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Anno 1999 kursierte am Seminar für Arabistik und Islamwissenschaften in Göttingen ein Witz. Demnach gab es  dort drei Gruppen von Studenten: Die ersten waren Kinder binationaler Partnerschaften und wollten ihre arabische Identität ergründen, das waren die Autobiografen. Die zweiten waren die Politiker: Die wollten den Nahostkonflikt lösen. Die dritten schließlich hatten das Fach aus romantischen Gründen gewählt – sie hatten zu viel Karl May gelesen.

Der Nahostkonflikt dominierte damals die Berichterstattung über die Region und erhitzte die Gemüter – nicht nur auf der arabischen Straße, sondern auch im Seminar. Der Nahe Osten und Nordafrika ließen sich in weiten Teilen vortrefflich bereisen, von einzelnen Ländern wie dem Irak Saddam Husseins oder dem abgeschotteten Saudi-Arabien abgesehen. Syrien war ein beliebtes Ziel zum Arabisch lernen, ebenso der Jemen. In Nordafrika, vor allem im Süden Algeriens, später auch in Libyen und in Mali, zogen Wüstenreisen Touristen an. Vielerorts war noch ein Hauch vom »alten Orient« zu spüren, so zumindest ist meine Erinnerung.

Das größte Risiko stellte 1999 – mit weitem Abstand – der Straßenverkehr dar. Terroristische Anschläge kamen eher selten vor, zum Beispiel das Massaker im ägyptischen Luxor 1997. Die Kriminalitätsrate war in der gesamten Region durchweg sehr niedrig – eine Folge der zahlreichen autoritären Polizeistaat-Regime. Soziale Unruhen hat es immer gegeben, aber eben vereinzelt sowie lokal und zeitlich begrenzt. Als Ausländer aus dem Westen konnte man sich in der Region fast überall frei und ungehindert bewegen, die entsprechenden Sprachkenntnisse vorausgesetzt. In der Rückschau war es eine vergleichsweise ruhige und übersichtliche Zeit, sofern das Wort »übersichtlich« im Zusammenhang mit dem Nahen Osten irgendeinen Sinn ergibt.

2019 ist die Region gefährlicher als 1999

Zwanzig Jahre später bestimmen nun Krieg, Terrorismus, konfessionelle Konflikte und soziale Unruhen in weiten Teilen das Bild vom Nahen Osten und Nordafrika. Die Region ist politisch instabil, die Verhältnisse noch komplizierter als schon 1999. In Libyen und Teilen Syriens herrscht Krieg, Saudi-Arabien führt seit 2015 einen ebenso erbitterten wie erfolglosen Krieg gegen die Huthi-Rebellen im Jemen. Der Konflikt hat den ohnehin bettelarmen Jemen in eine humanitäre Katastrophe gestürzt, die größte des 21. Jahrhunderts.

Wo Staaten fragil werden oder ganz zerfallen, profitieren Dschihadisten und Milizen. Nicht allein im Jemen, auch im Irak und in Syrien, in Ägypten, Libyen und Tunesien sind Rückzugsräume für Terroristen entstanden, haben sich No-go-Areas gebildet, die zu betreten lebensgefährlich ist. Infolgedessen sind Wüstenreisen in die Sahara heute nur sehr eingeschränkt möglich. Der alte Orient existiert nicht mehr – außer vielleicht bei Karl May. 

Zwei Zäsuren waren maßgeblich für diese Entwicklung: die Anschläge vom 11. September 2001 und der Arabische Frühling ab 2011. Der »Krieg gegen den Terror«, den US-Präsident George W. Bush als Reaktion auf die Anschläge von New York und Washington ausrief und der zum Einmarsch in Afghanistan 2001 und im Irak 2003 führte, hatte vor allem ein Ergebnis: Er hat den Aufschwung des islamistischen Terrorismus befördert und die Welt unsicherer gemacht.

Die Umbrüche von 2011 wiederum haben dazu geführt, dass Staaten in sich zusammengefallen und Grenzen ihre Bedeutung verloren haben. Seither werden lange unterdrückte Konflikte mit Gewalt ausgetragen, wird im Zuge einer fundamentalen Neuordnung des Nahen Ostens und Nordafrikas um Macht gekämpft.

Höhere Risiken erfordern eine intensivere Vorbereitung

Heute gelten in der Region andere Spielregeln als Ende des vergangenen Jahrhunderts. Es gibt mehr Risiken, und sie sind größer. Zwar bleibt der Straßenverkehr unangefochten das Risiko Nummer eins in vielen Ländern, doch heute existieren daneben auch Bedrohungen wie Terroranschläge, eine steigende Anzahl von Entführungen, soziale Unruhen und viel Kriminalität. Nicht zu vergessen sind Überwachung und Spionage: In vielen Ländern sind die repressiven Regime dank neuer Technologien in der Lage, Bürger und Oppositionelle in einem bislang unbekannten Ausmaß zu überwachen und zu gängeln.

Für Reisende und Expats bedeutet diese Entwicklung: Aufenthalte im Nahen Osten und in Nordafrika erfordern eine intensivere Vorbereitung. Das betrifft insbesondere jene Unternehmen und internationale Organisationen, die Mitarbeiter in Krisengebiete und fragile Staaten entsenden. Manche Länder in der Region sind derzeit ohne intensive Vorbereitung und robuste Sicherheitsmaßnahmen vor Ort, wie bewaffneten Personenschutz und gepanzerte Fahrzeuge, praktisch nicht zu bereisen. Dazu gehören gegenwärtig Kriegsgebiete wie Libyen, Syrien und der Jemen, in Teilen auch der Irak.

Eine professionelle Vorbereitung umfasst mindestens dreierlei: Sicherheitstrainings, Risikoanalysen sowie Krisen- und Notfallplanung. Sicherheitstrainings etwa sind heute ein fester Bestandteil der Vorbereitung von Mitarbeitern, die in die Region entsendet werden. Darin lernen sie grundlegende Verhaltensweisen, um die eigene Sicherheit auf Reisen zu erhöhen: etwa wie man sich vor Ort unauffällig bewegt oder Gefahren frühzeitig erkennt. Weitere wichtige Themen sind das Verhalten im Falle von Unruhen, bei Terroranschlägen oder Entführungen.

Risikoanalysen erfassen und bewerten die verschiedenen Risiken für Reisende. Solche Analysen erfordern eine präzise Kenntnis des jeweiligen lokalen Kontexts und der Akteure und Dynamiken vor Ort. Im Idealfall sind Berater vorab vor Ort unterwegs, suchen geeignete Hotels und Quartiere, legen sichere Routen fest und identifizieren eventuelle No-go-Areas. Hinzu kommen Krisen- und Notfallpläne, die festlegen, welche Protokolle zum Beispiel im Falle einer Entführung oder einer notwendigen Evakuierung greifen.

Überwachung: das vergessene Risiko

Ein Risiko wird bei den Reisevorbereitungen für diesen neuen Nahen Osten immer wieder übersehen: das der Überwachung. Allen voran Ägypten und Saudi-Arabien instrumentalisieren Antiterrorgesetze, um sich unliebsamer Kritiker, Oppositioneller und sonstiger Feinde zu entledigen. Die Überwachung betrifft jedoch auch Reisende und Expats.

Besonders gefährdet sind Berufsgruppen, zu deren Aufgaben auch das Sammeln von Informationen gehört. Dazu zählen Forscher und Wissenschaftler, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und politischen Stiftungen sowie Journalisten. In den von zunehmender Paranoia beherrschten Überwachungsstaaten ist jeder potenziell der Spionage verdächtig, der Informationen sammelt oder sich zu sehr für das Innenleben von Ministerien und anderen staatlichen Einrichtungen interessiert.

Die Ermordung des italienischen Studenten Giulio Regeni 2016 in Ägypten hat gezeigt, wie weit diese Regimes gehen. Regeni hatte zum Thema Gewerkschaften geforscht, verschwand dann spurlos und wurde später tot aufgefunden. Sein Körper war von zahlreichen Folterspuren gezeichnet.

Das ist der neue Nahe Osten: instabil, volatil und befreit von den letzten Spuren des »alten Orients«, dem man als Reisender vor zwanzig Jahren hier und da noch begegnen konnte. Es ist eine Welt voller Risiken und voller Unwägbarkeiten, was aber auch bedeutet: voller möglicher Zukunftsszenarien. Das böte viel Stoff für neue Abenteuerbücher. Karl May wäre begeistert.

 

Dieser Text ist zuerst in der Jubiläumsausgabe (Print) der Zenith erschienen. Hier können Sie die (sehr lesenswerte) Ausgabe bestellen. Ich habe den Text für den Blog leicht überarbeitet.

 

Foto: (c) Florian Peil

Mikro

Sommerzeit ist Festivalzeit. Dabei sind Großveranstaltungen wie Rock am Ring, Wacken Open Air oder das Hurricane Festival immer auch eine besondere Herausforderung für Veranstalter, Sicherheitsdienste und die Polizei.

In der 13. Folge des KNS Podcasts diskutieren meine Kollegen Malte Roschinski, Yan St-Pierre und ich über die Sicherheit und Risiken bei der Durchführung von Festivals und anderen Großveranstaltungen. Wir beleuchten die potenziellen Gefahren, diskutieren, wie mit abstrakten Bedrohungslagen umzugehen ist und klären, wer von den Beteiligten für Risikoanalyse und Sicherheitskonzept zuständig ist – und ob wir in Deutschland neue Standards zur Sicherung von Festivals brauchen.

Festivals: Freiheit vs. Sicherheit?

Anlass für die Auswahl des Thema war die Auseinandersetzung zwischen der Polizei Mecklenburg-Vorpommerns und den Veranstaltern des „Fusion Festivals“, das vom 26. Juni bis 30. Juni an der Müritz stattfindet. Die Polizei hatte „schwere Mängel“ im Sicherheitskonzept des Veranstalters festgestellt. In Reaktion darauf wollte die Polizei eine mobile Wache auf dem Festival-Gelände aufstellen, zum ersten Mal in mehr als 20 Jahren, in denen das Festival bereits stattfindet.

Inzwischen ist die Polizei nach massivem Widerstand von Veranstalter und Besuchern von dem Vorhaben wieder abgerückt. Nach Äußerungen von Veranstaltern und Besuchern hätte eine dauerhafte Polizei-Präsenz dem Festival seinen Freiheitscharakter genommen und damit dessen Untergang bedeutet. Die Vorgänge sind hier und hier sehr gut dargestellt.

Was bisher geschah: Terroranschlag, Massenpanik, Absagen

Sicherheitsrelevante Ereignisse bei Großveranstaltungen hat es in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren bereits mehrere gegeben: 2010 kamen bei der Loveparade in Duisburg infolge einer Massenpanik 21 Menschen im Gedränge ums Leben, 541 weitere wurden verletzt, zum Teil schwer.

Im Februar 2015 sagten Veranstalter und Polizei den Schoduvel in Braunschweig ab. Grund war eine „konkrete Gefährdung“ durch einen terroristischen Anschlag. Im November 2015 dann wurde das Länderspiel Deutschland – Niederlande absagt – ebenfalls wegen einer „akuten terroristischen Gefährdungslage“.

Im Juli 2016 zündete ein syrischer Asylbewerber einen Sprengsatz in Ansbach auf dem Musikfestival „Ansbach Open“. Er tötete damit sich selbst und verletzte 15 Menschen. 2017 schließlich unterbrachen Polizei und Veranstalter vorübergehend das Festival „Rock am Ring“ wegen eines Terror-Alarms.

 

Den Podcast finden Sie auf SoundCloud und bei iTunes.

Wir freuen uns über Fragen und Kommentare via Twitter an @KNSBerlin.

Ein gängiger Ratschlag für Reisende und Expats bei der Vorbereitung auf Geschäftsreisen und Auslandseinsätze lautet, sich unterwegs „low profile“ zu verhalten. Fällt dieser Begriff zum Beispiel in einem der gängigen Sicherheitstrainings, nicken viele Teilnehmer freundlich und dann geht es weiter zum nächsten Thema.

Was mit der griffigen Phrase „Low Profile“ tatsächlich gemeint ist, ist indes kaum jemandem klar. Und das ist schade. Denn Low Profile ist ein wertvolles und einfaches Werkzeug, um die persönliche Sicherheit auf Reisen zu erhöhen.  

In diesem Blog-Artikel kläre ich die folgenden Fragen:

  • Was ist Low Profile?
  • Welchen Nutzen hat Low Profile?
  • Wie funktioniert Low Profile in der Praxis?
  • Wo sind die Grenzen von Low Profile?

Was Low Profile ist

Low Profile bedeutet, sich soweit wie möglich in die jeweilige Umgebung, in den jeweiligen lokalen Kontext einzufügen, mit dem Ziel, möglichst wenig aufzufallen. Es geht darum, in der Masse unterzugehen statt herauszustechen.

Im Kern bedeutet Low Profile, sich möglichst unauffällig zu verhalten. 

Low Profile ist ein Prinzip, mit dem sich durch das eigene Verhalten die eigene Sicherheit bei Auslandsreisen effektiv erhöhen lässt. Man bleibt unter dem Radar jener Menschen, die einem nicht wohl gesonnen sind.

Der englische Begriff „Low Profile“ ist im Sicherheits- und Risikomanagement etabliert. Da im Deutschen kein adäquater Begriff existiert, verwende ich den englischen Ausdruck.

Welchen Nutzen Low Profile hat

Low Profile ist ein effektives Werkzeug, das unsere persönliche Sicherheit auf Reisen erhöht. Unauffälliges Verhalten kann zum Beispiel das Risiko krimineller Übergriffe wie Raubüberfälle oder Diebstähle verringern. 

Auf diese Weise sinkt unsere Verwundbarkeit gegenüber Bedrohungen wie Kriminalität, Terrorismus und sexueller Belästigung. Wer nicht in den Fokus von Kriminellen gerät, der wird auch nicht überfallen – schlicht, weil er nicht als potenzielles Opfer wahrgenommen wird. 

Damit ist Low Profile auch eine Form der Prävention. Es hilft uns dabei, in Ruhe und möglichst unbeachtet den eigenen Aktivitäten nachgehen zu können. 

Die Umsetzung des Prinzips Low Profile macht den Anwender zu einem sogenannten harten Ziel für potenzielle Angreifer. Harte Ziele sind – im Gegensatz zu weichen Zielen – durch Sicherheitsmaßnahmen geschützt. Wer ein hartes Ziel ist, verringert die Wahrscheinlichkeit erheblich, Ziel krimineller Angriffe oder sexueller Übergriffe zu werden. Kriminelle suchen Opfer, keine Gegner.

In diesem Kontext ist es wichtig, die Täterperspektive zu verstehen: Wer mit Raubüberfällen seinen Lebensunterhalt verdient, der will sein „Tagwerk“ mit möglichst wenig Risiko erledigen. Ein Krimineller will nicht verhaftet werden und ins Gefängnis wandern. Deshalb brauchen Kriminelle Opfer.

Wo Low Profile keinen Sinn macht: in Hochrisikoländern wie Pakistan oder Nigeria. Da erfahrungsgemäß ohnehin jeder Kriminelle oder Terrorist vor Ort ab dem Tag Ihrer Ankunft weiß, dass ein lohnenswertes Ziel in der Stadt ist, bietet Low Profile keinen Schutz. Hier brauchen sie das Gegenteil: „High Profile“, wie zum Beispiel gepanzerte Fahrzeuge, bewaffneter Personenschutz, Tracking-Systeme, Notfall- und Evakuierungsplanung. Auf die jeweiligen Vor- und Nachteile von „Low Profile“ und „High Profile“ werde ich in einem gesonderten Blog-Post eingehen.

Wie Low Profile in der Praxis funktioniert

Kairo im Frühjahr 2000. Ich lebte seit sechs Monaten in der Stadt, um Arabisch zu studieren, und war  zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Auf einer der Brücken, die über den Nil führen, kam mir eine Gruppe junger Männer entgegen. Als ich an ihnen vorbeiging, sprach mich einer der Männer an und fragte mich sehr freundlich nach dem Weg zum Zoo. 

Ich erklärte ihnen kurz den Weg, dann unterhielten wir uns ein wenig. Ein anderer fragte mich, von welcher Fakultät ich sei. Wir hatten uns gegenseitig schnell als Studenten erkannt, und da ist das eine übliche Frage.

Seine nächste Frage war: „Woher kommst du? 

Aus Deutschland“, sagte ich. 

Große Heiterkeit in der Gruppe. Er fragte mich wieder: „Woher kommst du wirklich?

Ich bin aus Deutschland“, sagte ich erneut und leicht irritiert. 

Nein, jetzt mal im Ernst, sag: Woher kommst du? 

Plötzlich verstand ich. Die Studenten nahmen mir nicht ab, dass ich aus Deutschland war – sie waren felsenfest der Überzeugung, ich sei Ägypter und müsse irgendwo aus dem Großraum Kairo stammen. 

Mich verblüffte das: In meiner eigenen Wahrnehmung sah ich nicht anders aus, als ich vor sechs Monaten nach Ägypten gekommen war. Mein Arabisch hatte sich zwar stark verbessert, aber für einen Einheimischen gehalten werden, das schien mir doch arg übertrieben. 

Zuhause angekommen, stellte ich mich prüfend vor den Spiegel. Und in der Tat: Ich hatte Turnschuhe an, wie sie auch viele junge Männer vor Ort trugen. Das Hemd, das ich trug, hatte ich vor Ort gekauft. Ich hatte eine gesunde Gesichtsfarbe und damals noch dunklere Haare. Ich konnte mich auf Arabisch verständigen, ohne sofort ins Stottern zu geraten. Das Wichtigste aber – und das wurde mir erst Jahre später klar – war mein Auftreten. Ich bewegte mich offenbar auf eine Art und Weise in der Stadt, die nicht darauf schließen ließ, das ich aus dem Ausland kam. 

Von Low Profile hatte ich damals noch nichts gehört. Aber für mich war diese Begegnung ein Schlüsselmoment: Ich hatte am eigenen Leib erfahren, dass und wie das Prinzip funktioniert.

Dennoch ist es in der Praxis nicht immer leicht umzusetzen. Das liegt auch daran, dass die eigenen Möglichkeiten, das eigene Profil zu reduzieren, unter- oder falsch eingeschätzt werden.

Sich unauffällig in einem fremden Land zu bewegen bedeutet nicht, dass man sich unsichtbar machen kann.

Aber das ist auch gar nicht notwendig.

 

Crowd

Hier sind die 3 wichtigsten Tipps, wie Sie sich in einer fremden Umgebung unauffällig bewegen:

 

Tipp 1: Verstehen Sie den lokalen Kontext

Den lokalen Kontext zu kennen und zu verstehen ist die ultimative Voraussetzung für die Anwendung des Low-Profile-Prinzips. Erst wenn Sie wissen, wer die Menschen vor Ort sind, wie sie leben und wie sie ticken, können Sie Maßnahmen ergreifen, um das eigene Profil zu reduzieren. 

Hier hilft das Konzept von Standards und Anomalien. Demnach hat jedes Land, jede Stadt, jede Person so etwas wie einen Standard, eine Norm, einen Konsens darüber, was als normal gilt. Dieser Standard ist jenes menschliche Verhalten, das in einer bestimmten Umgebung zu einer bestimmten Zeit als alltäglich und gebräuchlich gilt.

In jeder Umgebung, in der wir uns bewegen, sollten wir einen für uns geltenden Standard definieren. Dieser Prozess geschieht meist ohnehin automatisch und unbewusst. Erst wenn wir einen Standard definiert haben, können wir systematisch Abweichungen von der Norm feststellen.

Ebenso hat jeder Ort seine besondere Atmosphäre, einen eigenen Rhythmus. Wann immer Sie an einen neuen Ort kommen, können Sie sich zum Beispiel folgende Fragen stellen, um diese Atmosphäre, den Rhythmus, seinen Standard schnell zu erfassen:

  • Wie bewegen sich die Menschen dort? Sind Sie in Eile oder gehen Sie langsam? Haben Sie Zeit für ein Schwätzchen oder geht jeder seines Weges, ohne viel Kontakt zu den Mitmenschen zu suchen?
  • Wie ist die Distanzzone zwischen den Menschen? In Westeuropa versuchen die Menschen in der Regel etwa eine Armlänge Abstand zueinander zu bewahren. In Indien oder Bangladesch ist die Distanz deutlich geringer. Sind Berührungen normal oder sind sie eher ein Tabu?
  • Wie sprechen die Menschen? Reden sie schnell und viel oder eher langsam und bedächtig?

Wenn Sie den Standard eines Ortes erfasst haben, können Sie Maßnahmen treffen, um sich dem anzupassen. Unauffällig zu sein bedeutet, sich dem jeweiligen Standard anzupassen.

Sie haben folgende Möglichkeiten, Ihr eigenes Profil durch Anpassung zu reduzieren:

 

Tipp 2:  Schmuck und Kleidung anpassen

Hier gibt es Faktoren, auf die Sie Einfluss nehmen können – und andere, wo dies nicht möglich ist. 

KEINEN Einfluss haben Sie zum Beispiel auf Ihre Hautfarbe und Ihren Körperbau. 

Worauf Sie hingegen Einfluss haben, sind: Ihre Haarfarbe, Augenfarbe (getönte Kontaktlinsen), Haare und Bart (bei Männern). Finden Sie heraus, welche Frisuren die Männer und Frauen in Ihrem Zielland tragen (Stil, Länge) und wie gepflegt sie grundsätzlich sind. 

Tragen die Menschen vor Ort Schmuck? Sind Piercings, Ohr- und Nasenringe normal? Wie ist es mit Körperschmuck wie Tätowierungen und Brandings? Können Sie diese offen zur Schau stellen oder sollten Sie sie besser verdecken?

Uhren sind oftmals ebenfalls ein guter Indikator für die Herkunft eines Menschen. Prüfen Sie, ob die Menschen am Zielort überhaupt Uhren tragen. Falls nein: Legen Sie Ihre ab oder ersetzen Sie eine auffällige, teure Uhr für die Dauer Ihres Aufenthalts ggf. durch eine billige Digitaluhr. Überlegen Sie: Was sagt es über einen Menschen aus, wenn er eine teure Fliegeruhr trägt?

Auch bei der Kleidung gilt: Prüfen Sie, was die Einheimischen vor Ort tragen. Wenn Sie nicht ausschließlich geschäftlich unterwegs sind und ohnehin jeden Tag in Anzug und Krawatte oder im Kostüm herumlaufen, dann empfiehlt sich an den meisten Orten der Welt eine schlichte Kleidung in gedeckten Farben. Keine Logos, keine Aufschriften.

Schuhe haben eine besondere Bedeutung. Viele Menschen werden Sie anhand Ihrer Schuhe beurteilen. Pinke Sneaker vermitteln eine andere Aussage über Sie als Person als dies billige Lederschuhe aus einem örtlichen Geschäft tun.

 

When in Rome do as the Romans do.

 

Tipp 3: Auftreten und Kommunikation anpassen

Den Eindruck, den Sie aufgrund Ihres Aussehens und Ihrer Kleidung vermitteln, können Sie durch Ihr persönliches Auftreten und Ihre Art und Weise der Kommunikation beeinflussen oder relativieren. So kann es durchaus gelingen, dass man Sie als weißen Westeuropäer im Kongo zwar wahrnimmt, aber aufgrund Ihres angepassten Auftretens aber als „ortszugehörig“ erkennt und damit in Ruhe lässt. Sie fallen natürlich auf, aber Sie sind kein „Fremdkörper“ in der Umgebung.

Ihr Auftreten spricht Bände darüber, wie vertraut Sie mit den lokalen Sitten und Gebräuchen sind. Kennen Sie die lokalen Spielregeln?

Wie bewegen Sie sich zum Beispiel zu Fuß in der Öffentlichkeit? Wie finden Sie Ihr Ziel? Wenn Sie auffallen wollen, tragen Sie einen Reiseführer oder eine Straßenkarte in der Hand, gehen Sie möglichst langsam und bleiben an jeder Ecke stehen, um Ihre Unterlagen zu konsultieren. In vielen Gegenden der Welt wird es keine Minute dauern und Sie werden Gesellschaft haben. Und eventuell nicht die, die Sie gerne hätte: Menschen mit fragwürdigen Hilfsangeboten, aufdringliche Straßenhändler – und Kriminelle, die Sie als leichtes Opfer in ihrem Territorium identifiziert haben. 

Lassen Sie die Karten und Reiseführer in Ihrem Gepäck oder konsultieren Sie diese nur verdeckt, an einem nichtöffentlichen Ort wie einer Toilette in einem Restaurant. Nach Möglichkeit haben Sie sich die Route bereits vorab im Kopf eingeprägt. Gehen Sie zügig und bewegen Sie sich gezielt auf ein Ziel zu. Wenn Sie einfach ziellos durch die Gegend schlendern wollen, dann vermitteln Sie zumindest nach außen hin einen zielstrebigen Eindruck.

Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg Ihres Low-Profile-Ansatzes sind Ihre Sprachkenntnisse. Sprechen Sie die vor Ort gängige Sprache? Wie gut sind Ihre Kenntnisse? Je besser Sie die jeweilige Sprache beherrschen, desto eher wird man Ihre Anwesenheit als „normal“  akzeptieren. Wie gehen Sie mit aggressiven Straßenhändlern und Bettlern um? Treten Sie entschlossen auf und setzen Grenzen – oder sind Sie schüchtern und zurückhaltend, weil Sie die lokalen Spielregeln noch nicht kennen. Auch das sagt viel über Sie aus.

Seien sie sich im Klaren darüber, dass die Menschen in Regionen außerhalb klassischer Touristengegenden sich fragen, warum Sie dort sind: Welchen nachvollziehbaren Grund haben Sie, dort zu sein? Um das herauszufinden, testet man Sie, um Sie besser einschätzen und bewerten zu können. Das gilt umso mehr, je fragiler die Sicherheitslage in Ihrem Zielland ist, je chaotischer die Strukturen. 

Low Profile unterwegs zu sein heißt auch, möglichst anonym unterwegs sein. Erzählen Sie nicht jedem Fremden gleich Ihre Lebensgeschichte. Schwer einschätzbar zu sein kann dabei helfen, unauffällig unterwegs zu sein. Denn wenn Kriminelle und andere Menschen, die Ihnen nicht wohl gesonnen sind, nicht wissen, woran Sie bei Ihnen sind, über welche Fähigkeiten oder Kontakte vor Ort sie verfügen, wird man Sie in der Regel mit Vorsicht und Zurückhaltung behandeln und eher geneigt sein, auf Distanz zu bleiben. Denn Sie schlecht zu behandeln, könnte ja bedeuten, der eigenen Person schaden.

Fazit und Einschränkungen

Low Profile bedeutet im Kern, sich unauffällig zu bewegen und nicht oder nur wenig aufzufallen. Sie können dazu Ihr Aussehen und Ihre Kleidung verändern, Ihr Auftreten und Ihre Kommunikation anpassen. Aber Sie können sich nicht gänzlich unsichtbar machen. 

Von daher ist Ihr Spielraum mitunter schnell erreicht, je nach lokalem Kontext. Als rothaariger Westeuropäer werden Sie im Osten des Kongo immer auffallen, da können Sie sich auf den Kopf stellen. Aber sie können durch Ihre Kleidung, Ihr Auftreten und Ihre Sprachkenntnisse viel an Boden gutmachen. Werden Sie sich darüber klar, auf welche Faktoren Sie selber Einfluss nehmen können – und wo die Grenzen liegen. 

Die gute Nachricht ist: Je länger Sie an einem bestimmten Ort bleiben, desto mehr werden Sie sich anpassen. Dies geschieht unbewusst und automatisch. Daher lässt sich die Anwendung des Low-Profile-Prinzips nur vor Ort üben und verbessern. Es ist ein praktisches Thema.

Dennoch bleibt die Vorbereitung von entscheidender Bedeutung: Eine präzise Kenntnis der lokalen Verhältnisse ist die zwingend notwendige Voraussetzung, um im Ausland unauffällig reisen und arbeiten zu können. 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Üben! 

Und Glückwunsch! Wenn Sie die 3 Tipps in der Praxis anwenden, werden in Zukunft ein härteres Ziel für Kriminelle abgeben. Durch einige einfache Anpassungen haben Sie Ihre persönliche Sicherheit auf Reisen erheblich erhöht.

 

Haben Sie bereits Erfahrungen mit dem Prinzip Low Profile auf Reisen gemacht? Teilen Sie Ihre Erfahrungen und hinterlassen Sie einen Kommentar!

 

(c) Fotos: Pexels

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Lassen sich Krisen vorhersagen? Gibt es Methoden und Werkzeuge, die ein Forecasting (Vorhersagbarkeit) von geopolitischen Ereignissen wie des Arabischen Frühlings 2011 ermöglichen?

In der fünften Episode des KNS Podcasts diskutieren Malte Roschinski, Yan St. Pierre und ich, welche Möglichkeiten Unternehmen und Hilfsorganisationen haben, um sich in dynamischen Verhältnissen wie in Risikogebieten mehr Handlungsspielraum zu verschaffen.

Wir diskutieren das Konzept der „Schwachen Signale“, die Vorteile von Big Data – und die neuen Herausforderungen, die es mit sich bringt. Weiterhin besprechen wir, welche Rolle und Bedeutung heute dem klassischen „Experten“ zukommt, und wie eine optimale Kombination von Big Data und Expertentum aussehen könnte.

 

Den Podcast finden Sie auch auf SoundCloud und bei iTunes.

Viel Spaß beim Hören!

 

Über das Konzept der „Schwachen Signale“ und die Möglichkeiten und Herausforderungen habe ich bereits 2013 ausführlich geschrieben. Den Text finden Sie hier.

Mikro

Was ist Intelligence – Geheimwaffe von Staaten oder auch Handwerkszeug für Unternehmen und NGOs?

In der dritten Folge des KNS-Podcasts spreche ich mit Malte Roschinski und Yan St-Pierre über die zahlreichen Bedeutungen des „Zauberworts Intelligence“, die Unterschiede zwischen Daten, Informationen und Handlungswissen – und über die Frage, wie sich Intelligence im Risikomanagement sinnvoll und zielgerichtet einzusetzen ist.

Den Podcast finden Sie auch auf SoundCloud und bei iTunes.

Viel Spaß beim Hören!

 

Global geocoded tone of all Summary of World Broadcasts content, January 1979–April 2011 mentioning “bin Laden”. A full–resolution version of this figure is available at

Entführungen, mehr Terroranschläge, steigende Kriminalität – das ist die Kehrseite des Arabischen Frühlings. Unternehmen vor Ort brauchen künftig ein Frühwarnsystem, um in derart unsicheren Verhältnissen erfolgreich zu agieren. Hilfe könnten Mathematik und Algorithmen bringen: Big Data heißt das Stichwort. Weiterlesen