechen Sie die vor Ort gängige Sprache? Wie gut sind Ihre Kenntnisse? Je besser Sie die jeweilige Sprache beherrschen, desto eher wird man Ihre Anwesenheit als „normal“  akzeptieren. Wie gehen Sie mit aggressiven Straßenhändlern und Bettlern um? Treten Sie entschlossen auf und setzen Grenzen – oder sind Sie schüchtern und zurückhaltend, weil Sie die lokalen Spielregeln noch nicht kennen. Auch das sagt viel über Sie aus.

Seien sie sich im Klaren darüber, dass die Menschen in Regionen außerhalb klassischer Touristengegenden sich fragen, warum Sie dort sind: Welchen nachvollziehbaren Grund haben Sie, dort zu sein? Um das herauszufinden, testet man Sie, um Sie besser einschätzen und bewerten zu können. Das gilt umso mehr, je fragiler die Sicherheitslage in Ihrem Zielland ist, je chaotischer die Strukturen. 

Low Profile unterwegs zu sein heißt auch, möglichst anonym unterwegs sein. Erzählen Sie nicht jedem Fremden gleich Ihre Lebensgeschichte. Schwer einschätzbar zu sein kann dabei helfen, unauffällig unterwegs zu sein. Denn wenn Kriminelle und andere Menschen, die Ihnen nicht wohl gesonnen sind, nicht wissen, woran Sie bei Ihnen sind, über welche Fähigkeiten oder Kontakte vor Ort sie verfügen, wird man Sie in der Regel mit Vorsicht und Zurückhaltung behandeln und eher geneigt sein, auf Distanz zu bleiben. Denn Sie schlecht zu behandeln, könnte ja bedeuten, der eigenen Person schaden.

Fazit und Einschränkungen

Low Profile bedeutet im Kern, sich unauffällig zu bewegen und nicht oder nur wenig aufzufallen. Sie können dazu Ihr Aussehen und Ihre Kleidung verändern, Ihr Auftreten und Ihre Kommunikation anpassen. Aber Sie können sich nicht gänzlich unsichtbar machen. 

Von daher ist Ihr Spielraum mitunter schnell erreicht, je nach lokalem Kontext. Als rothaariger Westeuropäer werden Sie im Osten des Kongo immer auffallen, da können Sie sich auf den Kopf stellen. Aber sie können durch Ihre Kleidung, Ihr Auftreten und Ihre Sprachkenntnisse viel an Boden gutmachen. Werden Sie sich darüber klar, auf welche Faktoren Sie selber Einfluss nehmen können – und wo die Grenzen liegen. 

Die gute Nachricht ist: Je länger Sie an einem bestimmten Ort bleiben, desto mehr werden Sie sich anpassen. Dies geschieht unbewusst und automatisch. Daher lässt sich die Anwendung des Low-Profile-Prinzips nur vor Ort üben und verbessern. Es ist ein praktisches Thema.

Dennoch bleibt die Vorbereitung von entscheidender Bedeutung: Eine präzise Kenntnis der lokalen Verhältnisse ist die zwingend notwendige Voraussetzung, um im Ausland unauffällig reisen und arbeiten zu können. 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Üben! 

Und Glückwunsch! Wenn Sie die 3 Tipps in der Praxis anwenden, werden in Zukunft ein härteres Ziel für Kriminelle abgeben. Durch einige einfache Anpassungen haben Sie Ihre persönliche Sicherheit auf Reisen erheblich erhöht.

 

Haben Sie bereits Erfahrungen mit dem Prinzip Low Profile auf Reisen gemacht? Teilen Sie Ihre Erfahrungen und hinterlassen Sie einen Kommentar!

 

(c) Fotos: Pexels

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Wissenschaftler, Journalisten, Mitarbeiter von NGOs haben eines gemeinsam: Sie sind bei Reisen in Risikogebiete in besonderem Maße dem Verdacht der Spionage ausgesetzt. Denn genau wie Mitarbeiter von Nachrichtendiensten versuchen auch sie lokale Kontakte aufzubauen und gezielt Informationen zu sammeln.

Im KNS Podcast #06 diskutiere ich mit Malte Roschinski und Yan St-Pierre über die besonderen Risiken für Forscher, Journalisten & Mitarbeiter von NGOs und Unternehmen bei Auslandsreisen. Wir besprechen die Denkweise von Nachrichtendiensten und erklären, wieso diesen Berufsgruppen gerade in Risikogebieten und fragilen Staaten besonderes Misstrauen entgegengebracht wird – und warum in einigen Ländern Doppelstaatler besonders gefährdet sind. Am Schluss gibt es einige Tipps, wie man sich auf Reisen in Regionen mit erhöhtem Risiko vorbereiten kann.

 

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Viel Spaß beim Hören!

In Teil 4 der Serie „Verhalten bei Terroranschlägen“ geht es um das richtige Verhalten bei Entführungen und Geiselnahmen.

Weitere Verhaltenstipps finden Sie in den anderen Teilen der Serie: Teil 1 (Sprengstoffanschlag), Teil 2 (Active Shooter), Teil 3 (Brandanschlag).

Entführungen und Geiselnahmen durch Terroristen sind keine Terroranschläge im herkömmlichen Sinn. Dennoch gehören sie zum Repertoire von Terroristen in aller Welt. Als taktisches Mittel können Geiselnahmen Teil komplexer Terroranschläge sein. Denn sie helfen Terroristen, eine hohe mediale Aufmerksamkeit für ihr jeweiliges politisches Anliegen zu sichern.

Beispiele für Geiselnahmen als Teil von Terroranschlägen sind die Anschläge auf das Bataclan in Paris im November 2015 oder auf die Holey Bakery in Dhaka, Bangladesch, im Juli 2016.

Grundsätzlich gilt: Entführung ist nicht gleich Entführung. Es existieren zahl­reiche Varianten, da die Motive der Täter jedes Mal andere sind. So ist beispielsweise die Grenze zwischen Krimina­lität und Terrorismus in vielen Fällen fließend.

Dennoch gibt es einige Verhaltensregeln, deren Einhaltung die Wahrscheinlichkeit des Überlebens im Entführungsfall erhöht.

 

Risiko einer Entführung minimieren

Vorweg: Vermeiden Sie unnötige Risiken und wählen Sie Ihre Reiseziele bewusst.

Reisen Sie nicht in Regionen mit einem hohen Entführungsrisiko, wenn Sie nicht unbedingt müssen. Wenn Sie dennoch in solche Gebiete fahren, dann informieren Sie sich vorab genau über Ihr Reiseziel und planen Sie Ihren Reiseweg entsprechend, um das Ri­siko einer Entführung zu minimieren.

Sollten Sie dennoch Opfer einer Entführung werden, hal­ten Sie sich vor Augen, dass die Kidnapper ein Interesse daran haben, Sie – zumindest für eine Weile – am Leben zu erhalten. Ihre einzige Aufgabe besteht im Überleben.

In den meisten Fällen ist Flucht keine Option. Tatsächlich versuchen nur wenige Entführte zu fliehen, weil ihnen bewusst ist, dass sie ein Fluchtversuch das Leben kosten kann.

Das geringste Risiko liegt darin, sich passiv und ko­operativ zu verhalten und nicht aufzufallen. Widersetzen Sie sich nicht Ihren Entführern und provozieren Sie keine Gewalt.

Versuchen die Entführer, mit Ihnen zu kommunizieren, vermeiden Sie direkten Augenkontakt. Antworten Sie ehr­lich auf Fragen, denn in einer Stresssituation werden Sie nicht mehr alle vermeintlich trainierten Antworten re­konstruieren können und sich stattdessen in Widersprü­che verstricken. Das kann die Aggressivität der Entführer erhöhen und Ihre Überlebenschancen mindern.

Von Anfang geht es darum, den Schock des Kontrollver­lustes durch die Entführung zu mildern und den eigenen Handlungsspielraum nach und nach auszudehnen. Ihre Reaktion auf das Geschehen wird zunächst aus Furcht, Schock und einem Gefühl der Desorientierung bestehen. Mentale Übungen, ruhiges Atmen und Meditation kön­nen hier helfen. Über die Zeit wird sich die Situation sta­bilisieren.

 

Verhaltensregeln für den Fall einer Entführung

Folgende Verhaltensregeln erhöhen die Wahrscheinlich­keit Ihres Überlebens:

Gewinnen Sie so viel Kontrolle wie möglich zurück. Dies umfasst Ihren Geist ebenso wie Ihren Körper. Koope­rieren Sie und befolgen Sie die Anweisungen der Entfüh­rer, aber ziehen Sie innerlich klare Grenzen in Bezug auf Ihre persönlichen Werte und Einstellungen, sodass Ihre eigene Integrität gewahrt bleibt. Machen Sie sich klar, dass nicht Sie persönlich gemeint sind, sondern dass Sie als Mittel für einen bestimmten Zweck dienen.

Beschäftigen Sie Ihr Gehirn, um Panik zu vermeiden. Bestimmen Sie, was Sie denken, indem Sie sich selbst im­mer wieder neue Aufgaben stellen: Prägen Sie sich bereits zu Beginn der Entführung die Fahrtroute ein, schätzen Sie Zeitdauer und Zeitintervalle, versuchen Sie, Geräusche wahrzunehmen und einzuordnen: Befinden Sie sich in einer Stadt oder fahren Sie hinaus aufs Land? Dies hilft nicht allein, Ihre Panik zu kontrollieren, sondern kann den Sicherheitsbehörden später auch bei der Auf­klärung helfen.

Dasselbe gilt bei der Ankunft am Ort Ihrer Gefangenschaft: Vermögen Sie festzustellen, wo genau Sie sind? Hat man Sie im Keller eingesperrt oder sind Sie auf einem Dach­boden? Wie viele Türen und Fenster gibt es? Welche Geräusche hören Sie? Wenn man Sie in ein fensterloses Verlies gesperrt hat, können Sie Wege finden, das Verstrei­chen der Zeit auch ohne Uhr und ohne Tageslicht zu messen: Wie viele Mahlzeiten gibt es? Wann wechselt die Temperatur?

Es geht um Orientierung.

 

Optimismus hilft beim Überleben

Für Ihr Überleben ist es von entscheidender Bedeutung, dass Sie optimistisch bleiben. Lassen Sie sich nicht hän­gen, machen Sie sich immer wieder bewusst, dass dort draußen andere Menschen an Ihrer Befreiung arbeiten. Ihre Entführer wollen in der Regel ebenfalls, dass Sie am Leben bleiben, denn tot nützen Sie ihnen nichts mehr. Sie sind ein Tauschgegenstand, ein Mittel zum Zweck.

Aus­nahmen hiervon sind Entführungen, bei denen Geiseln durch eine medienwirksame Inszenierung ihres Todes für die terroristische Propaganda instrumentalisiert werden. Der Islamische Staat (IS) machte 2014 und 2015 vor allem durch seine überaus brutalen Videos von Enthauptungen meh­rerer Geiseln von sich reden. Ein Pilot der jordanischen Luftwaffe wurde bei lebendigem Leibe verbrannt.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für Ihr Überleben im Entführungsfall ist Selbstrespekt. Zeigen Sie gegen­ über Ihren Entführern nach Möglichkeit weder Traurigkeit noch Schwäche, auch wenn es gerade zu Beginn einer solchen Gefangenschaft hart ist, sich an den Kontrollver­lust und die ungewohnten Umstände zu gewöhnen. Dies wird mit der Zeit einfacher.

 

Fitness und Hygiene erhöhen Ihre Resilienz

Trainieren Sie Ihren Körper. Tägliche Übungen verbes­sern Ihren körperlichen Zustand. Zudem helfen sie gegen die allgegenwärtige Langeweile der Gefangenschaft und wirken sich positiv auf Ihren mentalen Zustand aus. Damit Sie in Form bleiben, müssen Sie regelmäßig essen. Lehnen Sie das Essen nicht ab, das Ihnen die Entführer geben. Sie brauchen Energie, um zu überleben. Eine even­tuelle Angst, die Entführer hätten das Essen vergiftet, ist unbegründet. Es gäbe für sie leichtere Möglichkeiten, Sie zu töten.

Achten Sie auf Ihre persönliche Hygiene. Entwickeln Sie Routinen, um den eigenen Körper zu reinigen, soweit die Umstände dies erlauben. Eine über längere Zeit un­terlassene Körperhygiene kann in extremen Klimaverhält­nissen wie Wüsten oder Urwäldern fatale Folgen haben. Zudem ist Körperpflege Ausdruck Ihres Selbstrespekts und dient der Abgrenzung: Sie wollen nicht aussehen wie Ihre Geiselnehmer. Als Mann schneiden Sie wenn möglich Ihre Haare und rasieren sich. Tragen Sie, sofern es Ihnen er­laubt ist, weiterhin Ihre eigene Kleidung als Ausdruck Ihrer eigenen Persönlichkeit.

Bauen Sie eine persönliche Beziehung zu Ihren Entführern auf – in Maßen. Ihr Ziel sollte eine kontrollierte Kooperation sein. Bewahren Sie zu Anfang Distanz und gewinnen Sie zunächst einen Eindruck von Ihren Geisel­nehmern. Versuchen Sie, die unterschiedlichen Persönlich­keiten und Charaktere einzuschätzen: Wer ist Anführer, wer Mitläufer? Wer freundlich, wer ein Sadist? Sobald Sie diesbezüglich etwas Klarheit haben, etablieren Sie vor­sichtig und gezielt den Kontakt zu ausgewählten Geisel­nehmern.

Gelingt Ihnen das, können Sie eventuell Ihren Handlungsspielraum erhöhen, erhalten mehr Essen, dür­fen häufiger auf die Toilette oder können Ihren persön­lichen Komfort auf andere Weise steigern. Außerdem fällt es (psychisch gesunden) Menschen deutlich schwerer, diejenigen zu töten, zu denen sie eine persönliche Bezie­hung aufgebaut haben.

 

Entführer und Entführte: gefährliche Nähe

Bei alledem ist dennoch höchste Vorsicht geboten: Geisel und Geiselnehmer werden durch die extreme Situation und die damit verbundenen emotionalen Belastungen ungewollt zusammengeschweißt. Die Grenzen zwischen beiden Parteien können gerade bei länger andauernden Entführungssituationen verschwimmen. So kann es pas­sieren, dass Geiseln ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen und Sympathie und Verständ­nis für deren Sache entwickeln.

Dieses als »Stockholm­ Syndrom« bekannte psychologische Phänomen kann dazu führen, dass die Geiseln mit ihren Geiselnehmern koope­rieren oder diese gar gegenüber Polizei und Sicherheits­kräften zu schützen versuchen.

Im Anschluss an eine überstandene Entführung empfiehlt sich in jedem Fall eine psychologische Behandlung, um die extreme Situation bestmöglich zu verarbeiten und Folge­wirkungen möglichst zu mildern.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Terrorismus – wie wir uns schützen können“ (Murmann, 2016.)

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Aktuelle Entwicklungen von Strategie und Taktiken von Jihadisten sind das Thema eines Artikels von mir, der Anfang April in der aktuellen Ausgabe der Sicherheitszeitschrift Protector&WIK (4/2016) erschienen ist. Hier einige Auszüge:

Paris war der endgültige Beweis, dass der Islamische Staat (IS) nun auch Europa ins Visier genommen hat. Die Anschläge waren von Sicherheitsbehörden und Beobachtern seit Monaten erwartet worden. Denn die Terror-Strategie der Jihadisten ist kein Geheimnis. Formuliert wurde diese Strategie bereits 2005 von einem der wichtigsten jihadistischen Vordenker überhaupt: Abu Musab Al-Suri.

Seine Gedanken zur Strategie des Jihadismus hat Al-Suri in seinem 2005 erschienenen Werk „Aufruf zum globalen islamischen Widerstand“ dargelegt. In seinem Buch propagiert Al-Suri zweierlei: Erstens eine Strategie des dezentralen oder führerlosen Jihad. Schließlich enthält die Schrift konkrete Anweisungen für die Durchführung von Terroranschlägen.

Massenmorde sind das Ziel

Dabei spricht sich Al-Suri in aller Deutlichkeit für Massenmorde aus: Anschläge sollten möglichst viele Menschen töten; das vorrangige Ziel seien daher jene Orte, an denen sich möglichst viele Menschen versammelten: Sportveranstaltungen, Konzerthallen, Restaurants, Märkte, Hochhäuser, grundsätzlich jedes öffentliche Gebäude.

Mit seinem Vorgehen folgt der IS exakt der Doktrin Al-Suris. Die Anschläge von Paris und Brüssel waren Massenmorde ganz im Sinne des Jihad-Strategen. Den Weisungen Al-Suris entsprechend richteten sich die Anschläge allesamt gegen weiche Ziele, um möglichst hohe Opferzahlen zu garantieren.

Dabei stellen die Anschläge von Paris und Brüssel nicht nur in strategischer Hinsicht einen Meilenstein dar. Sie sind auch in taktischer Hinsicht bemerkenswert – und signalisieren einen neuen Trend im jihadistischen Terrorismus. Neu ist der Einsatz unabhängig operierender Hit-Teams, das Vorgehen gegen mehrere weiche Ziele unterschiedlicher Natur sowie der kombinierte Einsatz von Schusswaffen, Bomben und Sprengstoffgürteln.

Weiterlesen? Laden Sie den vollständigen Artikel hier herunter. Oder bestellen Sie die aktuelle Ausgabe auf sicherheit.info.

Global geocoded tone of all Summary of World Broadcasts content, January 1979–April 2011 mentioning “bin Laden”. A full–resolution version of this figure is available at

Entführungen, mehr Terroranschläge, steigende Kriminalität – das ist die Kehrseite des Arabischen Frühlings. Unternehmen vor Ort brauchen künftig ein Frühwarnsystem, um in derart unsicheren Verhältnissen erfolgreich zu agieren. Hilfe könnten Mathematik und Algorithmen bringen: Big Data heißt das Stichwort. Weiterlesen